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Shutter Island

Erstellt von Michael Drewniok am 1. März 2010

lehane-shutter-island-cover-2010Dennis Lehane
Shutter Island

Originaltitel: Shutter Island (New York : William Morris 2003)
Übersetzung: Andrea Fischer
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2004 (Ullstein Verlag)
365 S.
ISBN-13: 978-3-550-08457-7
Taschenbuchausgabe: Mai 2005 (Ullstein-Verlag/Ullstein TB Nr. 26194)
365 S.
ISBN-13: 978-3-548-26194-2
Sonderausgabe zum Film: Februar 2010 (Ullstein-Verlag/Ullstein TB Nr. 28124)
365 S.
ISBN-13: 978-3-548-28124-7

Als Audiobook: Oktober 2009 (Bastei-Lübbe Verlag/Lübbe Audio)
Sprecher: Oliver Rohrbeck
6 CDs (ca. 400 min.)
ISBN-13: 978-3-7857-4225-9

lehane-shutter-island-coverDas geschieht:

Ein seltsamer Fall bringt die US-Marshalls Edward „Teddy“ Daniels und Charles „Chuck“ Aule in diesem Sommer des Jahres 1954 nach Shutter Island. Auf der kleinen Insel unweit des Hafens von Boston im US-Staat Massachusetts steht das Ashecliffe Hospital für psychisch kranke Straftäter. Aus einer der Zellen ist die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando verschwunden. Jemand muss ihr geholfen haben.

Überhaupt werden die Sicherheitsvorkehrungen eher lax gehandhabt. Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Polizisten bei ihren Ermittlungen. Was geht wirklich vor auf Shutter Island? Die Anlage wird aus Schmiergeldfonds dubioser Politfundamentalisten finanziert. Möglicherweise führt man heimlich Menschenversuche durch und ‚behandelt‘ Patienten mit Drogen.

Teddy Daniels kann Solandos kryptische Abschiedsbotschaft entschlüsseln: Im streng abgeschirmten Hospitalblock C, in dem die besonders gefährlichen und unheilbaren Fälle untergebracht werden, gibt es einen Patienten Nr. 67, der nirgendwo registriert ist. Er scheint im Zentrum der mysteriösen Umtriebe auf Shutter Island zu stehen.

Gegen den zunehmend offener werdenden Widerstand von Ärzten und Pflegern und unter dem Eindruck einer anonymen Bedrohung aus dem Hintergrund ermitteln Daniels und Aule fieberhaft weiter. Zu allem Überfluss wird Shutter Island durch einen Sturm vom Festland abgeschnitten. Dann mehren sich die Zeichen, dass Daniels absichtlich auf die Insel gelockt wurde, denn er hütet einige Geheimnisse, die er sorgfältig vor seinem Partner verbirgt und die mit dem Ashecliffe-Hospital zu tun haben. Aber auch Aule ist nicht der Mann, der zu sein er vorgibt, sodass Daniels schließlich allein steht, während seine Gegner schon die Lobotomie-Messer wetzen …

Irrsinnig guter Thriller mit Horror-Elementen

Der deutsche Film „Das Kabinett des Dr. Caligari“, entstanden 1919, gilt als Meisterwerk des Kinos. Hier seine Geschichte zu erzählen hieße die Lösung des Shutter-Island-Mysteriums zu verraten, was auf keinen Fall geschehen soll, obwohl kritische Stimmen behaupten, der kundige Leser wisse ohnehin schon nach wenigen Seiten, in welche Richtung der Hase laufen wird. Dem mag so sein, muss aber nicht. Was zählt, ist die erzählerische Handwerkskunst, mit der Dennis Lehane so direkt wie selten in der Hirn der Dunkelheit vorstößt und eine Stimmung präsenter, aber nie fassbarer Bedrohung schafft.

Wer ist wer auf Shutter Island? Niemand, wie sich herausstellt. Die Kulisse ist erschreckend genug: Auf einer einsamen Insel steht ein Irrenhaus – so muss man es wohl bezeichnen –, erbaut auf den Ruinen einer uralten Festung. Unterirdische Gänge und Höhlen verwandeln das Eiland in ein Labyrinth. Auf einem unheimlichen Friedhof liegt manches Geheimnis gut begraben. Codierte Botschaften künden Furchtbares an. Ein Leuchtturm verbirgt in seinem Inneren Grausiges. Furcht- und hirnlose Supersoldaten warten auf ihren Einsatz.

Der Ort ist bizarr, das Geschehen wird immer unwirklicher – beides hat seine Gründe, die sich dem Leser allmählich enthüllen. Die bis ins Klischee überdrehten Elemente des klassischen Gruselfilms haben ihre feste Funktion in dieser Geschichte. Abgesehen davon sind sie zeitlos. Hetzjagd im Irrenhaus auf einer Insel im Hurrikan – unverfrorener geht es nicht mehr, aber es wirkt, so wie es Lehane erzählt. Dazu trägt neben seiner Wortgewandtheit auch die leise Ironie mit, die immer wieder erkennen lässt, dass der Verfasser sehr wohl um die Absurdität dessen weiß, was er uns da vorsetzt.

Im Labyrinth des eigenen Geistes

„Normal“ und „geisteskrank“ sind nicht unbedingt fixe Diagnosen. Der Maßstab für das eine sowie für das andere kann ganz erheblich schwanken, so macht es Dr. Cawley Teddy Daniels in einer der vielen eindrucksvollen Passagen dieses Romans beängstigend deutlich. Das Fundament, auf dem sich mentale Gesundheit gründet, steht auf trügerischem Boden. Wie man ihn stabilisiert, darüber sind sich die Spezialisten keineswegs einig. Auf Shutter Island werden in dieser Hinsicht neue Wege beschritten, aber sind es auch die richtigen?

Die ‚Behandlung‘ von Geisteskranken beschränkte sich über viele Jahrhunderte darin, sie sorgfältig wegzuschließen und ruhig zu stellen. Dafür bediente man sich durchaus barbarischer Methoden. Die Angst davor und die kollektive Erinnerung daran haben uns noch heute nicht verlassen. Ashcliffe Hospital ist einerseits ein örtlich verlagertes Bedlam, in dem die realen ‚Irren‘ von London seit 1547 ihr elendes Dasein fristeten, und andererseits ein literarisches Arkham Asylum, hinter dessen dicken Mauern der Joker und andere von Batman ausgeschaltete Psychopathen verschwinden.

So lässt die finstere Präsenz dieses Ortes auch einen kriminalistischen Profi wie Teddy Daniels nicht unberührt, obwohl er sich betont lässig gibt. Der erfolgreiche Polizist ist durch private Schwierigkeiten aus dem seelischen Gleichgewicht; seine Frau wurde Opfer eines Verbrechens, der Witwer ist latent selbstmordgefährdet. Da kommt ihm viel Arbeit gerade recht. Was Daniels auf Shutter Island erlebt, weckt seine inneren Dämonen indes erst richtig.

Dr. Cawley, der Anstaltsdirektor, und die anderen Ärzte und Pfleger spielen Rollen. Als ihnen dies zu misslingen droht, werden sie zur Bedrohung. Chuck Aule wirkt lange als Ruhepunkt im Sturm. Allerdings könnte der gute Freund durchaus ein Spitzel sein, der ihn im Auftrag Cawleys beobachtet und manipuliert.

Das überraschende Ende eines grausamen Spiels

Daniels hat Recht – und er irrt sich. Die Zwiespältigkeit, mit der jede Figur auftritt, ist nicht nur ein Spannung schürendes, sondern wiederum ein integrales Element der Handlung, die sonst nicht funktionieren könnte. So setzt sich auch in der Figurenzeichnung die angenehme Ungewissheit fort, mit der Lehane sein Publikum bei der Stange hält.

Selbst wenn man ahnt und schließlich weiß, was auf Shutter Island geschieht, steigt die geschickt geschürte Spannung stetig. Lehane beherrscht sein Handwerk. Es ist deshalb nicht ihm vorzuwerfen, dass die Auflösung des Plots dem Weg dorthin nicht standhalten kann. Begeht man den Fehler, über den schließlich aufgedeckten bösen Plan nachzudenken, fallen einem sofort die gewaltigen logischen Lücken und seine Abhängigkeit von unwahrscheinlichen Zufällen ein, die ihn als reines Konstrukt eines Unterhaltungsromans entlarven. Dennoch funktioniert das Finale im Rahmen der Story. Wir sind freundlich gestimmt, nachdem Autor Lehane uns über mehr als 300 Seiten vorzüglich an der Nase herumgeführt hat. So leicht wie dieses Buch lesen sich nur wenige der Thriller, die meist die Bestsellerlisten blockieren.

Autor

Dennis Lehane wurde 1966 in Dorchester, Massachusetts, einer Vorstadt der Metropole Boston, als jüngstes von fünf Geschwistern geboren. Sein Vater arbeitete für die Warenhauskette Sears & Roebuck, seine Mutter in einer Schul-Caféteria. Lehane ging in Boston zur Schule und studierte auch dort. Anschließend übernahm er eine Reihe von Gelegenheitsjobs, bevor er sich als therapeutischer Berater versuchte. Lehane betreute geistig Behinderte sowie sexuell missbrauchte Kinder. Hier machte er jene psychologischen Erfahrungen, die er später in seine Romane einfließen ließ.

Lehane wollte Schriftsteller werden. Er lernte seinen Job an der Florida International University in Miami. Nach dem Abschluss begann er ernsthaft zu schreiben, während er anspruchslose Tätigkeiten als Parkplatzwächter oder Limonaden-Ausfahrer annahm, um seinen Lebensunterhalt zu sichern und einen freien Kopf für seine Geschichten zu behalten. Zwar las Lehane gern Kriminalromane, er legte es jedoch nicht darauf an, in diesem Genre zu starten. Eher zufällig wurde ein Thriller seine  erste Veröffentlichung. Das Manuskript zu „A Drink Before the War“ (dt. „Streng vertraulich“) hatte er bereits 1990 verfasst, aber bis zur Veröffentlichung dauerte es vier Jahre.

„A Drink …“ wurde zum ersten Band der Serie um Patrick Kenzie and Angela Gennaro, die in Dorchester als Privatdetektive arbeiten. Der Verfasser beschrieb das überaus erfolgreiche Duo als „Nick & Nora Charles – nur sehr viel taffer!“ Er spielt damit auf eines der erfolgreichsten Pärchen der klassischen Kriminalliteratur an, das der große Dashiell Hammett (1894-1961) in „The Thin Man“ (1934; dt. „Mordsache Dünner Mann“) schuf und das zwischen 1934 und 1947 sechs Mal im Kino von William Powell und Myrna Loy gespielt wurde. Scheinbar lässig im Umgang, brodeln unter der Oberfläche sichtlich große Gefühle füreinander, wobei Lehane die Situation zuspitzt, indem er Angela ausgerechnet Patricks besten Freund heiraten ließ.

Längst wurde Lehane vom Kino entdeckt. Clint Eastwood, der als Regisseur ein waches Auge für filmreife Bücher jenseits des Blockbuster-Mainstreams besitzt, brachte 2003 mit großem Erfolg „Mystic River“ auf die Leinwand. Der Schauspieler Ben Affleck tat es ihm 2007 gleich: Seine erste Regiearbeit wurde „Gone, Baby, Gone“ nach dem gleichnamigen Kenzie/Gennaro-Roman (dt. „Kein Kinderspiel“). 2009 realisierte Martin Scorcese „Shutter Island“ mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingley und Max von Sydow in den Hauptrollen; ihm gelang ein echter Blockbuster, der den Geist der Romanvorlage sehr gut transportiert.

Dennis Lehanes Website findet man hier.

[md]

Titel bei Buch24
Titel bei Buch24 (Sonderausgabe zum Film)
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Leopard

Erstellt von Werner Karl am 28. Februar 2010

leopardJo Nesbø
Leopard

Kriminalroman
Originaltitel Panserhjerte 2009 H. Aschehoug & Co., Oslo
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries
Ullstein Buchverlage (2010)
Umfang: 699 Seiten
ISBN 9783550087745

www.ullstein.de

Zum Autor:

Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Bereits sein Debüt, Der Fledermausmann, wurde als „Bester Kriminalroman des Jahres“ ausgezeichnet. Inzwischen gilt Jo Nesbø als Norwegens erfolgreichster Autor und gelangt mit jedem neuen Kriminalroman auf Platz 1 der Bestsellerliste. Die Harry-Hole-Serie wurde in über dreißig Sprachen übersetzt, allein in Deutschland sind über eine Million Exemplare verkauft. Leopard ist der achte Roman um Kriminalkommissar Harry Hole. Jo Nesbø lebt in Oslo.

Zum Buch:

In seinem neuen Kriminalroman Leopard entführt Jo Nesbø den Leser gleich zu Beginn in die grausame Welt eines Mörders. Eine junge Frau ist in Gefangenschaft. Sie wird von ihrem Peiniger gezwungen eine Metallkugel in der Größe einer Billardkugel in den Mund zu schieben. Dann wird sie alleingelassen. Die Noppen der Kugel drücken auf  ihre Luftröhre, gegen den gesamten Kiefer. Doch da ist ein Metalldraht von dem „der Leopard“ gesagt hat sie solle nicht daran ziehen. Vielleicht ist das die Rettung. So zieht die Frau an dem Draht und…stirbt. Sie ertrinkt, ein grausamer Tod.

Dies ist der Beginn des Suchens.

Zunächst einmal wird Kaja Solness von ihrem Chef Gunnar Hagen beauftragt, Harry Hole zu suchen. Harry hat nach seinem letzten Fall den Dienst quittiert und sich nach Hongkong zurückgezogen. Dort lebt er in einem verkommenen Zimmer und „genießt“ sein Leben im Rausch mit Alkohol, Opium und Pferdewetten. Gesucht wird er in Hongkong von den Triaden, da er  Schulden gemacht hat. Dennoch will er Kaja nicht nach Oslo folgen um bei der Aufklärung mehrere mysteriöser Morde zu helfen. Nur die Tatsache, dass sein Vater im Krankenhaus liegt und nicht mehr lange zu leben hat, bewegt ihn dazu, Kaja nach Oslo zu folgen.

Dort angekommen gerät Harry nicht nur in ein Spiel des Killers hinein, sondern muss sich auch mit vielen anderen Dingen auseinandersetzen. Zunächst einmal ist da Mikael Bellmann, Leiter des Kriminalamtes, der die alleinige Kriminalmacht in Oslo anstrebt und das Morddezernat rund um Gunnar Hagen ausbooten will. Da aber will Harry nicht mitspielen und so kommt es unter den Ermittlern zu erbitterten Machtkämpfen. In Harrys neuem Team jedoch scheint es einen Maulwurf zu geben, aber wer ist es?

In Harrys Liebesleben gibt es ebenfalls Neuigkeiten, aber kann er Rakel wirklich vergessen?

Die Suche nach der Tatwaffe führt Harry nach Goma, Kongo.
Die Suche nach der Gemeinsamkeit der Opfer führt ihn in eine einsame Berghütte.
Die Suche nach der Denkweise des Täters führt ihn zu einem anderen Täter, „dem Schneemann“ und damit zu seiner Vergangenheit.

Mehr als einmal gerät Harry in Situationen, die mehr als brenzlig sind, aber er überlebt, jedes Mal. Das scheint mir als Leserin zwar manches Mal etwas überzogen, tut dem Gesamtbild eines spannenden Kriminalromans aber keinen Abbruch. Nicht nur die Ermittlungen im Mordfall, sondern auch Harrys Gemütszustand und seine Sorge um den kranken Vater nehmen viel Raum in diesem Buch ein. An keiner Stelle aber wird dies langweilig, denn alles hängt irgendwie zusammen. Schließlich möchte der Täter ja auch gefunden werden und wie stellt er das an? Er sucht die Nähe des Ermittlers. Dies fädelt der Autor hier so geschickt ein, dass die Hinweise von einem potentiellen Täter zum nächsten deuten und man als Leser das Gefühl nicht los wird immer noch mehr im Dunkeln zu tappen.

Der Titel ist abgeleitet aus dem Anfang des Buches. Hier wird der Täter vom Opfer als „Leopard“ beschrieben. Ich persönlich finde diesen Titel in Bezug auf den Täter nicht wirklich passend. Der Originaltitel „Panserhjerte“ ist da durchaus treffender. Das Cover ist passend zum Titel gewählt. Auch wenn die Fähigkeiten des Harry Hole mir oft etwas zu dick aufgetragen werden, ist dieser Kriminalroman durchweg sehr spannend und absolut lesenswert.

Copyright © 2010 by Iris Gasper

Titel erhältlich bei:
Buch24.de

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Die Insel

Erstellt von Michael Drewniok am 27. Februar 2010

connolly-insel-cover-2008John Connolly
Die Insel

(sfbentry)
Originaltitel: Bad Men (London : Hodder & Stoughton 2003)
Übersetzung: Charlotte Breuer/Norbert Möllemann
Deutsche Erstausgabe: August 2005 (Ullstein Verlag/Ullstein Paperback Nr. 26300)
480 S.
ISBN-13: 978-3-548-16300-7
Als Taschenbuch: Juni 2008 (Ullstein Verlag/Ullstein TB Nr. 26940)
480 S.
ISBN-13: 978-3-548-26940-5

Das geschieht:

Dutch Island ist eine Insel vor der Pazifikküste des US-Staats Maine. Knapp tausend Menschen leben hier und bilden eine geschlossene Gemeinschaft; Fremde vom Festland fassen schwer Fuß. Marianne Elliot kämpft als alleinerziehende Mutter mit vielen Vorurteilen. Dennoch arrangiert sie sich, denn sie ist auf der Flucht vor ihrem Ex-Mann: Edward Moloch ist ein Psychopath, der sie sucht, seit sie sich mit Sohn Danny und viel Geld abgesetzt hat. Nach drei Jahren Haft ist Moloch gerade ausgebrochen. Mit sechs vertierten Killern zieht er auf der Suche nach seiner Familie und dem Geld eine blutige Spur durchs Land, während er sich Dutch Island bedrohlich nähert.

Dort beginnt Marianne gerade eine Beziehung mit dem depressiven Inselpolizisten Joe Dupree, genannt „Melancholie-Joe“. Der 2,15 m große Mann gehört einer der ältesten Familien von Dutch Island an. Er kennt und hütet die Geheimnisse der Insel, die einst „Sanctuary“ – „Zuflucht“ – hieß; der wahre Hohn, denn im Jahre 1693 hatten sich Siedler vom Festland auf die Insel zurückgezogen. Ein Verbannter aus den eigenen Reihen war zum Verräter geworden, hatte mit feindseligen Indianern paktiert und diese heimlich zu den Siedlern geführt, die mit Mann & Maus ausgelöscht wurde.

Seither geht es auf Dutch Island um. Die Einheimischen wissen nichts Genaues und hegen ihre Unkenntnis sorgfältig. Belegt ist allerdings, dass die Geister der Insel von Gewalt magisch angezogen werden. Wer auf Dutch Island in dieser Hinsicht über die Stränge schlägt, schwebt in Lebensgefahr. Immer wieder verschwinden Säufer, Schläger und andere unerfreuliche Zeitgenossen spurlos im dichten Inselwald. Leider unterscheiden besagte Geister nicht zwischen Tätern und Opfern. Deshalb führt die Ankunft Molochs und seiner Spießgesellen zum Umkippen des sorgfältig austarierten Gleichgewichts und schließlich zur Katastrophe. Die Killer terrorisieren das Inselvolk, und die Geister werden stärker und dreister, während ein Unwetter Dutch Island vom Festland und von jeder Hilfe isoliert …

Psychopathen-Terror & Gespensterspuk

Die gar nicht Glorreichen Sieben in der Nacht der lebenden Toten: Auf sehr ungewöhnlichen Pfaden wandelt Autor John Connolly, bekannt geworden durch seine hochklassigen Thriller um den Ermittler Charlie „Bird“ Parker. Dass er dieses Genre mit der Phantastik mischt, ist so ungewöhnlich freilich nicht. Der Blick auf Connollys Website verrät, dass der Autor seit jeher auch Geistergeschichten verfasst.

Nach eigener Aussage sind Genregrenzen für ihn ohnehin Nebensache. Eine spannende Geschichte möchte Connolly erzählen. Dafür ist ihm jedes Mittel recht. Hierin kann man ihm prinzipiell zustimmen, doch das Ergebnis wirkt leicht unausgegoren. „Die Insel“ ist einerseits ein echter Pageturner, der andererseits einen ähnlichen Eindruck wie der Filmklassiker „From Dusk Till Dawn“ hinterlässt: Zu einer Einheit wollen sich Diesseitiges und Jenseitiges nicht wirklich verbinden.

Die Story ist actionorientiert. Hintergründigkeit wird vor allem in der Figurenzeichnung suggeriert, bleibt aber Behauptung. Der Plot ist denkbar schlicht. Dass dies in der Regel nicht unangenehm auffällt, verdanken wir Connollys schriftstellerischem Geschick. Er kennt die Tricks, mit denen er sein Publikum bei der Stange halten kann. Erschreckende aber nie direkt geschilderte Gewaltszenen wechseln mit quasi dokumentarischen Einblicken in das Alltagsleben auf einer abgeschotteten Insel. Selbst der Humor kommt nicht zu kurz; Connolly gelingen vor allem kurze, trockene Einzeiler („In der Küche entdeckte er einen Stapel mit Fast-Food-Verpackungen, voll mit abgenagten Knochen jener winzigen Hühnchen, die Imbissketten auf irgendeinem verstrahlten Pazifikatoll züchteten …“; S. 96)

Die Insel als Ort und Sinnbild

Während man sich an den Auftritt von Gespenstern erst allmählich gewöhnt, ist Connollys detailliert gestaltete Rekonstruktion der fiktiven Inselhistorie durchweg reizvoll. Nordamerika ist ein Land mit einer Geschichte, die mehr als genug gruselige Episoden für ebensolche Storys bietet. In Neuengland konnten die Ureinwohner den europäischen Einwanderern zumindest im 17. Jahrhundert durchaus Paroli bieten. Wilde, oft vergessene Dramen spielten sich in dem weiten Land ab, wobei beide Parteien sich in Sachen Grausamkeit nichts schuldig blieben. Diese Vergangenheit weiß Connolly als Kulisse zu nutzen.

Echte Spukstimmung kommt auf, wenn die Verdammten von Dutch Island des Nachts ihr Unwesen treiben. Zusätzlich baut Connolly eine weitere Handlungsebene auf, wenn er die Ereignisse der Vergangenheit in der Gegenwart spiegelt: Ohne es zu wissen sind sowohl die toten als auch die lebenden Bewohner die Insel in einer Schleife gefangen, die zu einer Neuauflage des Massakers von 1693 auszuarten droht. Einige Beteiligte von damals mischen wieder mit, denn ihre Seelen kehrten nicht als Geister wieder, sondern reinkarniert in den Körpern verschiedener Figuren.

Wobei die Figurenzeichnung ohnehin dem hybriden Charakter des Werkes ausgiebig Rechnung trägt. Da haben wir u. a. einen melancholischen Riesen, sieben wahrlich böse Männer (obwohl eine Frau zu ihnen zählt, die allerdings eher Mannweib ist), eine einsame Mutter mit Kuckuckskind und viele böse Geister. Diese Aufzählung unterstreicht, dass sich der Leser gewissen Herausforderungen stellen muss. Schon der Amoklauf von Moloch – welcher Name! – und seiner Natural Born Killers ist pure Übertreibung. Sie morden, vergewaltigen und verstümmeln voll angestrengter Bosheit, ohne dass sich das Gesetz blicken lässt. Als es dann endlich in Erscheinung tritt, manifestiert es sich in grotesker Gestalt.

Drama mit Klischee-Besetzung

Joe Dupree ist als zwiespältiger Charakter angelegt. Solche Tiefe verträgt „Die Insel“ anders als Connollys Parker-Romane indes nicht. Duprees Riesengestalt und die ihm daraus erwachsenen Probleme wirken aufgesetzt. Der Riesenkörper verbirgt den üblichen Klischee-Cop mit goldenem Herzen und schwieriger Vergangenheit. Folgerichtig treffen wir auf Dutch Island auch sonst die üblichen kauzigen Verdächtigen, die gut aus einem der üblichen Stephen-King-TV-Filme – der Gruselkönig residiert bekanntlich in Maine – rekrutiert worden sein könnten.

Dazu gibt es nicht nur eine, sondern gleich zwei starke Frauengestalten. Auch hier ist zu relativieren. Sharon Macy gibt den weiblichen „Rookie“ im Polizeigeschäft und muss sich im Kampf gegen zudringliche Männer und Kriminelle gleichermaßen behaupten. Marianne Elliot ist eine vom Leben gebeutelte aber ungebrochene Supermutter, die sich den Schrecken einer sorgsam verdrängten Vergangenheit stellen und gleichzeitig ihr Kind verteidigen muss, ohne die Opferrolle wirklich zu verlassen.

Das gilt erfreulicherweise nicht für die Dutch-Island-Wiedergänger. Connolly geht von der Theorie aus, dass Geister verlorene Seelen sind, die ein gewaltsames Ende in ein Zwischenreich versetzte, wo sie ohne Gefühl für die verstrichene Zeit oder die Veränderung ihrer Umgebung dazu verdammt sind, automatengleich und sinnlos die Lebenden zu piesacken; ein seltsames, ungerechtes Schicksal, denn sie sind an ihrem Tod schließlich unschuldig. Akzeptieren wir dieses Konzept, wirkt es überzeugend: Die Seelen der Siedler sind als unausgesprochene Bedrohung ständig präsent. Sie nähren sich von negativen Emotionen und treten ausgesprochen mitleidlos auf den Plan, wo diese freigesetzt werden: Connolly-Geister lassen sich nicht durch eine gute Tat erlösen. Sie sind und bleiben böse, wobei sie – ein gelungener Kunstgriff – aufgrund ihrer sonderbaren Natur für ihr Tun nicht verantwortlich gemacht werden können.

Fakt bleibt, dass „Die Insel“ ein zwiespältiges Lektürevergnügen darstellt. Da Connolly – es sei nachdrücklich wiederholt – sein Handwerk versteht, sichert indes den Unterhaltungsfaktor dieses seltsamen aber lesenswerten Romans, der zudem bereits andeutet, welche Richtung der Autor inzwischen auch mit der Parker-Serie eingeschlagen hat.

Autor

Obwohl er die Odyssee eines US-amerikanischen Privatermittlers beschreibt, wurde John Connolly 1968 im irischen Dublin geboren, wuchs dort auf, studierte und arbeitete (nach einer langen Kette von Aushilfsjobs) als Journalist (für „The Irish Times“), was er fortsetzt, obwohl sich der Erfolg als freier Schriftsteller inzwischen eingestellt hat. Die amerikanischen Schauplätze seiner Charlie-„Bird“-Parker-Thriller kennt Connolly aber durchaus aus eigener Erfahrung; schon seit Jahren verbringt er jeweils etwa die Hälfte eines Jahres in Irland und den Vereinigten Staaten.

Verwiesen sei auf die in Form und Inhalt wirklich gute Connolly-Website, die nicht nur über Leben und Werk informiert, sondern quasi als Bonus mehrere Gruselgeschichten und Artikel präsentiert.

[md]

Titel bei Buch24.de

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In weisser Stille

Erstellt von Werner Karl am 22. Februar 2010

in-weisser-stilleInge Löhnig
In weisser Stille

Kriminalroman
Ullstein Buchverlage GmbH
1.Auflage Februar 2010
Umfang 442 Seiten
ISBN 9783548268651

www.ullstein-taschenbuch.de
www.inge-loehnig.de

Die Autorin

Inge Löhnig, wurde 1957 in München geboren und studierte dort nach dem Fahabitur Grafik-Design. Nach einer Karriere als Art-Directorin in verschiedenen Werbeagenturen machte sie sich selbstständig. Heute lebt sie als Grafik-Designerin und Autorin mit ihrer Familie bei München.

Das Buch:

In weisser Stille von Inge Löhnig ist der zweite Kriminalroman rund um den ermittelnden Kommissar Dühnfort und sein Team. Diesmal verschlägt es den Kommissar an den Starnberger See. Dort wird er in das Wochenendhaus des pensionierten Kinderarztes Dr. Wolfram Heckeroth gerufen. Wolfram Heckeroth wird tot, mit Gürteln an die Heizung gefesselt, aufgefunden. Todesursache: Verdursten!

Die Ermittlungen führen den Kommissar in das familiäre Umfeld. Dort gibt es viele Verdächtige, aber zunächst keine wirklichen Spuren. Albert hat seinen Vater gefunden. Vor Jahren hat er dessen  Kinderarztpraxis übernommen. Er war immer das Kind, auf das Wolfram Heckeroth besonders stolz war. Und er stand auch immer bereit, wenn der Vater rief. Hierunter leidet schon seit langem Alberts Ehe mit Babs, obwohl die Beiden gemeinsam mit ihren zwei Söhnen eine kleine glückliche Familie sein könnten. Die Tochter Caroline geht sehr gefasst mit der Todesnachricht um. Sie ist liiert mit Marc und arbeitet Vollzeit in einer Firma. Sie scheint sehr strebsam und zielorientiert zu sein, ihr Verhältnis zum Vater jedoch ist ehr nüchtern. Beim Tod ihrer Mutter hat sie dieser versprochen ein Tagebuch aus der Wohnung der Eltern zu holen und zu vernichten.

Dieses Tagebuch findet sie nun und beginnt es zu lesen. Was hierbei zu Tage tritt, hätte Caroline wohl nicht erwartet. Der zweite Sohn Werner, ist eine verkrachte Existenz. Er hat in seinem Leben schon immer gegen den Vater agiert und war diesem wohl ein Leben lang ein Dorn im Auge. Gerade deshalb nimmt auch Werner die Nachricht vom Tod seines Vaters locker auf. Doch dann findet die Polizei Fotos, die Aufschluss über gewisse sexuelle Neigungen des Dr. Wolfram Heckeroth geben. Und dann gibt es einen weiteren Toten.

Inge Löhnig zeigt uns in diesem Krimi eine Welt von familiärer Gewalt, psychischem Druck und Liebesentzug. Sie lässt uns in die Abgründe der Psyche ihrer Protagonisten blicken. Es gelingt ihr hervorragend den Leser immer wieder aufs Neue rätseln zu lassen, wer nun was getan hat. Und selbst als das klar zu sein scheint, bleibt immer noch die Frage nach dem Warum. Neben der Haupthandlung, die von der Suche nach dem Täter geprägt ist, lebt das Buch auch von den emotionalen Stimmungen des Kommissars. Dühnfort ist nach wie vor in Agnes verliebt, aber er merkt mehr und mehr, dass diese Liebe nicht von ihr so erwidert wird, wie er sich das wünscht. Und so scheinen sich langsam aber sicher neue Bande zu entwickeln zwischen ihm und….

Oder ist das doch nicht so? Sind die Gefühle für Agnes so groß, dass Dühnfort nicht mehr ohne sie sein kann, auch wenn er dann auf seinen Lebenstraum verzichten muss? Hier bleibt der Ausgang natürlich offen und lässt die Leserschaft auf einen weiteren spannenden Fall rund um den Kommissar und sein Liebesleben hoffen. Krimiunterhaltung made in Germany. Nur zu empfehlen!! (5xPRT)

Copyright © 2010 by Iris Gasper

Titel bei Buch24.de:
In weisser Stille

Rund um Kommissar Dühnfort ist von der Autorin bereits erschienen:
Der Sünde Sold

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Caligo

Erstellt von Werner Karl am 15. Februar 2010

caligoMarc van Allen
Caligo

Ullstein Taschenbuch Nr.26615
Thriller
ISBN 9783548266152
Umfang: 496 Seiten

www.ullstein.de

Bestreben nach “unsichtbarer“ Weltherrschaft

Dieses Buch ist der 3.Teil einer Trilogie – leider kenne ich die Vorgänger nicht. Für die Story an sich fehlen mir die beiden Teile vorher nicht, man kann sie durchaus als abgeschlossenen Teil ansehen. Zwar werden hier teils auf vorherige Ereignisse kurz eingegangen, aber diese werden kurz erläutert. Das Cover zeigt einen Bildausschnitt aus dem Panteon in Rom, oben die Öffnung in der Kuppel. Dies bezieht sich doch eindeutig auf das Buch, denn in Rom befindet sich bis zur Zerstörung die Hauptzentrale der „Anderen“. Vielleicht ist die Figur auf dem Bild ein Widerstandskämpfer. Das Panteon hat eine Öffnung im Dach, das Oculum, das den Blick in den Himmel freigibt und als einzige Lichtöffnung (außer der Tür) die Sonne hinein lässt. Gut, wer schon da war, kann es wahrscheinlich gut erkennen. Daher gefällt mir das Cover sehr gut, auch farblich in roten, schwarzen und grauen Tönen.

In der Story geht es im Wesentlichen um den abseits der Zivilisation geführten Krieg im Verborgenen: Die Anhänger des Ordens Ordo invisibilium wollen mit allen Mitteln die Weltherrschaft an sich reißen und agieren hierzu seit Jahrzehnten zu ihrem Vorteil. Sie selbst – die 13 „Grauen“ und die Urväter des Ordens - sind in der ersten Generation durch ein wissenschaftliches Experimente unsichtbar geworden und züchten nun schon in der 4.Generation ihre eigenen Nachkommen und bilden sie als maximale Kampfmaschinen aus. Sie bedienen sich in ihrer Grausamkeit meist ungeachtet von allen “Sichtbaren“ an den Krisengebieten der Menschen um sich eigens zu stärken. Zur Wehr setzt sich hierbei ein kleines aufgebautes Netz von Widerstandskämpfern – die Anderen. Sie bestehen aus ehemaligen Ordensschergen und echten Menschen, die aus Überzeugung gegen das selbst ernannte Regiment kämpft. Ihr Befehlshaber ist ein am Leben gehaltenes Wesen aus der Zukunft….

Den Ausschlag zum aktiven Handeln der Widerstandskämpfer gibt ein Anschlag auf eine Ausgrabungsstätte, bei der die Wissenschaftlerin Dr. Kwon und ein kleines Mädchen, das die Unsichtbaren sehen kann, entführt werden. Hierbei werden Kenneth Bowder, der Befehlsführer der Anderen, seine Tochter Alexandra und der Archäologe Paolo Genaro beim Fund einer Zeitmaschine in einer Höhle verschüttet und müssen einen Ausweg finden. Zu den weiteren Widerstandkämpfern gehört noch Ismael, ein Unsichtbarer,  Widerstandkämpfer, und Freund von Alexandra, versucht sie erneut aus der Situation zu befreien. Gemeinsam kämpfen sie gegen die ausgeklügelten Pläne des Ordens. Parallel stößt die französische Ärztin Leclerc im Tschad auf die seltsamen Entführungen und Leichen von einheimischen Frauen und wird von der Vertretung vor Ort wenig ernst genommen, bis die Anderen auf sie aufmerksam werden…

Rasant spannend entwickelt sich das Buch, nachdem ich mich auf diesem mir unbekannten Terrain von Sience Fiction und Thriller eingefunden habe. Auch die einzelnen Bezeichnungen muss man sich erst einmal verinnerlichen. Aber danach konnte ich „Caligo“ kaum aus der Hand nehmen und es hat mich förmlich in die „Unterwelt“ und bösen sehr makabren Machenschaften eingesaugt. Und am Rande natürlich auch eine kleine Lovestory zwischen….wird nicht verraten und die Konflikte in einer schwierigen durch die Vergangenheit geprägten Vater – Tochter Beziehung.

In diesem Buch lautet das Fazit: Nicht fortschauen und mit offenen Augen durch die Welt gehen, Dies bezieht sich sowohl auf die politische Lage als auch auf die Warnung, dass einzelne durch stetiges Engagement und Machtbesessenheit der Mehrheit ungesehen bzw. unbemerkt schaden können. Ein tolles Buch, aber das Thema muss man mögen! Ich bin absolut begeistert! Mehr davon!

Copyright © 2010 by Sandra Stockem

Titel bei Buch24.de:
Caligo

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LeVine & Humphrey Bogart

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Februar 2010

bergman-levine-bogart-coverAndrew Bergman
LeVine & Humphrey Bogart

Originaltitel: Hollywood & LeVine (New York : Holt, Rinehart & Winston 1975)
Deutsche Erstausgabe: 1985 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi Nr. 10334)
Übersetzung: Jürgen Bürger
221 S.
ISBN-13: 978-3-548-10334-1
(sfbentry)

Das geschieht:

Der II. Weltkrieg ist vorüber, aber die Geschäfte gehen für Jack LeVine, Privatdetektiv in New York, 1947 schlechter denn je. Da trifft es sich gut, dass ein alter Freund und Studienkollege ihn anheuern möchte. Walter Adrian lebt und arbeitet eigentlich in Hollywood, wo er es als Drehbuchautor zu Ruhm und Geld gebracht hat. Aber etwas Unheimliches geht seit einiger Zeit hinter den Kulissen der großen Studios vor. Adrian wird geschnitten, seine Karriere ist beschädigt. Gründe werden nicht genannt, aber der Autor ahnt etwas: Er hat sich stets öffentlich gegen Armut und Korruption sowie für mehr Gleichheit ausgesprochen und sogar mit dem Sozialismus geliebäugelt.

Das taten nicht nur in Hollywood viele Männer und Frauen. Die USA und die Sowjetunion waren im Krieg Verbündete. Aber seit Stalin als ernsthafter Konkurrent in der Weltpolitik auftritt, gilt die UdSSR als Reich des Bösen, Nun planen rechte Kreise  den großen Schlag und wollen unter dem Vorwand des Kampfes gegen die ‚roten‘ Elemente ihres Heimatlandes auch unliebsame Konkurrenten im Kampf um Macht und Geld kaltstellen. In dem jungen, krankhaft ehrgeizigen und skrupellosen Kongressmann Richard M. Nixon finden sie den idealen Inquisitor für ihren verbrecherischen Plan.

Ein „Komitee gegen unamerikanische Umtriebe“ wird geplant und Walter Adrian steht auf dessen Liste. LeVine kommt zu spät nach Hollywood: In der Westernstadt der Warner-Studios findet er den  Freund an einem Wildwest-Galgen baumelnd. Selbstmord, verkündet die Polizei, die als Instrument des „Komitees“ agiert. Mord, weiß LeVine, der Gerechtigkeit fordert, wie es seine Art ist. Das bringt ihn in Lebensgefahr, denn dieses Mal legt er sich mit Gegnern an, die das Gesetz auf ihrer Seite haben und sich nicht scheuen, es zwecks Einschüchterung und Mord zu beugen. Aber es gibt auch Verbündete, sodass sich LeVine während einer rasanten Verfolgungsjagd an der Seite des Filmstars Humphrey Bogart findet …

Ein ganz düsteres Kapitel

Politische Brisanz, realistische Gesellschaftskritik & Unterhaltung mit Köpfchen, dargeboten als stimmige, spannende, nachdenklich machende Mischung: Wir lesen offenkundig einen US-amerikanischen Kriminalroman aus den 1970er Jahren, als diese Elemente einander nicht ausschlossen, sondern fast vollendet harmonierten. „New Hollywood“ nannte man dieses Phänomen in der Filmstadt, die in einer kaum zehn Jahre währenden Glanzphase Meisterwerke wie „Bonnie & Clyde“ (1967), „French Connection“ (1971), „Chinatown“ (1974) oder „Taxi Driver“ (1976) zu Stande brachte.

„LeVine & Humphrey Bogart“ ist ein Werk, das sich romanhaft mit einem düsteren Kapitel der modernen US-amerikanischen Geschichte beschäftigt: den Hexenjagden des Senators McCarthy und seines „House Committee on Unamerican Activities“ (HUAC), vor das in den 1950er Jahren gezielt prominente Schauspieler, Autoren, Sänger u. a. Künstler geladen wurden, wo sie sich zu möglicherweise ungesetzlichen Aktivitäten äußern mussten. Befand sie dieses Tribunal - das selbstverständlich selbst definierte, was „unamerikanisch“ bedeutete – ‚kommunistischer Umtriebe‘ für schuldig, wurden sie bestraft und fanden sich vor allem auf einer Schwarzen Liste. Das bedeutete praktisch Berufsverbot, denn die großen Filmstudios in Hollywood, aber auch Radiostationen, Theater und sogar Nachtclubs im ganzen Land schlugen sich, um ihre Pfründen bangend, auf die Seite der Hexenjäger.

Unschuldige Männer und Frauen standen vor dem Nichts, gerieten in Not, begingen verzweifelt Selbstmord. ‚Verräter‘, die vor dem HUAC-Druck kapitulierten und ‚Genossen‘ denunzierten, entgingen dem Ruin, aber sie wurden von Kollegen und Freunden geächtet. Wer sich dem Terror widersetzte oder ihn anprangerte, geriet sofort selbst in die HUAC-Mühlen: Das ist die totalitäre Welt, deren Entstehung LeVine in erster Reihe miterleben darf.

Spannung und Brisanz

Andrew Bergmann nennt die Dinge beim Namen. Das ist längst nicht so selbstverständlich wie es uns heute vorkommt, denn 1975 waren prominente Befürworter der Hexenjagd noch am Leben oder nahmen sogar bedeutende Ämter ein. Bisher hatten sie sich ihrer historischen Verantwortung entziehen können. „LeVine & Humphrey Bogart“ markiert den Zeitpunkt, an dem sich dies änderte.

Dieser Roman demonstriert weiterhin, dass sich Anspruch und Unterhaltung in der Tat keineswegs ausschließen müssen. War „The Big Kiss-Off of 1944“ (1974, dt. „LeVine“), die erste LeVine-Geschichte, bei aller ebenfalls geäußerten Kritik an Korruption und Hurrapatriotismus vor allem eine glänzende Rekonstruktion der unmittelbaren Nachkriegszeit als Detektivstory, ist Bergman mit „LeVine & Humphrey Bogart“ eindeutig ehrgeiziger.

Düster wird der Weg in den McCarthy-Terror geschildert. Für Bergman ist bereits seine Entstehung ein Verbrechen, das vor allem deshalb inszeniert wurde, um die politischen Gegner der amerikanischen Rechten aus dem Weg zu räumen. Folglich treten deren Repräsentanten wie Gangster heimlich, bedrohlich, verschwörerisch in abbruchreifen Häusern und an anderen wenig Vertrauen erweckenden Orten auf, wird ihr Wirken als Komplott gegen Gesetz und Moral identifiziert.

Den Fall wird LeVine vielleicht lösen, aber der Gerechtigkeit wird er nicht zum Sieg verhelfen können. Beklemmend zeigt uns Bergman die Mechanismen, die dem HUAC seinen Weg ebnen. Es gibt für jene, die sich ihm in den Weg stellen, keine Warnung, keinen Schutz. So verbietet sich das obligatorische Happy-End; die Drahtzieher werden ihr übles Spiel fortsetzen, und LeVine weiß dies auch.

Detektiv am Scheideweg

Jack LeVine ist immer noch ganz genretypisch der desillusionierte, aber insgeheim idealistische und grundehrliche Privatdetektiv alter Schule. Seine aktuellen Erlebnisse sind die ideale Voraussetzung dafür zum Zyniker zu werden, denn diese Dimension des legalisierten Verbrechens sind ihm bisher nicht bekannt gewesen.

Zudem bewegt sich LeVine abseits seines Territoriums. New York kennt er, Los Angeles nicht. Das scheinbar so auf sich selbst konzentrierte, um das Filmbusiness kreisende, die Medienpräsenz beschwörende Universum von Hollywood ist tatsächlich vielschichtiger als gedacht. Auch im oberflächlichen Tinseltown leben Menschen mit politischem Idealismus - oder Ambitionen.

Machtkämpfe ganz eigener Art toben hier, in die sich LeVine vorsichtig aber unverdrossen stürzt. Normalerweise würde er gut damit fahren: Das Verbrechen ruht quasi überall auf der Welt auf gewissen Grundkonstanten, die ein erfahrener Kriminalist zu deuten weiß. Doch hier stößt LeVine an seine Grenzen. Seine unsichtbaren, schwer oder gar nicht fassbaren Gegner werden personifiziert durch den Kongressmann Richard Nixon. Das ist keine fiktive Gestalt, wie wir (hoffentlich) wissen, sondern ein historischer Prominenter ganz besonderen Kalibers: ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der von seinen Bürgern aus dem Amt gejagt wurde, weil er seine Gegner bespitzeln (und sich erwischen) ließ - und das war nur eines von zahlreichen Vergehen.

Realer Schurke im Krimi-Einsatz

Als Bergman „LeVine und Humphrey Bogart“ 1975 schrieb, war Watergate noch eine sehr aktuelle Affäre. Nixon hatte gewiss andere Sorgen, als gegen sein Porträt als skrupelloser Aufsteiger, der um jeden Preis nach oben will, zu protestieren. Zu diesem Zeitpunkt symbolisierte er den moralischen Bankrott der politischen Rechten. Wieso dies so ist, so kommen musste, versucht Bergman auf seine Weise zu illustrieren. Der junge Nixon ist bei ihm kein simpler Nachwuchsstrolch, sondern wirkt eher schizophren als ehrgeiziger Eiferer, der selbst an die hohlen Phrasen zu glauben scheint, die er in endlosen Serien hervorstößt. Bergman gelingt ein erschreckend überzeugendes Bildnis.

Ebenso eindringlich ist seine Darstellung der Opfer. Nicht Solidarität bestimmt die Situation. Statt sich zusammenzutun, versuchen die ins Visier der Inquisitoren geratenen Filmleute vor allem die eigene Haut zu retten - und sei es auf Kosten der Leidensgenossen. Das macht es ihren Gegnern doppelt leicht. Indem sie die eingeschüchterten Männer und Frau gegeneinander ausspielen, können sie im Hintergrund bleiben und die besorgten Moralisten mimen. Indem sie sich wie Vieh treiben lassen, fügen sich die Verfolgten selbst einander die schlimmsten Wunden zu: Sie verraten einander und werden das niemals vergessen oder vergeben.

Dies alles breitet Andrew Bergman auf nur 220 Seiten und dadurch ebenso dicht wie intensiv aus. Hier ist kein Raum für jenes ablenkende Geschwätz, das heute zu viele Kriminalromane in ziegelsteindicke Seifenopern verwandelt. Bergman bleibt gnadenlos auf dem Punkt und nimmt seine Leser auf eine nur allzu reale Höllenfahrt in die Vergangenheit mit.

Autor

Andrew Bergman wurde 1945 in New York City geboren. Eine Berufslaufbahn in den Medien wurde ihm quasi in die Wiege gelegt; sein Vater arbeitete als Redakteur für die „New York Daily News“. Bergman absolvierte das Harper College und studierte an der University of Wisconsin-Madison.

1971 trat Bergman mit „We’re in the Money“ hervor, einer historisch-soziologischen Studie über den von der Wirtschaftskrise und New Deal geprägten US-Film der 1930er Jahre. Kurz darauf verfasste er in rascher Folge die beiden Kriminalromane „The Big Kiss-Off of 1944“ (1974) und „Hollywood & LeVine“ (1975) um den Privatschnüffler Jack LeVine.

Dann ging Bergman selbst nach Hollywood. Mehr als ein Vierteljahrhundert arbeitete er als Drehbuchautor und Regisseur. Geschrieben und/oder inszeniert wurden von ihm Filme wie „Soapdish“ (1991; dt. „Lieblingsfeinde - eine Seifenoper“), „The Freshman“ (1990), „Fletch“ (1984; dt. „Fletch - Der Troublemaker“), „Striptease“ (1996) oder „Honeymoon in Vegas“ (1992).

2001 kehrte Bergman zur Überraschung von Publikum und Kritik zur Figur des LeVine zurück und schrieb ihm mit „Tender Is LeVine“ ein neues Abenteuer auf den Leib: Das „Striptease“-Filmdesaster von 1996 hatte ihm einen Karriereknick und viel Freizeit beschert. Erst 2003 kehrte Bergman mit „The In-Laws“ (dt. „Ein ungleiches Paar“ - nur Drehbuch) nach Hollywood zurück.

[md]

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Der brennende Engel

Erstellt von Michael Drewniok am 21. Januar 2010

Connolly_Engel.inddJohn Connolly
Der brennende Engel

Originaltitel: The Black Angel (London : Hodder & Stoughton 2005/New York : Atria Books, a division of Simon & Schuster 2005)
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): März 2008 (List im Ullstein Verlag)
Übersetzung: Georg Schmidt
508 S.
ISBN-13: 978-3-471-30006-0
Als Taschenbuch: April 2009 (Ullstein Taschenbuchverlag/TB Nr. 28048)
508 S.
ISBN-13: 978-3-548-28048-6

Das geschieht:

Seit ihn der irre „Prediger“ Aaron Faulkner zeichnete (s. „Die weiße Straße“), sind für Charlie „Bird“ Parker die Barrieren zwischen Realität und Jenseits zerbrochen. Er ‚sieht‘ die Welt jenseits der bekannten Gegenwart – und ihre schrecklichen Bewohner sehen ihn. Der Kampf gegen das Böse ist für Parker zur privaten Bewährungsprobe geworden, seit er Frau und Kind hat. Rachel, seine Gattin, weiß um seine Gabe, und sie hasst sie, weil die kleine Familie in ständiger Gefahr schwebt, von dem vernichtet zu werden, was Parker immer wieder heraufbeschwört.

Dieses Mal ist dies der abscheuliche Mr. Brightwell, einer der rebellischen Engel um Luzifer, die von Gott einst aus dem Himmel vertrieben und auf die Erde gestürzt wurden. Brightwell tritt in menschlicher Gestalt auf, um diesen Plan voranzutreiben. Ein uraltes Dokument wäre ihm und seinem teuflischen Auftraggeber von großem Nutzen. Leider wurde es vor Jahrhunderten zerteilt und über die ganze Welt verteilt. Aktuell jagt Brightwell die Prostituierten Alice und Sereta, die zufällig ein Fragment fanden, und hinterlässt dabei eine breite Blutspur.

Wie der Zufall manchmal spielt, ist Alice die verlorene Tochter von Martha Temple, die aktuell nach ihr fahnden lässt. Louis, ihr Neffe, ist nicht nur ein psychopathischer Killer mit ausgeprägtem Familiensinn sondern auch ein enger Freund von Charlie Parker, der ihm helfen wird, nach der Vermissten zu fahnden. Parker ahnt, dass Brightwell kein Mensch ist, doch auch dieser ist völlig überrascht, als er seinen Gegner trifft: Er kennt und hasst ihn aus der Zeit, als die Engel sich gegen Gott erhoben; ein Vorleben, das Parker völlig unbekannt ist. Brightwell will Parker vernichten, aber er verliert darüber nicht das eigentliche Ziel aus den Augen: die Erweckung des „Schwarzen Engels“ Immael, der seit Jahrhunderten in Gefangenschaft schmachtet und auf den Tag der Rache wartet …

Himmel & Hölle und ihr Kampf auf Erden

Die Hölle öffnet endgültig ihre Pforten, um Charlie Parker willkommen zu heißen: Mit dem fünften Teil der Serie verabschiedet sich die Handlung vom halbwegs ‚realistisch‘ geerdeten Thriller, dessen stilistische Mittel der Verfasser Connolly zwar beibehält, um sie jedoch für eine lupenreine Mystery-Story einzusetzen. Das Ergebnis ist ein weiteres Highlight der an Überraschungen ohnehin nicht armen Parker-Serie. Angesichts der Thematik ist das trotz des Talents, das der Autor einmal mehr unter Beweis stellt, keine Selbstverständlichkeit. Abgegrast ist die einst fruchtbare Weide, die Dan Brown mit „The Da Vinci Code“ (2003; dt. „Sakrileg“) zertrampelte, nachdem ihm, der selbst kein besonders raffinierter Schriftsteller vor dem Herrn ist, viel zu viele hungrige Schreib-Schafe hinterher stürmten, die nur marginal variiert widerkäuten, was ihnen der Meister als Erfolgsrezept vorgegeben hatte: Der Vatikan ist eine geheime Weltmacht, die einerseits spinnerte Häretiker-Sekten in Schach hält, während sie andererseits um der eigenen Vorherrschaft willen eigene Geheimbünde ausschickt oder den Christen dieser Welt wahre, aber der Kirche unwillkommene Botschaften der Bibel vorenthält.

Auch John Connolly hält sich in gewisser Weise an diese Vorgabe. Die „Gläubigen“ bilden eine streng geheime Gruppe, die in einem gewaltigen aber den Normalmenschen unbekannten Krieg zwischen Gut & Böse aus dem Verborgenen ihre Fäden zieht. Sie haben ihre Widersacher, zu denen in der Tat ein Rollkommando der Kirche gehört, das den „Gläubigen“ seit auf die Finger sieht und klopft.

Connolly wagt sich auf noch dünneres Eis: Er setzt eine Weltgeschichte voraus, die zumindest Fundamentalchristen und Verschwörungstheoretiker entzücken müsste: Die Bibel hat doch recht bzw. jene Teile der Bibel – die „Apokryphen“ –, die von der bösen Kirche (s. o.) unterdrückt wurden. In diesem Fall geht es um das Buch Enoch, in dem u. a. ausführlich über den Krieg der Engel gegen Gott, ihre Niederlage und ihren Sturz auf die Erde berichtet wird.

Was wurde aus Luzifers Höllenengeln?

An dieser Stelle ist es müßig, eine Diskussion über die Apokryphen zu führen; kluge Köpfe werden seit vielen Jahren über ihre Herkunft und ihre Bedeutung zerbrochen. Connelly greift Enochs Schilderung auf und arbeitet sie als ‚authentische‘ Vergangenheit in seine Geschichte ein. Dabei vereinfacht er die Vorlage, die ein Gleichnis mit vielen im Text verschlüsselten Bedeutungen ist. Connellys gestürzte Engel haben zum einen die Hölle eingerichtet und sich zum anderen unter die Menschen gemischt, die sie als von Gott ihnen vorgezogene Geschöpfe hassen und deshalb so ausgiebig piesacken wie möglich. Außerdem arbeiten sie an einer Art Masterplan, mit dem sie den Krieg gegen Gott wieder aufleben lassen und gewinnen wollen.

Liest man diese in dürre Worte skizzierte Hintergrundsituation, klingt sie ausgesprochen lächerlich. Für die Geschichte, der Connolly den Titel „Der brennende Engel“ gab, funktioniert sie freilich prächtig – als gut umgesetzte Phantastik nämlich, die keinerlei Anspruch auf Glaubhaftigkeit erhebt und mit den Fakten spielt, um sie der Handlung anzupassen.

Die schmale Kluft zwischen Schrecken & Possenspiel

Denn obwohl Connolly vor allem mit historischen ‚Fakten‘ nicht spart, sollte man ihn lieber nicht wörtlich nehmen. Besonders seine Sicht der nazideutschen Vergangenheit ist ausgesprochen angloamerikanisch und basiert auf oberflächlicher Recherche sowie Kino- und TV-Filmen. Die von ihm eingestreuten Informationen über Institution und Wesen der SS sind nicht nur auf den Effekt getrimmt, sondern zum Teil lachhaft oder schlicht falsch, und zu allem Überfluss konservieren sie das Bild vom dämonisch genialen Nazi, der doch tatsächlich ein brutal banaler Fließbandarbeiter des Todes war.

Auch die Fabulierkunst eines guten Geschichtenerzählers kann eben nicht mit der Realität Schritt halten. Auf sicherem Boden bewegt sich Connolly dort, wo er seine bösen Engel ausschwärmen lässt; über die gibt es keine gesicherten Fakten, die den Verfasser ad absurdum führen könnten. Deshalb irritiert die Frage, wieso denn so mächtige Geschöpfe sich die Erde nicht längst unterwofen haben, nur kurz: Es geht nicht, weil sie menschliche Gestalt annehmen und sich den Naturgesetzen unterwerfen müssen.

Geisterbahn-Grusel kommt ins Spiel, wenn Connolly erneut das in seinen Parker-Romanen bewährte Prinzip aufgreift, Bösewichter erstens körperlich missgestaltet und zweitens als Duo auftreten zu lassen. Hier sind es der abnorm feiste Brightwell und die sadistische Hope Zahn, die sich herrlich schurkisch aufführen. Man kann über sie lachen oder sie ernst nehmen, aber ihre völlig überzogenen Teufeleien verfolgt der Leser gern, weil Connolly bei aller Übertreibung an der Klippe über dem bodenlosen Meer der Lächerlichkeit stets das Gleichgewicht wahrt. Vor allem Brightwell ist ein Monstrum mit Persönlichkeit. Nicht ohne Grund ist er interessanter als der eigentliche Schuft, die übliche Graue Eminenz im Hintergrund, die erst im Finale die Bühne betritt.

Allerdings ist die Eindringlichkeit, mit der Connolly das Böse in den frühen Parker-Romanen in Gestalt des „Fahrenden Mannes“ als unbekannte aber manifeste Kraft darzustellen wusste, kaum mehr spürbar. Das Grauen kommt nun drastisch daher: Menschen werden gefoltert und ermordet, ihre Knochen als Rohstoff für absonderliche ‚Kunstwerke‘ missbraucht; das Blut spritzt und die Schreie gellen. Nur selten findet Connolly zur alten, leisen, wahrlich erschreckenden Form zurück, wenn er z. B. einen ‚Sammler‘ schildert, der Menschenschädel aus China bezieht: Es sind die Köpfe hingerichteter Regimegegner, die ausgeweidet und stückweise verhökert werden. Das ist echte Bosheit, die schaudern lässt!

Der „Gute“ unter den Gefallenen

Fraglich bleibt Connollys Entscheidung, Parker selbst eine prominente Stellung in seinem sich allmählich entfaltenden Kosmos zuzuweisen. Gestartet ist er als Polizist, dem ein unheimlicher Serienmörder die Familie nahm. Später wurde er Detektiv mit der Fähigkeit, buchstäblich Gespenster zu sehen. Jetzt ist er die Inkarnation eines rebellischen Engels, der zwar mit Luzifers Brut auf die Erde geschleudert wurde, aber Gottes Vergebung sucht: ein Rebell gegen die Rebellen. Das ist starker Tobak, denn wie soll ein Mensch mit solchem Wissen noch Mensch bleiben? Was bedeutet es für die Romanfigur Parker? Wie weit kann Connolly noch gehen, ohne sein Konzept von Himmel, Hölle & Erde in ein Passionsspiel auf Kasperle-Theater-Niveau zu verwandeln?

Zumal der inkarnierte Engel nach dem Willen Connollys nicht nur mit Dämonen, sondern auch mit sehr weltlichen Problemen kämpfen muss: Gattin Rachel klammert; sie will einen Mann, der einer friedlichen Tätigkeit nachgeht und abends pünktlich daheim bei Frau und Kind ist. Das klappt natürlich nicht, wenn man die Welt vor dem Erzbösen retten muss. Leider weigert sich Rachel das zu verstehen; sie besteht auf ihre kleine, heile Welt, setzt sich mit Töchterlein Sam zur Mutter ab und sorgt für viele Seiten literarischen Herzeleids, wenn sie Parkers Anrufe ungnädig zur Kenntnis nimmt. Connolly möchte mit dieser Seifenoper die Tragik betonen, zu der Parker per Schicksal verdammt wurde. Quäkende Babys und saure Mütter sind freilich ein wenig zu viel der Klischees. Ein in Silber getauchter Engel wirkt im Vergleich dazu wesentlich unterhaltsamer!

„Memento mori“ – Gedenke des Todes

Zu den Realitäten, auf die sich Connolly in „Der brennende Engel“ immer wieder stützt, gehört die Existenz der Allerheiligenkirche zu Sedlec (früher Sedletz), gelegen ca. 70 km östlich von Prag. Hier und im Beinhaus ruhen die Gebeine von 40.000 Menschen. Die eigentliche Faszination dieses Ortes beruht auf der Ausgestaltung der Kirche, die Connolly, der Sedlec besucht hat, sehr akkurat beschreibt: Hier wurden ab 1870 in jahrelanger Arbeit die Knochen von 10.000 Leichen zu aberwitzigen Ornamenten und Skulpturen zusammengefügt, die den Besucher an seine Sterblichkeit erinnern sollen.

Wer sich ein Bild von der „Knochenkirche“ und ihrer Einrichtung verschaffen möchte, sei auf folgende Website verwiesen. Man wird bei dieser digitalen Rundreise immer wieder auf Motive stoßen, die Connolly für sein Buch aufgegriffen hat.

Autor

John Connolly ist - verblüffend genug - ein waschechter Ire, der nicht nur in Dublin geboren wurde (1968), sondern dort auch aufwuchs, studierte und (nach einer langen Kette von Aushilfsjobs, zu denen standesgemäß einer als Barmann gehörte) als Journalist (für „The Irish Times“) arbeitete; letzteres macht er weiterhin, obwohl sich der Erfolg als freier Schriftsteller inzwischen eingestellt hat. Die amerikanischen Schauplätze seiner Charlie-„Bird“-Parker-Thriller kennt Connolly indes durchaus aus eigener Erfahrung; schon seit Jahren verbringt er jeweils etwa die Hälfte eines Jahres in Irland und den Vereinigten Staaten.

Verwiesen sei auf die in Form und Inhalt wirklich gute Connolly-Website, die nicht nur über Leben und Werk informiert, sondern quasi als Bonus mehrere Gruselgeschichten und Artikel präsentiert. (5xPRT)

[md]

Titel bei Amazon (geb.)
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Colorado Kid

Erstellt von Michael Drewniok am 23. Dezember 2009

king-colorado-kid-cover-2009Stephen King
Colorado Kid


Originaltitel: The Colorado Kid (New York : Mass Market Paperback 2005)
Übersetzung: Andrea Fischer
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2005 (Ullstein Verlag/TB Nr. 26378)
159 S.
ISBN-13: 978-3-548-26378-6
Neuauflage: Mai 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43396)
176 S.
ISBN-13: 978-3-453-43396-0
Als e-Book: Oktober 2009 (PeP-Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-03284-5

Das geschieht:

Moose-Lookit ist eine kleine Insel vor der Küste des US-Staates Maine. Die wenigen Bewohner leben vom Sommertourismus, ansonsten bleibt man unter sich. Über die Ereignisse des Insellebens informiert seit einem halben Jahrhundert der „Weekly Islander“, der vom neunzigjährigen Vince Teague und seinem Partner Dave Bowie herausgegeben wird. In diesem Sommer gesellt sich ihnen die 22-jährige Praktikantin Stephanie McCann hinzu. Die junge Frau kommt gut mit den beiden alten Männern klar und zeigt als Journalistin echtes Talent.

Eines Tages hört Stephanie vom „Colorado Kid“. Als sie neugierig nachfragt, erzählen ihr Teague und Bowie vom größten ungelösten Rätsel ihrer langen Laufbahn. 25 Jahre zuvor hatte man am Strand die gut gekleidete Leiche eines unbekannten Mannes gefunden, der offenbar an einem Stück Steakfleisch erstickt war. Er trug keine Papiere bei sich, es gab keine Anzeichen für ein Verbrechen. Die Nachforschungen der Polizei blieben erfolglos, die Leiche ohne Identität, bis mehr als ein Jahr später zufällig Name und Herkunft des Mannes entdeckt wurden: Von seinem Arbeitsplatz im US-Staat Colorado war der Zeichner James Cogan eines Tages plötzlich verschwunden, hatte seine Familie verlassen und war auf unbekannte Weise und in Rekordzeit nach Maine gereist, wo er am Strand von Moose-Lookit gestorben war.

Oder hatte man ihn ermordet? Die Indizien ließen sich in dieser Richtung deuten, aber bestätigen konnten Teague und Bowie diesen Verdacht nie. Ein Vierteljahrhundert später diskutieren sie den Fall Cogan mit Stephanie McCann und ordnen die Fakten neu, um der Kollegin eine wertvolle Lektion über den Journalistenberuf zu erteilen …

king-colorado-kid-cover-brcNicht jede Ausgrabung fördert Gutes zutage

Seltsame Ideen sind keine seltene Erscheinung auf dem modernen Buchmarkt, gilt es doch ein Medium lukrativ zu halten, das im digitalen Zeitalter ein wenig altmodisch geworden ist. Immer gern gedrückt wird die Nostalgie-Taste, denn früher war bekanntlich alles besser, auch der Kriminalroman. In unserem Fall soll die Erinnerung an die Pulps der 1940er und 50er Jahre geweckt werden: billig hergestellte, mit grellen Umschlägen versehene Krimireißer voller Sex & Gewalt, die oft von den Großen des Genres in Rekordzeit in die Tasten (damals noch von Schreibmaschinen) gehauen wurden. Nicht selten verbargen sich in diesem Ghetto des Schrillen und Brutalen echte Klassiker, denen die Eile gut bekam, die ihre Verfasser an den Tag legen mussten in einer Zeit, als nur Cents pro Wort gezahlt wurden.

Die Pulp-Tradition wurde 2004 in der US-Reihe „Hard Case Crime“ wiederbelebt. Mehr oder weniger bekannte Autoren schreiben neue Thriller der alten Art, die mit Titelbildern im plakativen Stil versehen und als Taschenbücher preisgünstig auf den Markt geworden werden. Auch Stephen King, der stets bestrebt ist, Marktnischen auszuloten, ließ sich anheuern. Mit „The Colorado Kid“ steuerte er im Oktober 2005 den 13. Band zur Serie bei.

Abergläubische Zeitgenossen könnten darauf hinweisen, dass dieses Experiment aufgrund der Unglückszahl scheitern musste. Das wäre freilich auch die Antwort eines verzweifelten King-Fans, für den der Meister einfach nichts falsch machen kann. Aber er kann, und er hat es hier eindrucksvoll - und glücklicherweise seitenschwach - unter Beweis gestellt.

Vom Rätsel über das Indiz zur Lösung

„Colorado Kid“ wird von King nicht als „hard boiled thriller“ angelegt, sondern ist eher ein philosophischer Exkurs über das Wesen des (journalistisch aufbereiteten) Rätsels. Drei Menschen unterhalten sich über einen Vorfall, der sich vor langer Zeit ereignete und ungeklärt blieb. Wie in einem ‚richtigen‘ Krimi werden Tatort, Indizien und Verdächtige präsentiert. Doch eine Auflösung bleibt aus. Wie so oft im realen Leben gibt es zu wenige Fakten, um das Puzzle zu vervollständigen. Stephanie McCann hat begriffen, was ihre Mentoren sie eigentlich lehren wollten: Ein Rätsel ohne Zugang ergibt keine Geschichte, sondern schafft nur Verdruss und sollte deshalb ungeschrieben bleiben.

Zu Kings Pech trifft Teagues & Bowies Lehrsatz auf auch „Colorado Kid“ voll und ganz zu. Selten ziehen sich knapp 180 großzügig bedruckte Seiten so in die Länge wie hier. Man kann und mag nicht glauben, dass wirklich Stephen King dieses Stückchen Nicht-Unterhaltung zu Papier gebracht hat. Er legt „Colorado Kid“ wie einen seiner epischen Romane an. Zwei Drittel des Buches sind bereits gelesen, und wir befinden uns immer noch in der Einleitung, dem durchaus gelungenen Stimmungsbild einer von der Zeit ein wenig vergessenen Maine-Insel und ihrer angenehm kauzigen Bewohner. Erst dann scheint King einzufallen, dass er ja eine Geschichte zu erzählen hat, nur dass da wie gesagt keine Geschichte ist. Diesen Widerspruch spannend aufzulösen ist ihm gänzlich misslungen.

Aus Figuren werden Menschen

Auf der anderen Seite ist „Colorado Kid“ keineswegs schlecht geschrieben. King, der geborene Geschichtenerzähler, der sich erfolgreich auch jenseits der Phantastik tummelt, hat nach wie vor ein Schreibhändchen für Figuren, die vor dem geistigen Auge Gestalt annehmen. Das ist eine echte Gabe, zumal sich die Handlung in diesem Büchlein auf ein Gespräch zwischen drei Personen beschränkt. Was sich ereignet hat, wird nur erzählt, und das nicht am Stück. Immer wieder unterbrechen Dialoge die Rückblenden ins Jahr 1980, dazu kommen Sprünge, wie sie für eine Unterhaltung typisch sind.

Dennoch ist King die schwierige Aufgabe gelungen, zwischen zwei alten Männern und einer jungen Frau eine besondere, von anzüglichen Untertönen völlig freie Beziehung zu schaffen. Hier diskutieren drei Profis, die sich miteinander wohl fühlen. Als ‚vierte Person‘ tritt Moose-Lookit dazu, die kleine Insel, die auf jene, die für ihr Flair anfällig sind, eine eigenartige Anziehungskraft ausübt. James Cogan musste, Stephanie McCann darf es erfahren, denn im Verlauf der Geschichte schält sich allmählich heraus, dass sie auf Moose-Lockit bleiben und als Journalistin arbeiten wird.

Solche literarischen Kabinettstückchen reichen unterm Strich aber nicht aus. „Colorado Kid“ bleibt eine langweilige, überflüssige Angelegenheit. Der Name Stephen King ist es, der dieses Büchlein verkauft. Dessen Preis ist niedrig aber für das Gebotene trotzdem zu hoch, „Colorado Kid“ weniger eine Weihnachtsüberraschung als ein Windei, das sich nur der King-Komplettist ins Nest legen lassen sollte.

Autor

Eine Biografie des Stephen King kann ich mir an dieser Stelle sparen. Über den Verfasser unzähliger Bestseller der Unterhaltungsliteratur informieren ausführlich und zum Teil vorbildlich viele, viele Websites, zu denen selbstverständlich auch des Meisters eigene gehört.

[md]

Titel bei Amazon.de (Ullstein-Erstauflage)
Titel bei Amazon.de (Heyne-Neuauflage)

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Britannica & ich

Erstellt von Michael Drewniok am 22. Dezember 2009

jacobs-britannica-cover-tb-2008A. J. Jacobs
Britannica & ich

Originaltitel: The Know-It-All: One Man’s Humble Quest to Become the Smartest Person in the World (New York : Simon & Schuster 2004)
Übersetzung: Thomas Mohr
Deutsche Erstausgabe (geb.): November 2006 (List im Ullstein Verlag)
427 S.
ISBN-13: 978-3-471.79513-2
Als Taschenbuch: Februar 2008 (List im Ullstein Verlag/TB Nr. 60775)
427 S.
ISBN-13: 978-3-548-60775-7

Das geschieht:

In der Mitte seiner Dreißiger zieht Arnold Jacobs, recht erfolgreicher Redakteur bei einer Zeitschrift für Popkultur, glücklich verheiratet und auf Nachwuchs hoffend, Bilanz. Er kommt zu dem erschreckenden Ergebnis, dass er sich zumindest intellektuell bereits auf dem absteigenden Ast befindet. Ein heroisches Projekt soll ihm jene geistige Überlegenheit zurückbringen, die er, der einstige Philosophie-Student, seit jeher für sich gepachtet zu haben glaubt: Jacobs will sich durch die 32 Bände der “Encyclopaedia Britannica” arbeiten. Dieses Lexikon gilt als essenzielle Sammlung der Erkenntnisse, die sich der Mensch bis heute aneignen konnte. Auf 33.000 eng bedruckten Seiten wird es in 65.000 Artikeln präsentiert - ein Opus manifestierten Wissens, das 44 Millionen Wörter umfasst.

Anderthalb Jahre dauert es, bis Jacobs sein Lektürepensum hinter sich gebracht hat. Was ihm bei seiner Expedition durch die “Encyclopaedia Britannica” besonders in die Augen sticht, gibt er an uns, seine Leser, weiter. Dabei zitiert er nicht, sondern gibt das Erlernte in eigenen Worten wieder. Jacobs liest aber nicht nur, sondern hält darüber hinaus fest, was er erlebt, wenn er sein Lager verlässt, denn er verbirgt sich nicht im stillen Kämmerlein, sondern informiert die Menschen in seiner Umgebung über seinen Plan, provoziert sie regelrecht damit und registriert deren Reaktionen, die vom fassungslosen Staunen bis zum kaum verhohlenen Stirntippen mit dem Zeigefinger reichen. Begeisterung oder offenen Zuspruch findet Jacobs nirgendwo. Selbst diejenigen, die seine Beweggründe nachvollziehen können, warnen ihn: Intelligenz und Wissen seien nicht identisch. Beide sind zwar auf einer bisher nicht wirklich erfassten Ebene miteinander verzahnt, doch sie müssen nicht zwangsläufig zusammenwirken.

Jacobs lässt sich nicht einschüchtern. Er geht seinen Weg, erlebt die Freuden, die das Lernen bringen und aus dem sich eine regelrechte Sucht entwickeln kann, ebenso intensiv wie die (genussvoll) ausgemalten Schattenseiten: die Einsamkeit des Studierens, die Langeweile angesichts wüstentrockener Themen, die Frustration im Angesicht der schieren Informationsmassen, die zudem einfach nicht im Gedächtnis haften bleiben wollen.

Die “Britannica” wird ein fester Bestandteil von Jacobs’ Alltag. Er integriert sie nicht nur, sie beginnt sogar sein Leben zu bestimmen. Jacobs bemerkt tatsächlich ein Zunehmen seines Wissens. Vor allem wächst sein Selbstvertrauen. Schließlich geht es sogar das Wagnis ein, sich zur US-Version von “Wer wird Millionär?” anzumelden, doch Weg zu den TV-Kameras gestaltet sich komplizierter als gedacht …

Faktenfresser oder Klugscheißer?

Hat Jacobs wirklich gedacht, die Lektüre der “EB” werde ihn zum “Know-It-All” und “klügsten Menschen der Welt” machen? (So lauten der Originaltitel bzw. der deutsche Untertitel.) Sicherlich nicht, denn auch ihm wird klar gewesen sein, welche Kreatur einer solchen Tortur viel besser als jeder Mensch gewachsen wäre: ein Papagei mit Festplatte im Hirn.

Vor der schieren Wucht der “EB”-Informationen - die letztlich auch nur eine Auswahl von dem umfassen, was der Mensch insgesamt an Erkenntnissen gewonnen hat - muss das Menschenhirn kapitulieren. Es ist auch nicht seine Aufgabe, als reiner Wissensspeicher zu funktionieren. Wie Autor Jacobs schmerzlich erfahren muss, lässt es sich auch nicht darauf trimmen, Informationen auf Abruf bereit zu halten. Das Gehirn ist ein Organ, das mit dem Mut zur Lücke vorzüglich seinen Dienst leistet. Diese Lücken lassen sich in Zahl und Breite vermindern aber niemals gänzlich und auf Dauer füllen.

Doch diese Argumentation weist in eine Richtung, die uns weit fort führt von dem, was “Britannica & ich” eigentlich vermitteln soll. Jacobs hat kein Sachbuch geschrieben - eine zunächst verblüffende Tatsache, weil das umfangreichste Lexikon der Welt thematisiert wird, aus dem der Autor ausgiebig zitiert. Halt, schon das ist so nicht richtig: Jacobs paraphrasiert, was er in der “EB” gelesen hat, d. h. er gibt es mit eigenen Worten wieder. In einem weiteren Schritt kommentiert er die ausgesuchten Artikel. Paraphrase und Kommentar sind nicht in sachlichem Ton gehalten, sondern werden in humorvoller Weise dargestellt. Das kann recht komisch sein, muss aber und ist es leider oft auch nicht (“Gymnasium: Die wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen lauten ‘Anstalt für Leibesübungen mit nackten Körper’. Weshalb es sich umso dringender empfiehlt, den Hometrainer vor Gebrauch gründlich abzuwischen.” - S. 140).

Das Problem des umzingelten Witzes

Jacobs benutzt die “EB” im Grunde nur als Steinbruch. Hier findet er das Material, aus dem er sein eigentliches Produkt herstellt: die geistvoll-witzige Plauderei über eine Tätigkeit, welche bei nüchterner Betrachtung ebenso ‘nützlich’ ist wie der Versuch, möglichst viele Studenten in einen VW Käfer zu stopfen. Es brauchte kein Experiment, um wie Jacobs zu dem Ergebnis zu kommen, dass die Lektüre der “EB” dich nicht klüger macht. Doch sein Unternehmen verschaffte ihm, was er dringender suchte: das Thema für ein Buch, mit dem sich Aufmerksamkeit erregen ließ. Jacobs schreibt u. a. Kolumnen, in denen er sich über die Absurditäten einer zunehmend trivialisierten Welt auslässt. Er ist also sein Job witzig zu sein. Hier übt er ihn eben in Buchform aus.

Dabei wird auch das Privatleben einbezogen. A. J. Jacobs ist anscheinend ein Mensch, dem ständig seltsame und komische Dinge zustoßen. Auch hier greift das Stilmittel der Überspitzung, denn seltsam und komisch sind die geschilderten Ereignisse primär, weil Jacobs sie als Humorist dazu macht. Zwar fließen durchaus ernsthafte Erfahrungen ein. Jacobs’ Verhältnis zu seinem Vater wird offenbar von einem lebenslangen Minderwertigkeitskomplex geprägt. Der Senior, ein berühmter Jurist, ist tatsächlich ein kluger Mann, der das auch im Alltag lebt und zumindest in der juristischen Welt tiefe Fußstapfen hinterlassen hat. Intellektuell ist ihm der Junior nicht gewachsen. “Britannica & ich” stellt auch Jacobs’ Versuch dar, mit sich und dem Vater ins Reine zu kommen. Der US-amerikanische und damit zwangsneurotisch optimistische Grundtenor dieses Buch lässt dies selbstverständlich mit einem Happy-End enden.

Humoristische Volltreffer, Blindgänger & “friendly fire”

Das gilt auch für das zweite Problemchen, mit dem Jacobs die ‘Rahmenhandlung’ von “Britannica & ich” unterfüttert. Ausführlich schildert er, wie er und seine Gattin Julie erfolglos ein Kind in die Welt zu setzen versuchen. Weil er immer wieder darauf zurückkommt, muss ihn das während seiner “EB”-Lektüre beschäftigt wirklich haben. (Ob das auf seine Leser ebenfalls zutrifft, fragt er sich leider nicht.) Doch umgehend werden wieder Witzchen gerissen, damit bloß kein Trübsinn aufkommt. Dies würde auch gar nicht zur Story passen, in der Jacobs seiner Julie eine fixe Rolle zugewiesen hat: Während er den halbwegs lebensuntauglichen Luftikus mimt, gibt sie die kluge, geduldige, ironisch kommentierende Frau an seiner Seite, die ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Kein Wunder, dass sich Julie sowie die zahlreichen weiteren Mitglieder des Jacobs-Clans, die immer wieder Erwähnung finden, sich nicht gegen ihren ‘Auftritt’ in “Britannica & ich” sträubten - sie haben mit den realen Personen sicherlich wenig gemeinsam.

Nein, “Britannica & ich” ist - ich habe es nun schon mehrfach angesprochen - nichts als ein mehr als 400-seitiger Spaß. Als solcher funktioniert er, denn Jacobs beherrscht den unverbindlichen Plauderton, der unabhängig vom gewählten Thema unterhält. Man liest dieses Buch einfach gern, amüsiert sich oft und sieht gnädig über die nicht gerade zahlenarmen humoristischen Rohrkrepierer hinweg (oder schiebt sie auf die - insgesamt freilich gelungene - Übersetzung; auf S. 180 lese ich allerdings “Du weißt wohl doch nicht alles, was, Cliff Calvin?” Richtig muss es “Cliff Clavin” heißen; dies ist der ewig besserwisserische Postbote aus dem US-Sitcom-Klassiker “Cheers”). Und sobald das (in seiner deutschen Ausgabe “Britannica”-würdig mit Goldschnitt geschmückte) Buch zugeschlagen ist, ergeht es einem wie dem Verfasser mit der “EB”: Was man gelesen hat, ist schon wieder aus dem Gedächtnis entwichen - das untrügliche Zeichen dafür, dass es wohl nicht so wichtig war …

Autor

Arnold Stephen Jacobs, jr., wurde am 20. März 1968 in New York geboren. Er studierte an der Brown-Universität Philosophie. Nach seinem Abschluss arbeitete er für diverse Zeitschriften und schrieb u. a. eine Kolumne für “Entertainment Weekly”, in welcher er sich über Phänomene der modernen Popkultur ausließ. Derzeit ist er leitender Redakteur beim “Esquire”. Mit seiner Gattin Julie Schoenberg und seinem Sohn Jasper lebt Jacobs weiterhin in New York. Über sein Werk informiert (inklusive Blog) die Website www.ajjacobs.com. Dort erfahren wir u. a. von seinem aktuellen Projekt: Für ein (inzwischen erschienenes) Buch mit dem Titel “Die Bibel und ich: Von einem, der auszog, das Buch der Bücher wörtlich zu nehmen” lebte Jacobs ein Jahr streng nach den Vorschriften der Bibel.

[md]

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Der Kollektor

Erstellt von Michael Drewniok am 28. November 2009

connolly-parker06-kollektor-coverJohn Connolly
Der Kollektor

Originaltitel: The Unquiet (London : Hodder & Stoughton 2007/New York : Atria Books, a division of Simon & Schuster 2007)
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Oktober 2009 (List Verlag)
Übersetzung: Georg Schmidt
479 S.
ISBN-13: 978-3-471-35007-2

Das geschieht:

Von den Geistern seiner unbewältigten Vergangenheit buchstäblich verfolgt, lebt Privatdetektiv Charlie “Bird” Parker seit neun Monaten von Frau und Kind getrennt in Portland, einer Küstenstadt des US-Staates Maine. Seine aktuelle Klientin ist Rebecca Clay, die von einem unbekannten Mann bedrängt wird, der Auskunft über den Verbleib ihres Vaters fordert.

Daniel Clay, einst ein bekannter und geachteter Kinderpsychiater, hatte als Gutachter in einem Prozess wegen Kindesmissbrauchs schwere Fehler begangen, die ihn erst seine Reputation und dann seinen Lebenswillen kosteten; im Jahre 1999 tauchte Clay unter und wurde inzwischen gesetzlich für tot erklärt.

Doch Frank Merrick - so der Name von Rebeccas Verfolger - glaubt nicht an dieses Ende. Der ehemalige Berufskiller will Clay stellen, weil er ihn für das Verschwinden seiner minderjährigen Tochter verantwortlich macht. Um Clay zu finden und zur Verantwortung zu ziehen, ist ihm jedes Mittel recht, wie auch Parker bald feststellen muss.

Merrick ist ein gefährlicher Gegner, aber er ist nur verlängerter Arm einer dunklen Macht, mit der Parker schon in der Vergangenheit konfrontiert wurde: Der “Sammler”, selbsternannter Henker verderbter Zeitgenossen und möglicherweise nicht einmal menschlicher Herkunft, kreuzt erneut seinen Weg.

Worum handelte es sich bei dem mysteriösen “Projekt”, in dem ihr Clay eine prominente Rolle spielte? Wer sind die “hohlen Männer”, vor denen seine ermordete Tochter Parker eindringlich warnt? Die Spuren führen in die Geisterstadt Gilead, in der sich einst Gräuel ereigneten, die nunmehr neu aufleben …

Odyssee ins Herz der Finsternis

Zum sechsten Mal begibt sich Charlie “Bird” Parker auf einen Feldzug gegen das Böse und jene, die es verkörpern. So muss man seine Aktivitäten wohl umschreiben, die nur vorgeblich den Versuch darstellen, dem geschriebenen Gesetz Genüge zu verschaffen. Parkers Vorstellung von Gerechtigkeit wurzelt in einer archaischen Welt, die definitiv mehr als die derzeit wissenschaftlich belegten Dimensionen aufweist.

Lassen wir die phantastischen Elemente, die Verfasser Connolly dieses Mal ohnehin zurücknimmt, erst einmal beiseite, stellt “Der Kollektor” eine Rückkehr zum Ursprung der Parker-Serie dar. “Das schwarze Herz” und “Das dunkle Vermächtnis” stellten ihn in den Mittelpunkt eines Geschehens, das als Irrfahrt durch die Abgründe der menschlichen Seele angelegt war. Der übernatürliche Aspekt deutete sich schon an, kam in aller Deutlichkeit jedoch erst später; er erweiterte die Serie um ein unerwartetes sowie überzeugend umgesetztes Element, nahm ihr aber gleichzeitig viel von ihrer ursprünglichen Wucht: Kein Höllendämon kann so realistisch ängstigen wie der banal böse Mensch.

Rückkehr zu den Wurzeln

Nachdem Connolly es in “Der brennende Engel” nicht nur mit dem Mystery-Faktor sicherlich übertrieb, ist “Der Kollektor” beinahe ein Kammerspiel; die Zahl der handelnden Figuren ist klein, und die Schauplätze beschränken sich auf wenige Orte im US-Staat Maine. Spektakuläre Action gibt es nicht, Connolly beschreibt vor allem die Arbeit eines Privatdetektivs. Parker folgt mühsam und oft vergeblich gut verwischten Spuren und wertet Indizien aus.

Dabei beschäftigt sich Connolly ausgiebig mit der Frage dem Ursprung des Bösen. Dies liegt nahe, denn er gibt ihm ein besonders hässliches Gesicht: Charlie Parker deckt die Taten einer professionell organisierten Kinderschänder-Bande auf. Das Thema ist heikel, und das gilt erst recht, weil es zum Element eines Unterhaltungsromans wird. Der Missbrauch von Kindern löst beim gesunden Menschen bereits in der Vorstellung Entsetzen und Ablehnung aus, die sich ein skrupelloser Autor, der womöglich noch in entsprechenden Details schwelgt, leicht zunutze machen könnte. Connolly ist sich dieser Gefahr bewusst; oft spürt man sogar in der Übersetzung, wie vorsichtig er ist. Er hat sich mit dem Thema beschäftigt, schreibt er im Nachwort zum “Kollektor”, und möchte allen Aspekten gerecht werden. Darüber gleitet er mehrfach ins Didaktische ab, statt sich den Gegenstand seines Plots tatsächlich zueigen zu machen.

Das bemerkt man im Kontrast mit jenen Passagen, in denen der Verfasser sich auf ungefährlicherem Terrain bewegt. ‘Normale’ Übeltaten wie Mord und Totschlag sowie Gefühle wie Trauer und der Schrecken, die nicht nur die Opfer, sondern auch und vor allem die Überlebenden bzw. die zurückbleibenden Familien und Freunde peinigen, weiß Connolly mit manchmal bedrückender Intensität zu verdeutlichen.

In diesem Punkt schwingt er sich zu unbehaglich stimmenden Höhen auf, während die Story selbst dieses Mal nicht so fesselnd geraten ist. Der Plot ist dermaßen komplex, dass er sich mit seinen zahlreichen Zufällen vermutlich nur im wirklichen Leben so ereignen könnte. Darüber hinaus wird deutlich, dass Connolly den “Kollektor” auch als Gelegenheit sieht, die Flut der in fünf Bänden angehäuften, meist privaten Verwicklungen abzuarbeiten.

Das Jenseits hält sich zurück

Es wurde bereits erwähnt: Niemand vermag den Menschen so furchtbar zu quälen wie der Mensch selbst. Kriminologischer oder psychologischer Realismus steht für den Verfasser allerdings nicht allein im Vordergrund. Die Charlie-Parker-Serie ist ein seltsamer Zwitter, der neben den Krimi die Phantastik stellt; nicht selten arbeitet Connolly mit echten Horror-Elementen.

Obwohl er in beiden Genres das Rad nicht neu erfindet, ist sein Einfallsreichtum beeindruckend. Connolly variiert die bekannten Schrecken und kleidet sie in Gestalten, die ihnen ein Auftreten gestatten, das sie nicht der Lächerlichkeit preisgibt. Das wirkt in diesem Buch besonders harmonisch, weil sich Realität und Phantastik in etwa die Waage halten. Die “hohlen Männer” erschrecken, aber sie bleiben passiv. Einzige ‘echte’ Kreatur der Finsternis bleibt dieses Mal der “Sammler”.

Der ist keine für den “Kollektor” geschaffene Figur. Parker trifft erstmals im Kurzroman “The Reflecting Eye” (dt. “Das spiegelnde Auge”, in: “Nocturnes”, Ullstein-TB Nr. 26412) auf ihn bzw. prallt mit ihm zusammen. Der “Sammler” ist connollytypisch keine reine Horrorgestalt, sondern symbolstark aufgeladen: Er ist Parkers dunkles Spiegelbild, stellt womöglich dessen Zukunft dar, sieht sich als Mitstreiter und Konkurrent, nicht zwangsläufig als Feind. Ähnliche und beunruhigende Parallelen gibt es auch zwischen Parker und Frank Merrick.

Alte Bekannte im Schnelldurchlauf

“Der Kollektor” ist ein auf Charlie Parker zentrierter Roman. Meist nur kurz treten bekannte Randfiguren auf; das finstere Schutzengel-Paar Angel und Louis scheint beispielsweise nur mitzumischen, weil es ihre Fans unter den Lesern fordern. Für rare Momente handfesten Humors sorgen Schlagetot Jackie Garner und die irren Fulci-Brüder. Natürlich thematisiert Connolly außerdem die schwierige Beziehung zwischen Parker und Rachel, deren weitgehende Abwesenheit freilich die Schmalzschmierung der Handlung auf ein erträgliches Maß minimiert.

Mit “Der Kollektor” möchte Connolly sich, seiner Hauptfigur und seinen Lesern entweder eine Atempause gönnen oder die reihenübergreifende Rahmenhandlung neu ausrichten. Nachdem im “Brennenden Engel” Luzifers Himmelssturz als reales Geschehen und Parker als Inkarnation eines gefallenen Engels enttarnt wurde, war dieser Schritt ratsam, denn wie hätte Connolly diesen Effekt noch steigern sollen?

“Der Kollektor” ist ein spannender, mit überraschenden Wendungen nicht geizender Roman.  Der finale Cliffhanger bleibt dieses Mal aus. Oder liegt es daran, dass Connolly Parker ein mildes Happy-End gönnt? Solcher Frieden passt nicht zu dieser Figur. Immerhin darf man sicher sein, dass er nur von kurzer Dauer sein wird, bevor die Dunkelheit Charlie Parker erneut auf den Leib rückt.

Autor

Obwohl er die Odyssee eines US-amerikanischen Privatermittlers beschreibt, wurde John Connolly 1968 im irischen Dublin geboren, wuchs dort auf, studierte und arbeitete (nach einer langen Kette von Aushilfsjobs) als Journalist (für “The Irish Times”), was er fortsetzt, obwohl sich der Erfolg als freier Schriftsteller inzwischen eingestellt hat. Die amerikanischen Schauplätze seiner Charlie-”Bird”-Parker-Thriller kennt Connolly aber durchaus aus eigener Erfahrung; schon seit Jahren verbringt er jeweils etwa die Hälfte eines Jahres in Irland und den Vereinigten Staaten.

Verwiesen sei auf die in Form und Inhalt wirklich gute Connolly-Website, die nicht nur über Leben und Werk informiert, sondern quasi als Bonus mehrere Gruselgeschichten und Artikel präsentiert.

[md]

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