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Stimme in der Nacht

Erstellt von Michael Drewniok am 11. März 2010

hodgson-stimmeWilliam Hope Hodgson
Stimme in der Nacht. Unheimliche Seegeschichten


(sfbentry)
Originalzusammenstellung
Übersetzung: Wulf Teichmann
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1970 (Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
222 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1982 (Suhrkamp Verlag/TB 749 = Phantastische Bibliothek 64)
258 S.
ISBN 3-518-37249-1
Letze Auflage: 1997 (Suhrkamp Verlag/TB 2709 = Phantastische Bibliothek 340)
211 S.
ISBN-13: 978-3-518-39209-6

Das geschieht:

Eine Novelle und drei Kurzgeschichten vom Meister der auf See beheimateten Spukgeschichte – kühn, spannend, voll unerwarteter Wendungen: ein nostalgischer Gruselspaß der Sonderklasse, der seine Leser süchtig und hungrig nach mehr zurücklässt:

- Die Boote der ‚Glen Carrig‘ („The Boats of the ‚Glen Carrig‘“, 1907), S. 7-192: In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts versinkt das Schiff „Glen Carrig“ mit den meisten Offizieren und Matrosen in unbekannten südlichen Gewässern. Zwei einsame Rettungsboote bleiben zurück, die sich in der unendlichen Wasserwüste bald aus den Augen verlieren. Während die Besatzung des einen gerettet wird, sieht sich die des anderen nicht nur den Strapazen der hohen See, sondern auch aberwitzigen Abenteuern ausgesetzt. Unter dem Kommando des besonnenen Bootsmanns geraten die Seeleute in ein seltsames, ödes Land, in dem Menschen fressende Bäume noch den geringsten Schrecken darstellen, geraten in einen gewaltigen Sturm, werden in einen von Tang überwucherten Winkel des Meeres abgetrieben, müssen sich dort gegen Kraken und Riesenkrebse zur Wehr setzen, stranden an den Gestaden einer einsamen Insel, werden von garstigen Dämonen belagert, finden unverhofft Leidensgenossen und entwerfen einen kühnen Plan, der ihnen die ersehnte Rückkehr in die Heimat ermöglichen soll …

- Die Herrenlose („The Derelict“, 1912), S. 193-228: Abseits bekannter Routen stoßen die Männer der „Bheotpte“ auf das Wrack eines uralten Schiffes. Neugier und mögliche Schätze locken sie an Bord, doch dort lauert nach einer Art Urschleim-Zündung ein grausiges Ungetüm …

- Stimme in der Nacht („The Voice in the Night“, 1907), S. 229-246: Nach dem Untergang ihres Schiffes preist sich das junge Paar glücklich, als ihr Floß eine Insel im Ozean erreicht, doch dort wuchert ein monströser Schimmelpilz, der nicht wählerisch ist bei der Wahl neuer Nährböden …

- Die Crew der ‚Lancing‘ („The Crew of the ‚Lancing‘“, 1923/64), S. 247-258: Ein Seebeben lässt Seltsames vom Grund des Meeres aufsteigen. Das Interesse an Bord eines zufällig am Ort des Geschehens befindlichen Schiffes wandelt sich in blankes Entsetzen, als eine Horde dämonischer Geisterpiraten über sie herfällt …

Sachlich bleiben im Angesicht der Katastrophe

Mehr als 100 Jahre sind die in dieser Band versammelten Geschichten bereits alt, ohne an Spannung und Atmosphäre einen Deut verloren zu haben. Die Phantastik des William Hope Hodgson stellt ihre Zeitlosigkeit mit jener beiläufig wirkenden Meisterschaft aus, die den wahren Könner kennzeichnet.

Für die immense Kraft dieser Erzählungen gibt es verschiedene Gründe. Da ist die unaufdringliche, aber stets präsente Authentizität des nautischen Umfelds. Hier stimmt auf See einfach jedes Detail, was kein Wunder ist: Hodgson war er selbst zur See gefahren. Zur Erfahrung kommt das schriftstellerische Talent, und in der Addition ergibt dies Texte wie beispielsweise das Sturm-Intermezzo in „Die Boote der ‚Glen Carrig‘“ (Kapitel V), das durch die poetische Sachlichkeit fasziniert, mit der Hodgson ein Unwetter schildert.

Das Dokumentarische im Stil kennzeichnet sein gesamtes phantastisches Werk (auch wenn hier und da ein Hang zum Sentimentalen offenkundig wird), verhindert ein Altern, lässt es aber gleichzeitig kühl wirken. Mit den Überlebenden der „Glen Carrig“ wird der Leser nur allmählich und nie völlig warm. Dies scheint in des Verfassers Absicht zu liegen, denn wieso sonst enthält er uns ihre Namen vor? Sie sind einfach nicht wichtig für eine Geschichte, die primär „Bericht ihrer Abenteuer auf fremden Meeren und an fernen Gestaden“ sein soll, wie sich dem Untertitel entnehmen lässt. Hodgsons Seeleute identifizieren sich über ihr Handeln, was durchaus funktioniert, wie das Beispiel des Bootsmanns belegt, der zwar kein Gesicht bekommt, aber trotzdem vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt annimmt.

Die Männer der „Glen Carrig“ müssen viel ertragen. Bemerkenswert wirkt ihre pragmatische Lebensauffassung: Was zum Überleben erforderlich ist, wird getan – ohne Klagen und Murren, ohne dramatische Nervenzusammenbrüche im Rettungsboot. Der Verzicht auf solche gern in der Verloren-auf-hoher-See-Literatur heraufbeschworenen Klischee-Momente vordergründiger Spannung erstaunt, aber der Leser vermisst sie nicht. Hodgsons Helden sind Spezialisten; sie respektieren die See, und obwohl sie viele ihrer Wunder und Schrecken nicht kennen, wissen sie, was in der Krise zu tun ist.

Böse Einlagen in der Ursuppe des Lebens

Die Hodgsonsche Sachlichkeit spiegelt sich auch in dem ‚naturwissenschaftlichen‘ Horror wider, auf den seine Seefahrer treffen. Ganz offensichtlich fasziniert den Verfasser die unbändige Lebenskraft des Meeres, das er als eine Art Ursuppe betrachtet, in der ständig neue, oft unentschlossen zwischen Pflanzen- und Tierwelt schwankende Kreaturen gezeugt werden. Deutlich verleiht Hodgson seiner Vorstellung Ausdruck in „Die Herrenlose“, wo er in einem von der eigentlichen Handlung getrennten Prolog in Worte fasst, wie im grundlosen Ozean aus unbelebter Materie Leben entstehen kann, wenn nur die Mischung der Zutaten stimmt. Gespenster und Geister gibt es nicht in Hodgsons Welt, die deshalb eher der Science Fiction zuzuordnen ist.

An Grusel und Schrecken wird freilich trotzdem nicht gespart. Der Evolution von Schleim und Zufall entspringen niemals freundliche Kreaturen. Schimmelig-giftige, parasitenhafte, eklige, böse oder bestenfalls fremdartige Seltsamkeiten, die normalerweise tief unter dem Meeresspiegel verborgen bleiben und nur zufällig an die Oberfläche geraten: Geschöpfe der düsteren Tiefen sind es, auf die Hodgsons unglückliche Protagonisten treffen. Der Kontakt verläuft niemals friedlich, die Begegnungen nehmen ein schlimmes Ende. Meist bringt nicht einmal der Tod Erlösung, da sich die außer Kontrolle geratene Natur ihre Opfer buchstäblich einverleibt und zu neuen, makaber mutierten Lebensformen zusammensetzt; hier demonstrieren „Die Verlorene“ und „Stimme in der Nacht“ einen frühen ‚genetischen‘ Science Horror!

Ein unvollendeter literarischer Mythos?

„Die Crew der ‚Lancing‘“ lässt uns alte Bekannte wiedertreffen: die „Geisterpiraten“ aus der gleichnamigen Novelle von 1909, die auch in „Die Boote der ‚Glen Carrig‘“ ihren Auftritt haben. Immer wieder lassen sich solche und andere Gemeinsamkeiten in Hodgsons unheimlichen Seegeschichten finden. Offenbar kann man sie als lockeren Zyklus lesen, dessen Teile in derselben Welt spielen. Unwillkürlich muss man dabei an H. P. Lovecraft (1890-1937) denken, der Hodgsons Werk nicht nur kannte, sondern die Methode quasi adaptierte, als er das böse Universum des Cthulhu ins Leben rief. Interessant sind auch die Ähnlichkeiten zwischen den Geisterpiraten und den froschgesichtigen Halbmenschen von Innsmouth, die es auch immer wieder in die Tiefsee zieht. Was Hodgson plante, werden wir leider nie erfahren. Gerade zehn Jahre währte seine Schriftsteller-Laufbahn, die ein früher Kriegstod beendete

Anmerkung 1

Suhrkamp-typisch ist die sorgfältige Übersetzung der hier gesammelten Geschichten. Wulf Teichmann trifft genau den Tonfall eines Berichtes, die angeblich im Jahre 1757 niedergeschrieben wurde. Wunderbar altmodisch, geschraubt und flüssig zugleich liest sich dieser Text, der zudem für eine Stimmung sorgt, die das nostalgische Grauen perfekt zur Geltung bringt. Nautische Sachkenntnis kommt hinzu, denn in den Booten der „Glen Carrig“ kann das Überleben durchaus davon abhängen, ob ein rettendes Tau aus zwei oder drei Hanffasern gedreht wurde! Da ist es schon erforderlich zu vermitteln, wieso dies so ist.

Anmerkung 2

Ein Wort noch zur Geschichte „Die Crew der ‚Lancing‘“: Sie kann nicht als Original-Text Hodgsons gelten. In seinem Nachlass fand sich die Geschichte „Demons of the Sea“, die 1923 posthum erschienen war. Vierzig Jahre später fand sie August Derleth (1909-1971), der Gründer des legendären Verlages „Arkham House“ und verdienstvoller Herausgeber längst in Vergessenheit geratener Gruselklassiker, wieder aber nicht ‚gut‘ genug für eine von ihm geplante Neuveröffentlichung, was ihn dazu veranlasste, sie zu bearbeiten, zu ergänzen und zu ‚verbessern‘, bis sie praktisch zu seiner Schöpfung geworden war.

Autor

William Hope Hodgson wurde am 15. November 1877 in Blackmore End, Essex, England, als eines von zwölf Kindern geboren. Sein Elternhaus verließ er früh, um zur Handelsmarine zu gehen. Zwischen 1891 und 1904 fuhr er zur See, konnte sich aber nie an die Brutalitäten und Ungerechtigkeiten an Bord, den Schmutz oder die Gefahren gewöhnen. So musterte er ab und eröffnete in Blackburn nahe Liverpool ein Studio für Bodybuilder. Das Geschäft lief schlecht, aber Hodgson schrieb viele Artikel über seine Arbeit und begann über eine Karriere als Schriftsteller nachzudenken. Seine Jahre auf den Weltmeeren lieferten ihm genug Stoff für phantastische Seespukgeschichten. Mit „A Tropical Horror“ debütierte Hodgson 1905 in „The Grand Magazine“.

1907 folgte der Episoden-Roman „The Boats of the ,Glen Carrig‘“ (dt. in „Stimme in der Nacht“, Suhrkamp Taschenbuch Nr. 749/64, neu aufgelegt als Nr. 2709/340), ein erstes längeres Werk. 1908 erschien „The House on the Borderland“, mit dem Hodgson bewies, dass er auch auf dem trockenen Land Angst & Schrecken zu verbreiten wusste. „Carnacki the Ghost Finder“ betrat die literarische Bühne 1910. Zwei Jahre später erschien Hodgsons episches Hauptwerk: „The Night Land“, eine Geschichte aus fernster Zukunft, die viele brillante Stimmungsbilder aus „The House on the Borderland“ aufgreift und vertieft (sowie leider auch breittritt).

Hodgson heiratete 1913 und zog mit seiner Gattin nach Südfrankreich. Er schrieb nur noch wenig. Bei Kriegsausbruch 1914 ging er nach England zurück und wurde als Offizier der Royal Field Artillery zugeteilt. Eine schwere Kopfverletzung auf dem Schlachtfeld überlebte er knapp und kehrte an die Front zurück. Hier traf ihn am 17. April 1918 ein deutsches Artilleriegeschoss. Er war sofort tot.

[md]

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Schatten über Innsmouth

Erstellt von Michael Drewniok am 22. Februar 2010

lovecraft-innsmouth-cover-2008-kleinH. P. Lovecraft
Schatten über Innsmouth

(sfbentry)
Originaltitel: The Shadow Over Innsmouth (New York : Visionary Publishing Company 1936)
Übersetzung: Rudolf Hermstein
Deutsche Erstveröffentlichung (gebunden): 1971 (Insel Verlag)*
250 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1977 (Suhrkamp Verlag/Suhrkamp Verlag Nr. 391 = Phantastische Bibliothek 8)*
244 S.
ISBN 3-518-36891-5
Als Taschenbuch: 1990 (Suhrkamp Verlag/Suhrkamp Taschenbuch 1783 = Phantastische Bibliothek 261)**
128 S.
ISBN-13: 978-3-518-38283-7

* Veröffentlichung mit der Lovecraft-Novelle „Der Fall Charles Dexter Ward“
** Veröffentlichung als Einzelband; so seitdem immer wieder neu aufgelegt

Das geschieht:

Unser Ich-Erzähler, ein junger Mann unternimmt im Sommer des Jahres 1927 eine Reise durch Neuengland. Während eines Aufenthalts in Massachusetts hört er von der alten, an der Atlantikküste gelegenen Hafenstadt Innsmouth, die in keiner modernen Landkarte verzeichnet ist. Das erregt sein Interesse, er beschließt einen Abstecher in diesen Ort, obwohl man ihm dringend abrät: Degenerierte Gestalten seien es, die in Innsmouth gern unter sich blieben und zudem einem mysteriösen, ganz und gar unchristlichen Kult anhingen.

Das hält unseren Reisenden nicht ab. Innsmouth ist eine Geisterstadt verfallender, leer stehender, düsterer Häuser, in denen es jedoch des Nachts sehr lebendig zugeht. Die Bürger selbst, von froschähnlicher Gestalt, verhalten sich abweisend unheimlich (und umgekehrt). Nur ein ‚Zugereister‘ – ein uralter Seemann – versorgt den neugierigen Neuankömmling mit Informationen. Demnach hat vor über einem Jahrhundert ein Kapitän namens Marsh im fernen Pazifik einen Teufelspakt mit amphibischen Seekreaturen geschlossen. Im Tausch gegen Gold und verbotenes Wissen wurden ihnen junge Männer und Frauen aus Innsmouth ausgeliefert, die sie ihrem Gott, dem furchtbaren Cthulhu, opferten. Außerdem begannen sich Menschen und Amphibien zu vermischen; die meisten Bürger der Stadt sind heute als Nachfahren dieser ersten Mischwesen.

Dass es sich hier beileibe nicht um eine Ausgeburt der Fantasie handelt, muss der Reisende bald erfahren. Am Teufelsriff vor dem Hafen von Innsmouth findet ein reger Austausch zwischen den Welten unter und über dem Meeresspiegel statt. Lange dauert es nicht, bis die Kreaturen auf den neugierigen Besucher aufmerksam werden und die Masken fallen lassen. Die Jagd beginnt, und an ihrem Ende steht eine unerwartete Entdeckung …

Reisen bildet …

Eine Reise in einen verrufenen Ort, in dem es tatsächlich umgeht, ein Besucher, der beim Herumschnüffeln zu viel Aufsehen erregt und – seine mordlüsternen Verfolger hart im Nacken – Fersengeld geben muss: Eigentlich ist „Schatten über Innsmouth“ eine konventionelle, sogar vordergründige Horrorgeschichte, wie es ihrer (zu) viele gibt. Freilich muss man sie lesen um schätzen zu lernen, was H. P. Lovecraft aus dem Stoff macht. Ihm geht es nicht um Handlung oder gar Action (obwohl er auch das beherrscht, wie die nächtliche Hetzjagd durch Innsmouth beweist). Das machen ihm jene Leser zum Vorwurf, die einen stringenten und zielgerichteten Erzählfluss vorziehen.

Der Autor schert sich nicht darum. Die erste Hälfte des ohnehin nicht umfangreichen Kurz-Romans ist eine Art Reisebericht mit (pseudo-) historischen Einschüben. Lovecraft war als Wissenschaftler zwar Amateur aber sehr belesen. Besonders die Geschichte war sein Steckenpferd. Deshalb baut er „Schatten über Innsmouth“ auf einer fiktiven Historie dieser Stadt auf, die er geschickt in eine (weitgehend) reale Geschichte Neuenglands einbettet.

Die ausgedehnte Busfahrt nach und durch Innsmouth ist gleichzeitig ein geschickter Schachzug, der den Leser zusammen mit der Hauptfigur an den Ort des Geschehens bringt. Unmerklich dreht Lovecraft dabei an der Spannungsschraube. Ganz harmlos beginnt die Reise, nur einzelne, nicht ins Bild des Rationalen passende Elemente irritieren. Allmählich nehmen sie an Zahl und Wucht zu, bis schließlich deutlich wird, dass es in Innsmouth nicht mit rechten Dingen zugeht.

… aber wer will schon alles wissen?

Die Bestätigung erhalten wir erneut gemeinsam mit dem Helden durch die lebendige Erzählung des alten Zadok Allen, der seit vielen Jahrzehnten unter dem Druck des Grauens lebt. Darüber ist er leicht wunderlich im Kopf geworden, was Lovecraft meisterlich als Stilelement nutzt: Obwohl Allen Klartext redet, bleibt Grundsätzliches weiterhin ungesagt, die Spannung steigt weiter an.

Der eigentliche Höhepunkt stellt dann auch die Freunde des konventionellen Horrors zufrieden, wenn es zwischen geifernden Monstern und potenziellem Opfer zur Konfrontation kommt. Für Lovecraft speist sich das eigentliche Grauen freilich aus einer anderen Quelle. Die eigentliche Auflösung wird der Handlung wie eine Coda angefügt. Sie soll hier verschwiegen werden; vielleicht überrascht sie heute auch nicht mehr, aber sie beraubt die Geschichte ihres scheinbar glücklichen Endes und verleiht ihr eine deutlich düstere Dimension.

Es könnte immerhin so sein

Das ist zwar erschreckend, aber ist es auch Horror? Der Cthulhu-Mythos ist eher Science Fiction. „Schatten über Innsmouth“ betont dies zwar weniger stark als andere Geschichten, doch kamen nach Lovecraft Cthulhu und seine garstigen Gefährten einst aus den Tiefen des Alls auf diese Erde. Sie beschränken sich nicht nur darauf, uns Menschen zu piesacken, sondern treiben auch zwischen den Sternen weiterhin allerlei Unerfreuliches.

Lovecrafts Meisterschaft bestand darin, die Chronik dieser Invasion niemals gänzlich zu enthüllen. Stets enttarnte er nur Episoden, die sich zu keinem fassbaren Gesamtbild fügten. Des Lesers Fantasie ist hier gefragt - er (oder sie) wird sich ein Reich kosmischen Schreckens ausmalen, das Lovecraft nie hätte erfinden können.

Das wird umso deutlicher, wenn man Lovecraft dabei verfolgt, wie er versucht das Grauen in Worte zu fassen. Sein Wortschatz war immens, sein Talent im Umgang mit Worten beachtlich. Trotzdem oder gerade deswegen muss man feststellen, dass die Auflösung einer Lovecraft-Story allzu oft ihrer Entwicklung nicht gewachsen ist. Wie so oft bei Lovecraft überkommt auch in „Schatten über Innsmouth“ eine barmherzige Ohnmacht den Helden, als der Schrecken zu groß wird (und der Verfasser literarisch die Waffen streckt).

Unfreiwilliger Chronist des Schreckens

Der namenlose Protagonist unserer Geschichte ist eine typische Lovecraft-Figur: ein Außenseiter, ein einsamer Sucher ohne Anhang. Eine respektable Familiengeschichte mündete in Bedeutungslosigkeit und Armut. Eisern werden trotzdem längst obsolete Gentleman-Allüren gepflegt, bleiben die Formen gewahrt, mag auch das typische Mittagessen nur aus Käseplätzchen bestehen.

Hier greift Lovecraft auf eigene Erinnerungen zurück. Der „Einsiedler von Providence“, wie man ihn gern nennt, wurde in seinen späteren Lebensjahren zum begeisterten Reisenden, der zwar ohne Geld aber ausgiebig jene historischen Stätten in Nordamerika besichtigte, die ihn immer faszinierten. So ist es wohl eine jüngere Ausgabe von Lovecraft selbst, die das imaginäre Innsmouth bereist. Ausgerechnet dort findet sie nach anfänglichem Schrecken so etwas wie eine Heimat – ein Ort, der dem Verfasser selbst stets verwehrt blieb.

Distanz kann auch ein literarisches Instrument sein. Lovecraft bedient sich seiner meisterlich. Ein Grundproblem der Phantastik ist das Schwinden von Faszination und Schrecken, wenn das zunächst nur erahnte Monster ins volle Licht tritt. Erklärungen zerstören das Unheimliche, das plötzlich real und damit prosaisch wird. Lovecraft hat dieses Problem begriffen. Folgerichtig vermeidet er es, die Bürger von Innsmouth dem gefährlichen Licht auszusetzen. Was sie Unheimliches treiben, erfahren wir nur von Zadok Allen. Ansonsten belässt es Lovecraft bei Andeutungen. Konsequent findet das Finale deshalb nicht auf den Klippen des Teufelsriffs statt. Der Besucher und mit ihm die Handlung kehrt dem Zentrum des Schreckens den Rücken. Diesen Verzicht auf eine ‚richtige‘ Auflösung vermag Lovecraft mit einem alternativen Ende auszugleichen. Der „Schatten über Innsmouth“ und sein Mysterium bleibt bestehen – und Lovecrafts Kurz-Roman wurde zum Klassiker, der seine Wirkung auch nach vielen Jahren nicht eingebüßt hat.

Autor

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, geboren. Mütterlicherseits konnte er seine Familiengeschichte bis ins frühe 17. Jh. zurückverfolgen. Darauf war er überaus stolz, wozu die Gegenwart wenig Anlass bot. Lovecrafts Vater, ein Handelsvertreter, starb bereits 1898 im Wahnsinn.

Die ebenfalls labile Mutter und zwei Tanten zogen Howard auf, der sich als Wunderkind erwies. Er konnte mit drei Jahren lesen und begann mit sechs zu schreiben. Die arabische Vorgeschichte, dann das griechische Altertum begeisterten ihn. Lovecraft begann alle erreichbaren Werke zu lesen und entwickelte sich zum belesenen, aber nicht wirklich gebildeten Bücherwurm. Am Alltagsleben nahm er praktisch nicht teil, litt unter allerlei (psychosomatischen) Beschwerden und besuchte nur sporadisch die Schule, sondern widmete sich privaten Studien. Lovecraft gab mehrere Journale heraus, die von seiner Begeisterung für Naturwissenschaft und Astronomie kündeten, und unterhielt einen enormen Briefwechsel.

Nach ersten Versuchen Anfang des Jahrhunderts begann Lovecraft 1917 ‚ernsthaft‘ phantastische Kurzgeschichten zu schreiben. Bisher hatte er Poesie und Essays den Vorzug gegeben. 1924 heiratete Lovecraft und zog mit seiner Gattin nach New York. Dort kam er in Kontakt mit den zu diesem Zeitpunkt aufstrebenden Pulp-Magazinen, die zwar schlecht zahlten, aber stets neues Material suchten. In der großen Stadt konnte sich Lovecraft nicht einleben. Die Ehe scheiterte. 1926 kehrte Lovecraft nach Providence zurück. Nunmehr führte er das zurückgezogene und sehr bescheidene Leben eines mäßig erfolgreichen Unterhaltungsschriftstellers. Er schuf die Cthulhu-Saga. „The Call of Cthulhu“ (1926/28, dt. „Cthulhus Ruf“), „At the Mountains of Madness“ (1931, dt. „Berge des Grauens“) oder „The Shadow out of Time“ (1934/35, dt. „Der Schatten aus der Zeit“) stellen Höhepunkte der Phantastik dar.

Freilich blieb dies lange unbemerkt. Lovecraft verfügte nie über die Energie oder das Selbstbewusstsein, aktiv an seiner Karriere zu arbeiten. Seine Werke erschienen in billigen Magazinen, wo sie die Leser oft genug irritierten, wenn sie nicht sowieso von den Herausgebern abgelehnt wurden. Lovecraft versuchte nie, diese Geschichten anderweitig unterzubringen, sondern schrieb neue: kein ökonomisches Gebaren für einen Schriftsteller, der ohnehin recht langsam schrieb. Zu seinen Lebzeiten erschien überhaupt nur ein Buch – „The Shadow over Innsmouth“ – in einem obskuren Kleinverlag. Am 15. März 1937 erlag H. P. Lovecraft einem Krebsleiden.

Dass er nicht in Vergessenheit geriet, ist August Derleth (1909-1971) und Donald Wandrei (1908-1987) zu verdanken. Sie gründeten 1939 den Verlag „Arkham House“, um Lovecrafts Werk zu veröffentlichen. Nach schwierigen Anfängen traten Cthulhu & Co. einen bemerkenswerten Siegeszug an. In der phantastischen Literatur nimmt H. P. Lovecraft längst den ihm gebührenden Platz ein – zeitlich nach, aber nicht unter Edgar Allan Poe: ein kauziger, allzu sehr in Adjektive verliebter, aber origineller Mann mit großen Visionen, der den klassischen Horror um die Komponente Science Fiction erweiterte, ohne dem Traum von der perfekten, weil technisierten Zukunft hinterherzulaufen.

Über H. P. Lovecraft und sein Werk äußern sich unzählige Websites. Eine der schönsten ihrer Art stellt das „H. P. Lovecraft Archive“ dar.

[md]

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Der Schatz des Abtes Thomas

Erstellt von Michael Drewniok am 15. Februar 2010

james-m-r-schatz-cover-1979M. R. James
Der Schatz des Abtes Thomas. Zehn Geistergeschichten

Originalzusammenstellung
Übersetzung: Friedrich Polakovics
(sfbEntry)
Dt. Erstveröffentlichung (geb.): 1970 (Insel Verlag)
195 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1979 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 540 = Phantastische Bibliothek Nr. 32)
195 S.
ISBN-13: 978-3-518-37040-7

Böse Gespenster kommen über allzu neugierige Zeitgenossen. Auch Unschuld schützt vor solcher Heimsuchung nicht, sodass sich die geplagten Seelen allerlei einfallen lassen müssen, um – vielleicht – davonzukommen: Zehn klassische Geschichten definieren in der perfekten Balance von Gruselspannung und Humor das Genre „ghost story“:

- Der Schatz des Abtes Thomas („The Treasure of Abbot Thomas“, 1905), S. 7-30: Wer sein Gold einst finde, den beneide er nicht, hinterließ der Abt eine Warnung; viele Jahre später erkennt ein Schatzsucher, was – und wen – Thomas meinte …

- Ein Herzensvetter („Lost Hearts“, 1905), S. 31-43: Der freundliche Verwandte hegt böse Pläne, als er seinen verwaisten Vetter aufnimmt, doch zwei bereits früher hässlich geendete Hausgäste machen ihm einen Strich durch die Rechnung …

- „Ibi cubavit Lamia“ („An Episode of Cathedral History“, 1919), S. 44-65: Als die alte Kirche renoviert wird, stoßen die Bauarbeiter im Inneren auf ein Grab, das sie besser ungestört gelassen hätten …

- Das Puppenhaus („The Haunted Doll‘s House“, 1925), S. 66-81: Was einst Grässliches unter dem Dach des Vorbildes geschah, wiederholt sich nun im verfluchten Puppenhaus als mitternächtliches Miniatur-Drama …

- Das Vermächtnis des Kanonikus Alberic („Canon Alberic’s Scrapbook“, 1905), S. 82-96: Wen der gar nicht fromme Kirchenmann einst aus der Hölle zitierte, haust noch heute in seiner Kirche, weshalb man wissen sollte, wie man ihm aus dem Weg geht …

- Eine Pfadfinder-Geschichte („Wailing Well“, 1931), S. 97-111: Als er trotz eindringlicher Warnung ein verfluchtes Wäldchen betritt, erfährt der ungehorsame Knabe, dass Gespenster weniger nachsichtig als Erwachsene sind …

- Der Eschenbaum („The Ashtree“, 1905), S. 112-129: „Es werden Gäste sein auf Castringham Hall“, kündigt die Hexe unter dem Galgen an, und die haben es auf den Richter und seine Nachfahren abgesehen …

- Drei Monate Frist („Casting the Runes“, 1911), S. 130-156: Der reizbare Amateur-Historiker pflegt Kritiker mit einem tödlichen Fluch zu belegen, aber dieses Mal gedenkt sein Opfer, es ihm mit gleicher dämonischer Münze heimzuzahlen …

- Das Chorgestühl zu Barchester („The Stalls of Barchester Cathedral“, 1911), S. 157-176: Als der alte Amtsvorgänger nicht sterben will, hilft der Nachfolger ungeduldig nach; zu seinem Pech ruft die böse Tat unheimliche Rächer auf den Plan …

- „Liber nigrae peregrinationis“ („Count Magnus“, 1905), S. 177-194: Auch im Tod sollte man Magnus fürchten, denn noch immer hasst er Störenfriede und hetzt ihnen hinterher, was ganz sicher nicht von dieser Erde ist …

Wer zu tief schürft, trägt die Folgen!

Eigentlich sind es harmlose Zeitgenossen, die zudem zufällig dorthin geraten, wo sie ganz sicher nie landen wollten: im Reich der Gespenster, zumal diese sich von ihrer besonders unerfreulichen Seite zeigen. Sie sind böse, heimtückisch und nachtragend. Ihnen zum Opfer fallen allzu forschungseifrig Bücherwürmer, Kirchenmänner und sogar Jugendliche, die nur altersbedingt gegen die Regeln von Zucht & Ordnung verstoßen: Die Gespenster des M. R. James kennen keine Gnade!

Eher zufällig trifft es den hinterhältigen Mr. Abney („Ein Herzensvetter“), den kritikerfeindlichen Mr. Carswell („Drei Monate Frist“), den selbstgefälligen Junker Fell („Der Eschenbaum“) oder den scheinheiligen Archidiakon Haynes („Das Chorgestühl zu Barchester“), die tatsächlich Verbrechen begehen. Aber selbst mit diesen Schurken hat der Leser Mitleid, denn die Strafe für ihr unchristliches Tun ist ausnahmslos schrecklich.

Mit einiger Sicherheit ist zu erwarten, dass nicht einmal der grausige Tod ein Ende dieser Strafe bringt. Im Fall des vorwitzigen Pfadfinders Stanley Judkins („Eine Pfadfinder-Geschichte“) wissen wir es sogar genau: Er muss sich denen zugesellen, die ihm das Leben nahmen, und ist in Zukunft ebenso gefährlich für zukünftig allzu Neugierige!

Horror mit Humor

Gerecht geht es bei M. R. James also nicht zwangsläufig zu, und seine Gruselgeschichten enden keineswegs automatisch mit einer lehrreichen Moral. Dazu nahm der Verfasser die Geisterwelt nicht ernst genug. Ob James dennoch an Geister glaubte, blieb sein Geheimnis. Seine Storys bleiben ambivalent, denn sie werden mit viel schwarzem Humor dargeboten. „Eine Pfadfinder-Geschichte“ ist ganz offen als Horror-Komödie gestaltet, die zusätzlich ihren Scherz mit dem eigentlich zu erwartenden Schlussappell – Haltet euch an die Regeln! – treibt.

Auch sonst ist James immer für einen Seitenhieb gut. Wenn sich ehrwürdig aufgeblasene Kirchenfürsten gegen den Umbau einer Kirche sträuben, weil man anschließend sehen könnte, dass sie der Messe im Tiefschlaf beiwohnen, klingt das in „Ibi cubavit Lamia“ trügerisch harmlos so: „Andere wiederum bemängelten, sie würden dem Anblick der Kirchenbesucher preisgegeben sein, was, wie sie sagten, besonders während der Predigten unangenehm sein werde, denen die Domherren gern in einer Haltung lauschten, die zu Missverständnissen Anlass geben könnte.“ (S. 51)

Auf der anderen geht die Begegnung mit dem Übernatürlichen regelmäßig grimmig aus. Die Kunstfertigkeit, mit der James sein Garn spinnt, verbirgt durchaus plakative Grausamkeiten. Da werden Herzen aus dem Leib („Ein Herzensvetter“) oder gar Gesichter vom Schädel gerissen („Liber nigrae peregrinationis“), und in „Das Puppenhaus“ frisst der zum Zombie mutierte Großvater die an seinem Schicksal unschuldigen Enkelkinder. Wie im Märchen gibt James seinem Publikum, was es verlangt.

Wie der Horror überlebte

Dass sich das Vergnügen an Horror und Humor den deutschen Lesern gleichermaßen mitteilt, verdanken sie der kongenialen Übersetzung von Friedrich Polakovics. Während er seinen Hang zum künstlich antiquierten Ausdruck in anderen Story-Sammlungen manchmal bis zur Unerträglichkeit übertreibt, findet er hier stets den korrekten Tonfall. M. R. James schreibt zwar ‚nur‘ Gruselgeschichten, aber er ist ein akademisch hochgebildeter Autor, der daraus keinen Hehl macht.

So wird „Der Schatz des Abtes Thomas“ durch ein halbseitiges lateinisches Zitat eingeleitet. (Keine Sorge – es wird übersetzt.) Das sorgte vor 100 Jahren nicht für Entsetzen, sondern wurde als Entscheidung des Verfassers zur Kenntnis genommen. Der ebenfalls des Lateinischen mächtige Leser – solche soll es sogar noch heute geben – erfährt den doppelten Lektürelohn, wenn er verfolgt, wie präzise und doch der Story angemessen James Sprachduktus und Inhalt des Mittelalters nachahmt.

James-Grusel in anderen Medien

In England werden die Geistergeschichten von M. R. James seit Jahrzehnten nicht nur als Klassiker verehrt und gelesen, sondern auch verfilmt. 1957 setzte Jacques Tourneur (1904-1977), ein Meister des „film noir“, die Story „Drei Monate Frist“ unter ihrem Originaltitel „Casting the Runes“ (dt. „Der Fluch des Dämonen“) um. Zwar wurde er vom Studio gezwungen, jene heraufbeschworene Kreatur, die er wie James ursprünglich nur andeuten wollte, per Filmtrick zu zeigen, aber es gelang Tourneur dennoch ausgezeichnet, die bedrückende Atmosphäre einer dämonischen Bedrohung in Bilder voller trügerischer Schatten umzusetzen.

M. R. James fand natürlich auch Eingang in die TV-Serie „Mystery and Imagination“, die zwischen 1964 und 1968 als angelsächsische Variante der „Twilight Stories“ in England entstand; verfilmt wurden aus unserer Sammlung „Drei Monate Frist“ und „Ein Herzensvetter“. Eine stimmungsvolle und mit 45 Minuten Länge nicht über Gebühr gestreckte Version von „Das Chorgestühl zu Barchester“ stammt aus dem Jahre 1971. Von 1974 bzw. 1975 datieren ähnlich auf das Wesentliche konzentrierte Verfilmungen von „Der Schatz des Abtes Thomas“ bzw. „Der Eschenbaum“.

Auch heute bilden James-Storys einen Grundstock vor allem für TV-Filme. 2000 schlüpfte niemand Geringerer als Christopher Lee in die Rolle von M. R. James und erzählte vier „Ghost Stories for Christmas“. Die derzeit letzte Version von „Ein Herzensvetter“ entstand erst 2007.

Autor

Montague Rhodes James wurde am 1. August 1862 in Goodnestone, einer Kleinstadt in der englischen Grafschaft Kent, geboren. Als „Monty“ drei Jahre alt war, zog seine Familie nach Great Livermere in Suffolk um, dessen Landschaft ihn stark prägte und deren Naturdenkmäler und Altertümer später immer wieder in seinen Geistergeschichten auftauchten.

Rhodes‘ zweiter Lebensschwerpunkt wurde die Universitätsstadt Cambridge. Nach einem Intermezzo in Eton studierte er hier am King’s College antike und mittelalterliche Geschichte und spezialisierte sich auf alte Schriften und Sprachen. Nachdem er seinen Abschluss gemacht hatte, bot ihm das King’s College eine Anstellung an. Rhodes bewährte sich als Dozent und Wissenschaftler. 1905 wurde er zum Direktor („provost“) ernannt. Diese Stelle hatte er 13 Jahre inne, bevor er in die entsprechende Position ans Eton College wechselte, wo er 1936 im Amt starb.

M. R. James‘ Einfluss auf die (britische) Phantastik kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Schon zu Lebzeiten schätzten ihn nicht nur seine Leser. Berühmte Kollegen äußerten sich lobend über sein Werk. Zu ihnen zählten der überaus kritische H. P. Lovecraft (1890-1937) oder Clark Ashton Smith (1893-1961).

Darüber hinaus wurde James zum Vorbild für andere Autoren, die „ghost stories“ in seinem Stil schrieben. Die erste Generation bildeten Mitglieder der „James-Gang“, die der Schriftsteller vor allem in seinen Eton-Jahren um sich scharte. Viele dieser Pastiches sind zu Recht vergessen, während andere dem Vorbild nicht nur nahe kommen, sondern es reizvoll neu interpretieren.

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Rosa Luxemburg

Erstellt von Thomas Hofmann am 12. Februar 2010

Dietmar Dath:rosa
Rosa Luxemburg. Leben Werk Wirkung
Suhrkamp, 2010
Reihe Suhrkamp BasisBiographie sb 35


www.suhrkamp.de


Gelesen habe ich das Buch, weil es von Dietmar Dath geschrieben wurde. Zufällige Weise hat er sich in seiner biografischen Abhandlung einer Person gewidmet, der ich mich ebenfalls nicht verschließen kann, über die ich gerne mehr erfahren möchte.

Zufälliger Weise? Wahrscheinlich nicht, denn es ist kein Geheimnis, in welche politische Himmelsrichtung der Autor tendiert.

Insofern dürfte es auch keine Überraschung darstellen, wenn diese Biografie wohlwollend und sozusagen „Pro-Rosa“ ausfällt. Nichtsdestotrotz ist das Buch keine Lobhudelei, sondern zeigt auch Schwächen und Grenzen der bekannten und populären Protagonistin der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung auf.

Geschult in der DDR fühlte ich mich lange Zeit übersättigt von der Geschichte der Arbeiterbewegung. Aber schon damals galt: Je näher man sich mit der Materie beschäftigt, desto interessanter und vielseitiger ist sie. Als Schüler hing mir das Ganze bald zum Halse raus; auch wenn ich durchaus sehr geschichtlich interessiert war und auch in dieser Richtung mein Studium aufnahm. Doch erst während des Studiums konnte ich dem Stoff neue, interessante und spannende Seiten abgewinnen.

Doch klar ist, dass dieses Buch in der DDR so sicher nicht erschienen wäre – wobei, so eine Überlegung eher müßig ist. Aber leider waren ja auch Bücher westdeutscher Marxisten in der DDR eher rar gestreut.

Was bietet diese Buch?

Auf 150 kleinen Taschenbuch-Seiten findet der geneigte Leser eine Biografie Rosa Luxemburgs, eine Darstellung ihre Werk, wobei diese beiden Teile etwa gleichen Umfangs sind und eine kurze Darstellung ihrer Nachwirkung. Aber schon im übrigen Buch finden sich immer wieder Bezüge zur Gegenwart, was sehr erfrischend ist. Dath klärt einige Missverständnisse gerade auch der Linken seiner, unserer Zeit im Umgang mit dieser linken Ikone.

Für mich waren einige Aspekte auch tatsächlich neu und in der Darstellung Daths klar und prägnant. So macht Geschichte Spaß!

Für mich besonders interessant war die Darstellung ihrer Einschätzung Lenins und seiner strategischen Überlegungen; ihre Auseinandersetzung mit seinem Zentrismus.

Zu denken gab mir auch Daths Darstellung ihrer Haltung zum Internationalismus und entsprechende Kritik an nationalen Bewegungen („Sozialpatrioten“). Und er bietet Argumente gegen die Forderung nach staatlichen Kontrollmechanismen linker Befürworter etwa des Existenzgeldes (damit hat er sich schon in seinem Büchlein „Maschinenwinter“ befasst)

Besten Dank für diese Anregungen!

Sicher, man muss dieses Buch nicht lesen, wenn man ansonsten auch Dath-Fan ist, aber Fakt ist, dass man auch hier Diktion und Stil dieses deutschen Ausnahme-Schriftstellers sofort wieder erkennt, der sich nun eben auch einmal sehr unmittelbar mit einer seiner Ideenlieferanten auseinander setzte.

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Dawn Song

Erstellt von Werner Karl am 31. Januar 2010

dawn-songMichael Marano
Dawn Song

Originaltitel: Dawn Song (1998)
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bauche-Eppers
Berlin: Suhrkamp Verlag 2010
Suhrkamp Taschenbuch 4139
Umfang: 570 Seiten
ISBN 9783518461396

www.suhrkamp.de

Dawn Song ist der erste Roman einer neuen Reihe im Suhrkamp Verlag, die sich “Newgothic” nennt und von Dietmar Dath herausgegeben wird, der auch ein kenntnisreiches Vorwort geschrieben hat über Michael Maranos bisher einzigen Roman, für den der us-amerikanische Autor immerhin den Bram Stoker Award und den International Horror Guild Award verliehen bekommen hat. Dabei hinterlässt Dawn Song einen durchaus ambivalenten Eindruck beim Leser. Während Vorwortschreiber Dath berechtigterweise auf die herausragenden stilistischen Fertigkeiten des Autors hinweist, packt einen bei längerer Lektüre des Werks doch etwas Befremden darüber, dass es dem Buch nicht gelingt, eine Geschichte kontinuierlich zu erzählen und den Leser damit zu fesseln.

Was daran liegt, dass der Autor ständig hin und her springt zwischen verschiedenen Protagonisten, deren großes Manko es ist, dass sie flach und wenig überzeugend geraten sind, da sie vom Autor ohne Gefühlswelt oder nachvollziehbare Motivationen erschaffen werden. Einzige Ausnahme ist der junge homosexuelle Buchverkäufer Lawrence, dem man gerne länger und öfter folgen würde. Statt dessen sieht sich der Leser aber immer wieder mit anderen Handlungsschauplätzen konfrontiert, bei denen es Marano zwar auf Grund seiner formidablen stilistischen Fertigkeiten gelingt für Atmosphäre zu sorgen, die aber bald nicht mehr darüber hinweg täuschen, dass die Handlung kaum noch voran schreitet, die hier erzählte Geschichte nicht wirklich ansprechen, packend oder gar interessant und frappierend ist. Statt dessen geistern verschiedene Menschen und auch übernatürliche Wesen durch eine unterkühlte us-amerikanische Großstadt (in diesem Fall Boston) des Jahres 1990, beseelt von dämonischen Aufträgen und/oder der Suche nach dem finalen Lebensglück oder -unglück.

Dass Michael Marano dies mit Meisterhand dem Leser so verkauft, dass dieser geblendet wird von der Wortgewalt des Autors, spricht zweifellos für den brillanten Stilisten, was aber gegen ihn spricht, ist die Auswalzung der nicht besonders innovativen Geschichte auf über 500 Seiten. Hätte der Autor die gleiche Handlung kurz und knackig auf ca. 250 Seiten eingedampft und seine wunderbaren stilistischen Kunstgriffe hier zielgerichtet eingesetzt, so hätte ein absolutes Meisterwerk entstehen können. So bleibt der Eindruck verschenkter Möglichkeiten, wie bei einem toll hergerichteten und superb verpackten Geschenk, welches sich beim Entblättern als profanes Stück Durchschnittsseife entpuppt. Schade eigentlich, denn dass der Autor schreiben kann wie nur wenige seiner Kollegen, wird ihm niemand absprechen können. Dass dies aber wirklich alleine ausreicht, um den Leser durch die 570 Seiten zu tragen, darf bezweifelt werden.

Aus literarischer Sicht erscheint Dawn Song unbedingt lesenswert, was aber seinen Unterhaltungswert betrifft, da scheiden sich sicherlich die Geister. Trotzdem ist zu hoffen, dass sich die neue Reihe mit niveauvoller Phantastik am Markt etablieren kann, denn seitdem Suhrkamp seine Phantastische Bibliothek eingestellt hat, fehlt ein solches Format leider völlig in Deutschland und wird schwerlich vermisst.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald  
 
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Dawn Song

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Der Griff aus dem Dunkel

Erstellt von Michael Drewniok am 27. Januar 2010

blackwood-griff-aus-dem-dunkelAlgernon Blackwood
Der Griff aus dem Dunkel

Originalausgabe
Übersetzung: Friedrich Polakovics
Dt. Erstausgabe (geb.): 1973 (Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
255 S.
ISBN-13: 978-3-458-05817-5
Als Taschenbuch: 1979 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 518 = Phantastische Bibliothek Nr. 28)
258 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-37018-6
(sfbentry)

Das geschieht:

In einer Novelle und fünf Kurzgeschichten gewinnt Algernon Blackwood (1869-1951), der Meister der angelsächsischen Gruselliteratur, ihm wichtigen Themen (Naturmystik, Mehrdimensionalität, Tod als Übergang) neue, spannende Seite ab: eine Reise in die Vergangenheit der Phantastik, die mit erstaunlich frisch gebliebenen Schrecken überrascht.

- Das Haus der Verdammten („The Damned“, 1914), S. 7-110: William und seine Schwester Frances werden von der reichen Witwe Mabel auf deren Landsitz in der Grafschaft Sussex eingeladen. Aus dem erhofften Urlaub auf dem Lande wird nichts, denn in „The Towers“ spukt es mächtig. Mabels verstorbener Gatte, der Bankier Samuel Franklyn, war ein Laienprediger übelster Sorte: ein bigotter, fanatischer Eiferer, der mit Inbrunst die ewige Verdammnis auf alle Sünder herab beschwor. Selbst der Tod konnte Samuel und seinen Missionseifer nicht stoppen; sein niederträchtiger Geist beherrscht „Two Towers“, die willenlose Mabel und tausend körperlose Seelen, Samuels Opfer, die ihr Gehorsam nicht ins Paradies, sondern in eine düstere Zwischenwelt fehlgeleitet hat, der sie nun verzweifelt und zornig endlich entkommen wollen. In einem letzten Aufflackern ihres Widerstandes hat Mabel Frances und William zu sich gerufen, doch die Geschwister können dem Ansturm der Verdammten ebenso wenig standhalten wie sie …

- Die Übergabe („The Transfer“, 1911), S. 111-125: Der großspurige Mr. Frene ist eine Art Vampir, der sich von der Lebenskraft seiner Mitmenschen nährt und fett, reich und berühmt darüber geworden ist. Nun sucht er die Familie seines Bruders heim, wird aber von seinem hellsichtigen kleinen Neffen in die Falle einer blinden Naturkraft gelockt, die ihm die geraubte Energie wieder aussaugt - und mehr …

- Am ersten Abend im Mai („May Day Eve“, 1907), S. 126-153: Der Skeptiker möchte seinen alten Freund, den geistergläubigen Volkskundler, auf dessen einsam gelegenen Landsitz besuchen. Ahnungslos reist er in der Nacht zum 1. Mai, an dem die Trennung zwischen der Welt der Lebenden und dem Geisterreich aufgehoben ist …

- Jones‘ Wahnidee („The Insanity of Jones“, 1907), S. 154-183: Der Angestellte Jones ist eine graue Maus, die sich klaglos in ihr einsames, freudloses Dasein fügt, bis eines Tages Erinnerungen an ein früheres Leben aufsteigen, das ein abruptes Ende nahm. In seinem Vorgesetzten meint Jones den Mörder wiederzuerkennen und ergreift die Gelegenheit verschafft, endlich Vergeltung zu üben …

- Im Banne des Schnees („The Glamour of the Snow“, 1912), S. 184-209: Hibbert macht Winterurlaub in den Alpen. Die aufdringliche Fröhlichkeit der übrigen Gäste geht ihm auf die Nerven, so dass er dem Locken einer unbekannten Schönen gern nachgibt, die ihn zu einem mitternächtlichen Schnee-Spaziergang mit eisigem Ende einlädt …

- Der Fall Pikestaffe („The Pikestaffe Case“, 1924), S. 210-248: Der geniale Gelehrte Thorley entdeckt einige physikalische Gesetze, die dem Kollegen Einstein verborgen blieben; sie ermöglichen ihm den Vorstoß in ganz neue Dimensionen - doch leider nicht den Weg zurück, woran eine brave, aber geistig etwas schlichte Pensionswirtin mitschuldig ist …

Spannende Variationen bekannter Themen

Mit dem verwünschten oder heimgesuchten Haus hat sich der Verfasser immer wieder beschäftigt. Er war davon überzeugt, dass ein willensstarker (oder auch wahnsinniger) Menschengeist den Tod überstehen kann; vielleicht nicht als denkende, gezielt handelnde Wesenheit, aber als blinde Kraft, die den Lebenden gefährlich werden kann, wenn sie zufällig oder mutwillig herausgefordert wird.

Häuser oder ganz allgemein Stätten, an denen über lange Jahre Unrecht und Gewalt geschah, können sich nach Blackwood sogar zu regelrechten Batterien entwickeln, die solche Kräfte speichern, verstärken und gebündelt abstrahlen. Dabei muss nicht unbedingt eine Bluttat am Anfang eines Spukhauses stehen. Samuel Franklyn hat körperlich nie einer Fliege etwas zu Leide getan; er war sogar als Menschenfreund bekannt. Aber er war auch ein religiöser Fanatiker, der in „The Towers“ den Leichtgläubigen die Furcht vor der Hölle einbläute, bis sich diese im Mahlstrom der kollektiven Furcht tatsächlich auftat.

Ein Literat als Rebell

Algernon Blackwood wird zu den prominenten Vertretern der viktorianischen Horrorliteratur gezählt, aber er selbst war sicherlich kein typischer Viktorianer. Tatsächlich war er schon in jungen Jahren dem Ungeist dieser Epoche entflohen, obwohl ihm der Weg in eine glänzende Zukunft offenstand, hätte er sich nur konform verhalten: Blackwoods Mutter war eine Herzogin von Manchester, sein Vater ein geadelter höherer Beamter der britischen Postverwaltung. Doch als Eltern waren diese beiden gefühlskalt und engstirnig; Blaupausen womöglich für das Ehepaar Franklyn.

Blackwood, der Rebell, ordnete sich weder ihnen noch dem System unter. Daher war ihm auch das Christentum suspekt; an einen Gott, der lieber strafte als verzieh, wollte und konnte er nicht glauben. Die schrecklichen Folgen einer Amok laufenden Religion führt er uns in „Das Haus der Verdammten“ exemplarisch vor Augen. Freilich meint er auch das Gegenmittel zu kennen: Hass begegnet man mit Verständnis und Liebe, dann löst er sich auf. Das ist sympathisch, aber auch ein Punkt, der Blackwood recht naiv erscheinen lässt. In der Tat funktioniert „Das Haus der Verdammten“ als Geschichte genau dann nicht mehr, als der Verfasser eine Gruppe früh blühender Blumenkinder auftreten lässt, die „The Towers“ einem sanften Exorzismus unterziehen, bis die vergiftete Atmosphäre sich gereinigt hat.

Die Macht der Natur

Trotzdem muss man hier genau lesen: Blackwood ersetzt keineswegs das ‚böse‘ Christentum durch eine andere und ‚bessere‘ Religion. Eigentlich gehören die Retter von „Two Towers“ gar keiner Glaubensgemeinschaft an. Stattdessen akzeptieren sie die Welt, wie sie nach Blackwood ist: als Ort zwar mystischer, aber natürlicher Kräfte, die sich mehr oder weniger im Gleichgewicht befinden, ganz sicher keines gestrengen göttlichen Lenkers bedürfen und bei Bedarf behutsam kanalisiert und zur Ruhe gebracht werden können.

Wer diese Differenzierung berücksichtigt, wundert sich nicht darüber, dass Blackwood zwar sehr interessiert an den okkulten oder mystischen Lehren seiner Zeit und seit 1900 sogar Mitglied im berühmt-berüchtigten Geheimbund „Hermetic Order of the Golden Dawn“ war, doch bald wieder auf Abstand ging: Nicht einmal die erklärten Feinde der etablierten Religionen konnten ihn halten, da alle diese Zirkel selbst wieder strengen Regeln unterworfen waren, die Blackwood generell verwarf.

… wird dem Leser manchmal zu viel

Blackwoods Naturmystik ist die Quelle jener faszinierenden Mischung aus selbst Erlebtem und verschlüsselt Erdachtem, die er besonders in sein späteres Werk einfließen lässt - leider nicht unbedingt zu dessen Nutzen. Wer ihm nicht folgen mag auf diesem Weg, langweilt sich trotz der unerhörten literarischen Qualitäten, die Blackwood über die meisten zeitgenössischen und modernen Autoren des phantastischen Genres erheben.

Schon „Das Haus der Verdammten“ wird unleserlich dort, wo sich die unglaublich dichte Geschichte einer bösen oder blindwütigen Besessenheit im Esoterischen verliert. Wesentlich eindrucksvoller gelingt Blackwood die Beschwörung der Elementarkräfte in „Der Transfer“, wo ein quasi dilettierender Naturgeist seinen Meister trifft, und natürlich in „An ersten Abend im Mai“, eine Geschichte, die zunächst einmal nichts als die moderne Interpretation des alten Märchen vom unglücklichen Sterblichen ist, der zufällig in den Kreis der Feen stolpert und dabei sein blaues Wunder erlebt. Blackwood entwickelt daraus eine gleichermaßen gruselige wie eindrucksvolle Geschichte, in der die Natur wirklich lebendig wird.

Das eigentlich Interessante daran ist, dass nicht diese Tatsache Verderben über den unfreiwilligen Zeugen bringt. Die Natur schlägt eher blind zu, weil der nun Eingeweihte die Regeln nicht kennt. Deshalb ist sie bzw. sind ihre gespenstischen Emanationen auch nicht unbedingt bösartig oder gar böse zu nennen; sie sind nur fremd und können deshalb Verderben über den Sterblichen bringen. Freilich war Blackwood Profi genug, sich von diesem Credo zu lösen, wenn eine gute Geschichte dabei heraussprang: „Im Banne des Schnees“ zeigt Elementargeister, die eindeutig Ungutes im Sinn haben und folgerichtig sehr allergisch auf fromme Gebete und Glockenklang reagieren.

„Jones Wahnidee“ atmet dagegen wieder ganz den Geist des Blackwoodschen Multiversums: Der Geist ist stärker als die Materie, und es braucht keinen Christengott, der das ewige Kommen und Gehen steuert. Allerdings könnte es auch sein, dass Mr. Jones nur ein armer Irrer ist - Blackwood war nie ein fanatischer Guru, sondern der Selbstironie fähig. Er konnte sich über seine eigenen Ansichten und deren unbestreitbaren Schwachpunkte durchaus lustig machen. Angenehm humorvoll legt er deshalb auch den „Fall Pikestaff“ an, der deutlich in Richtung Science Fiction geht, bevor dieses Genre offiziell ‚erfunden‘ wurde.

Diese Herausforderung sollte angenommen werden

Man kann sagen, dass „Der Griff aus dem Dunkel“ Geschichten sammelt, die wesentlich ‚schwieriger‘, d. h. komplexer sind als die Stories früherer Blackwood-Sammlungen. Erschreckend spannend und eindringlich sind sie aber allemal, so dass den Freunden der Unheimlichen einmal mehr uneingeschränkt zur Anschaffung dieser antiquarisch recht problemlos zu findenden Sammlung geraten werden kann.

Es gibt sogar eine erfreuliche Zugabe: ein knappes, aber kluges Nachwort („Algernon Blackwood: Geisterseher und Weltenbummler“, S. 249-258) von Kalju Kirde (1923-2008), sicherlich eine DER Autoritäten auf dem Gebiet der unheimlichen Literatur im deutschen Sprachraum und Herausgeber der von den Freundes dieses Genres heiß & innig geliebten „Bibliothek des Hauses Usher“ (1969-1975) im Insel Verlag, zu der auch diese Sammlung ursprünglich gehörte.

Autor

1869 wurde Algernon Blackwood in Shooter’s Hill (heute ein Teil von London, damals zur Grafschaft Kent gehörend) geboren. Seine Eltern gehörten einer strengen calvinistischen Splittergruppe an, doch Algernon betrachtete die ‚etablierten‘ Religion skeptisch. Er verließ sein behütetes aber gefühlskaltes Elternhaus, sobald er volljährig war, und emigrierte nach Kanada. Später ging er in die Vereinigten Staaten und versuchte er sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler. Die in dieser Lehr- und Wanderzeit gewonnenen Erfahrungen, die er später auf ausgedehnten Europareisen vertiefte, flossen in Blackwoods schriftstellerische Arbeit ein, mit der er 1899, im Jahr seiner Rückkehr nach England, begann.

In rascher Folge veröffentlichte Blackwood mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Okkulten und Übersinnlichen beschäftigten. Auch hier konnte er auf persönliche Kenntnisse zurückgreifen. Schon als 17-jähriger hatte Blackwood in Kent die Sagen und Mythen seiner Heimat studiert und sich mit den Lehren der klassischen Okkultisten und Kabbalisten vertraut gemacht. Im Jahre 1900 trat Blackwood dem berühmten „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei.

Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, Wiedergeburt: Dies sollten die Themen sein, auf die Blackwood in seinen Geschichten immer wieder zurückkam. Sie belegen außerdem die zweite Leidenschaft der gesellschaftlichen Oberschicht um die Jahrhundertwende – das Interesse an der neuen, noch höchst umstrittenen und daher umso faszinierenderen Wissenschaft der Psychoanalyse.

Die Hypothese, dass Geister – sollte es sie denn geben – nicht einfach nur ‚sind‘, sondern Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, hatte in den Augen der Zeitgenossen etwas Bestechendes. Recht schnell spiegelte sich dies in den Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller wider. Blackwood gehört zu den Pionieren, die eine psychologische Sicht auf die Welt des Okkulten warfen. Besonders deutlich manifestierte sich dies in der Figur des „physican extraordinary“ Dr. John Silence, (1908) einer am Vorbild Freuds orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattete Figur.

Algernon Blackwood starb hoch betagt und als Schriftsteller halb vergessen 1951. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens war (der 1949 geadelte) er jedoch als Radiosprecher und Hörspielautor noch einmal ungemein populär geworden. Blackwood hinterließ etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte und Liedtexte.

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Die gefiederte Seele

Erstellt von Michael Drewniok am 18. Januar 2010

blackwood-seele-coverAlgernon Blackwood
Die gefiederte Seele

Deutsche Erstausgabe: 1989 (Suhrkamp Verlag/TB Nr. 1620 = Phantastische Bibliothek Nr. 229)
Übersetzung: Friedrich Polakovics
221 S.
ISBN-13: 978-3-518-38120-5
(sfbentry)

Das geschieht:

Mit zehn Kurzgeschichten und einer Novelle zielt der Autor nicht auf den Bauch-Grusel, sondern dringt – manchmal allzu behutsam aber eindrucksvoll und unsentimental – in die Schattenbereiche der menschlichen Seele vor, die allerlei meist unsichtbaren, oft eher fremden als bösen Mächten ausgesetzt ist:

- Das dreifache Band („The Threefold Cord“, 1931), S. 7-20: Die schöne aber unheimliche Frau hat bereits den Großvater und den Vater in den Tod getrieben, und nun macht sie sich an den Sohn heran …

- Das Land des grünen Ingwer („The Land of Green Ginger“, 1930), S. 21-29: Ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Erlebnis lässt den späteren Schriftsteller seinen Lebensweg finden …

- Die gefiederte Seele („The Wings of Horus“, 1917), S. 30-52: Weil für den Lockruf Altägyptens allzu empfänglich, beginnt sich ein Mann zu verwandeln, was ihm in der Gegenwart schlecht bekommt …

- Ägyptischer Heimgang („A Descent into Egypt“, 1914), S. 53-130: Das alte Ägypten der Götter und Pharaonen blieb als unsichtbare Macht präsent und gefährlich, weil es die Seelen jener, die allzu stark in seinen Bann geraten, in die Vergangenheit zu zerren droht …

- Die Nacht des Pan („The Touch of Pan“, 1917), S. 131-152: In einer englischen Sommernacht amüsieren sich gar nicht sagenhafte Kreaturen über die steife Fröhlichkeit einer langweiligen Menschenparty …

- Der andere Flügel („The Other Wing“, 1915), S. 153-172: Längst hat er vergessen, welche Heldentat ihm als Kind gelang, doch wem er damals einen Herzenswunsch erfüllte, hält dankbar ein Auge auf ihn …

- Heidefeuer („The Heath Fire“, 1912), S. 173-181: Der neugierige Maler erlebt die Vereinigung von Sonnenlicht und Erdenfeuer, und dafür zahlt er gern einen hohen Preis …

- Besuch nach Ladenschluss („The Deferred Appointment“, 1914), S. 182-187: Er hatte seiner Frau ein Versprechen gegeben, und wirklich nichts hält ihn auf, es zu erfüllen …

- Hingang auf Widerruf („Entrance and Exit“, 1914), S. 188-193: Diese scheinbar naturgesetzlich geordnete Welt hat ihre Bruchstellen, und es ist gefährlich, wenn man in ihren Bann gerät …

- Der Totenwald („The Wood of the Dead“, 1906), S. 194-206: Zu Lebzeiten war er ein guter Mensch, aber siehst du ihn jetzt, hat dein letztes Stündlein geschlagen …

- Doktor Feldman („Dr. Feldman“, 1935), S. 207-221: Ein nächtlicher Besuch im Geisterhaus nimmt einen gänzlich unerwarteten Verlauf …

Im Grenzbereich des Verstandes

Sechs Sammlungen mit Novellen und Kurzgeschichten von Algernon Blackwood veröffentlichte der Suhrkamp-Verlag zwischen 1969 und 1993. Diese Bände stellen nach wie vor die umfangreichste und umfassendste deutsche Werkschau dieses Autors dar, der zu den großen Phantasten des 20. Jahrhunderts zählt.

Während die ersten vier Bände mehrfach neu aufgelegt wurden, erschien „Die gefiederte Seele“ nur einmal. Der Grund wird im Laufe der Lektüre schnell ersichtlich: Hier präsentiert der Verfasser keine klassischen Geister- und Gruselgeschichten, in denen handfeste Spukgestalten allzu neugierigen, bösen oder einfach vom Pech verfolgten Zeitgenossen das Fürchten lehren. Stattdessen geht Blackwood mindestens einen Schritt weiter. Er lässt die simplen Gespenster hinter sich und wagt sich in die schwankenden Untiefen der menschlichen Seele, die er – sehr vereinfachend ausgedrückt – als selten benutzte Nebenkammer des Verstandes betrachtet, deren Inventar dem Hirn-Eigentümer weitgehend unbekannt ist.

Diese Seele gibt ihre Geheimnisse nur verschlüsselt preis. Können sie enträtselt werden, kann dies von Vorteil sein. In „Das Land des grünen Ingwer“ schildert Blackwood, wie eine fiebertraumähnliche, schwer zugängliche Vision den Tagträumer aus einer existenziellen Krise hilft. Bedrohlicher ist das Erlebnis, das den neugierigen Besucher eines ungewöhnlichen Geisterhauses erwartet („Dr. Feldman“).

Kinder verstehen die Botschaften aus dem Unterbewussten besser. Sie unterscheiden noch nicht zwischen ‚Realität‘ und ‚Traum‘. Statt sich von den aus erwachsener Sicht erschreckenden Bildern erschrecken bzw. lähmen zu lassen, akzeptiert der kindliche Protagonist in „Der andere Flügel“ nicht nur die Existenz einer jenseitigen Welt, sondern erschließt sich auch deren Regeln. So kann er dorthin vordringen, wo der allzu rationale erwachsene Mensch scheitern würde, und heil an Leib & Seele zurückkehren.

Diese Fähigkeit geht mit der scheinbaren Reife verloren. In „Die Nacht des Pan“ merkt ein nächtliches Liebespaar nicht, dass es von lebendig gewordenen bzw. lebenslustigen Fabelgestalten umgeben ist. Es bleibt nur das Gefühl, beobachtet zu werden, das umgehend in Angst umschlägt. Erst der alte Mensch findet manchmal zurück zur klaren, unvoreingenommenen Sicht des Kindes („Der Totenwald“).

Der gefährlich faszinierende Blick über den Tellerrand

Das Eigenleben der Seele ist kein isoliertes, nur auf den Menschen oder das Leben („Das dreifache Band“, „Besuch nach Ladenschluss“) beschränktes Phänomen. Die Seele ermöglicht den Kontakt mit einer Welt, die dem Menschen normalerweise verschlossen bleibt. Blackwood postuliert ein Universum, das sich in seiner Vielschichtigkeit sogar der modernen Wissenschaft verschließt. Stattdessen müssen archaische, in der Gegenwart verkümmerte Sensoren neu aktiviert werden.

Das gelingt vor allem sensiblen Menschen, denen buchstäblich die Augen aufgehen, wenn sie sich auf das (wieder) Entdeckte einlassen: Auf dieser Welt leben nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Natur selbst ist in ihrer Gesamtheit belebt. Luft, Wasser, Erde, Feuer: Die vier Elemente – zu denen sich weitere Entitäten gesellen – ‚sind‘ nicht nur, sie verfügen über eigene Willen („Heidefeuer“). Nur wenigen Kulturen haben um die Präsenz dieser Mächte gewusst und sie sogar in ihr Alltagsleben integriert. Blackwood präferiert hier immer wieder das alte Ägypten, dessen Bewohner nach seiner Meinung im Einklang mit den Naturkräften existierten.

Dass wir verlernt haben, diese Mächte zu sehen, bedeutete keineswegs deren Ende. Umgekehrt wird der Verlust einschlägigen Wissens für den Menschen gefährlich, wenn ihm plötzlich die Welt jenseits der Realität neuerlich bewusst wird. Neugierig und ahnungslos wagt er sich dorthin vor, wo Regelverstöße keineswegs bestraft, sondern wertneutral mit der vorgesehenen Gegenreaktion beantwortet werden. Die Folgen sind beachtlich. In „Hingang auf Widerruf“ kommt der in das Fremde geschleuderte Protagonist gerade noch davon, in „Die gefiederte Seele“ endet der Kontakt tödlich, in „Ägyptischer Heimgang“ verliert der in den Bann Gezogene ‚nur‘ seine Seele; zurück bleibt eine Hülle, die allerdings – hier wird Blackwood ironisch – ihre gesellschaftlichen Pflichten nunmehr konfliktfrei erfüllen kann.

Die glückliche, dumme Mehrheit

Denn nur wenigen Menschen ist der Blick auf die ‚andere Seite‘ vergönnt. Die Mehrheit lebt ahnungslos und zufrieden in ihrer dreidimensionalen Gegenwart und will gar nichts von den Welten jenseits der Peripherie wissen. Besonders deutlich arbeitet Blackwood den Kontrast in „Die Nacht des Pan“ heraus. Während die Menschen selbst in der Feier die sich selbst auferlegten Konventionen nicht ignorieren können, tanzen ausgelassen in fröhlichem Nichtwissen um solche Einschränkungen die ‚heidnischen‘ Kreaturen uralter Sagen.

Blackwood lässt keinen Zweifel daran, wem seine Zuneigung gilt. Der Mensch legt sich selbst jene Fesseln an, die ihn geistig verkümmern lassen, wenn er dies zulässt. Wieder in „Die Nacht des Pan“ beschreibt Blackwood, das „schwarze Schaf“ einer gesellschaftlich hochgestellten Familie, auch seine eigene Flucht aus einer ungeliebten Umgebung, wenn er seine Figur Heber so charakterisiert: „Obschon sein Herkommen es ihm erschwerte (er war ins gekünstelte Cliquenwesen gehobner Gesellschaft hineingeboren), lagen ihm stets nur die einfachen Dinge am Herzen, und ganz besonders hatte es ihm die Natur angetan.“ (S. 130). Ungeachtet der damit verbundenen Gefahren bleibt die Belohnung nicht aus.

Lektüre mit gewissen Tücken

Im Wissen um die Blackwoodsche Philosophie – über deren ‚Sinn‘ an dieser Stelle nicht geurteilt werden soll – lesen sich die hier gesammelten Geschichten erst recht interessant. Vor allem der frühe Blackwood ist darüber hinaus ein wortgewaltiger Schriftsteller und weiß Stimmungen quasi plastisch heraufzubeschwören. Dennoch ist die Lektüre schwierig – und das liegt definitiv nicht daran, dass „Die gefiederte Seele“ keine Lesestoff für Literaturbanausen ist.

Was einst die Gemüter bewegte, ist heute vergessen und lässt gleichgültig. Dass vor allem Blackwoods klassischen Geistergeschichten überlebt haben, kommt nicht von ungefähr: Sie überstehen den Alterungsprozess, der ihnen im Gegenteil sogar bekommt. Die Naturmystik des frühen 20. Jahrhunderts ist dagegen nicht kein Stoff, der für die Ewigkeit gewoben wurde. Schon „Sand“ (1912, gedruckt in „Rächendes Feuer“) ist eine echte Geduldsprobe – wunderbar geschrieben, aber lang und auch langweilig in dem wiederholten Versuch, dem schwer Fassbaren Gestalt zu verleihen. In diesem Band fällt „Ägyptischer Heimgang“ in dieselbe Kategorie. Worum es Blackwood grundsätzlich geht, vermag er in „Die gefiederte Seele“ wesentlich kürzer und gleichzeitig prägnanter darzustellen.

Verstärkt wird des Lesers Befremden durch eine durchaus kunstvolle Übersetzung, die allerdings ungemein künstlich weil altertümelnd wirkt. Alte Geschichten müssen und sollten keineswegs altmodisch übersetzt werden. Sprache verändert sich, und das kann sich auf eine Übersetzung durchaus positiv auswirken. Hier hat die seltsame Sprache dagegen den Effekt, die ohnehin dicke Staubschicht auf den Geschichten unnötig zu verstärken. Da muss man heftig pusten, und dennoch bleibt (spannend) fraglich, ob jedem Leser gefällt, was dabei zum Vorschein kommt.

Autor

1869 wurde Algernon Blackwood in Shooter’s Hill (heute ein Teil von London, damals zur Grafschaft Kent gehörend) geboren. Seine Eltern gehörten einer strengen calvinistischen Splittergruppe an, doch Algernon betrachtete die ‚etablierten‘ Religion skeptisch. Er verließ sein behütetes aber gefühlskaltes Elternhaus, sobald er volljährig war, und emigrierte nach Kanada. Später ging er in die Vereinigten Staaten und versuchte er sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler. Die in dieser Lehr- und Wanderzeit gewonnenen Erfahrungen, die er später auf ausgedehnten Europareisen vertiefte, flossen in Blackwoods schriftstellerische Arbeit ein, mit der er 1899, im Jahr seiner Rückkehr nach England, begann.

In rascher Folge veröffentlichte Blackwood mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Okkulten und Übersinnlichen beschäftigten. Auch hier konnte er auf persönliche Kenntnisse zurückgreifen. Schon als 17-jähriger hatte Blackwood in Kent die Sagen und Mythen seiner Heimat studiert und sich mit den Lehren der klassischen Okkultisten und Kabbalisten vertraut gemacht. Im Jahre 1900 trat Blackwood dem berühmten „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei.

Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, Wiedergeburt: Dies sollten die Themen sein, auf die Blackwood in seinen Geschichten immer wieder zurückkam. Sie belegen außerdem die zweite Leidenschaft der gesellschaftlichen Oberschicht um die Jahrhundertwende – das Interesse an der neuen, noch höchst umstrittenen und daher umso faszinierenderen Wissenschaft der Psychoanalyse.

Die Hypothese, dass Geister – sollte es sie denn geben – nicht einfach nur ‚sind‘, sondern Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, hatte in den Augen der Zeitgenossen etwas Bestechendes. Recht schnell spiegelte sich dies in den Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller wider. Blackwood gehört zu den Pionieren, die eine psychologische Sicht auf die Welt des Okkulten warfen. Besonders deutlich manifestierte sich dies in der Figur des „Physican Extraordinary“ Dr. John Silence, (1908) einer am Vorbild Freuds orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattete Figur.

Algernon Blackwood starb hoch betagt und als Schriftsteller halb vergessen 1951. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens war (der 1949 geadelte) er jedoch als Radiosprecher und Hörspielautor noch einmal ungemein populär geworden. Blackwood hinterließ etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte und Liedtexte.

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Die dunkle Brüderschaft

Erstellt von Michael Drewniok am 29. Dezember 2009

derleth-bruderschaft-cover-2006August Derleth
Die dunkle Brüderschaft. Unheimliche Geschichten

Originaltitel: The Watchers Out of Time (Sauk City : Arkham House 1974)
Übersetzung: Franz Rottensteiner
Deutsche Erstausgabe: 1987 (Suhrkamp Verlag Nr. 1256 = Phantastische Bibliothek Bd. 173)
234 S.
ISBN-13: 978-3-518-37756-6
Diese Auflage: März 2006 (Suhrkamp Verlag Nr. 1256)
234 S.
ISBN-13: 978-3-518-37756-7

Das geschieht:

In 10 neoklassischen Kurzgeschichten beschwört der Verfasser wortreich und stimmungsvoll ein Grauen herauf, das in einer verdrängten und unbekannten Weltgeschichte wurzelt:

- Der Nachkomme (“The Survivor”, 1954), S. 7-30: Nicht nur mit der Geduld des Krokodils ausgestattet, trotzt Dr. Charrieres seit Jahrhunderten dem Tod …

- Das Erbe der Peabodys (“The Peabody Heritage”, 1957), S. 31-55: Als Mr. Peabody pietätvoll das Gerippe seines Urgroßvaters im Sarg umdreht, wird uralter Hexenzauber neu belebt …

- Das Giebelfenster (“The Gable Window”, 1957), S. 56-74: Der Blick in fremde Welten fasziniert, bis deren unfreundliche Bewohner auf den heimlichen Beobachter aufmerksam werden …

- Der Vorfahr (“The Ancestor”, 1957), S. 75-90: Der Geist triumphiert über die Materie, aber reizt man diese dabei zu stark, schlägt sie irgendwann grausam zurück …

- Der Schatten aus dem All (“The Shadow Out of Space”, 1957), S. 91-112: Durch Raum und Zeit reist der entsetzte Erdenmann, als er sich unfreiwillig für einen uralten kosmischen Krieg rekrutiert sieht …

- Das vernagelte Zimmer (“The Shuttered Room”, 1959), S. 113-150: Was der Großvater gefangen hielt aber nicht vernichten konnte, wird vom ahnungslosen Enkel freigesetzt …

- Die Lampe des Alhazred (“The Lamp of Alhazred”, 1957), S. 151-161: Ihr Licht enthüllt Wunder und Schrecken, und einem Träumer weist sie den Weg in eine bessere Welt …

- Der Schatten in der Dachkammer (“The Shadow in the Attic”, 1964), S. 162-183: Was der böse Onkel dem Neffen als Erbe hinterließ, besucht ihn des Nachts in seinem Schlafzimmer …

- Die dunkle Brüderschaft (“The Dark Brotherhood”, 1966), S. 184-211: Sie sehen aus wie Edgar Allan Poe - und sie planen eine Invasion der besonders umständlichen Art …

- Das Grauen vom mittleren Brückenbogen (“The Horror from the Middle Span”, 1967), S. 212-233: Eine Flutwelle setzt frei, was bisher sorgfältig in seinem Mausoleum gefangen lag …

- Originaltitel & Copyright-Vermerke: S. 234

derleth-bruderschaftUnterhaltsam auf den Spuren des Meisters

Der deutsche Phantastik-Fan kennt August Derleth - falls ihm der Name überhaupt etwas sagt - höchstens als literarischen Nachlassverwalter des Grusel-Großmeisters H. P. Lovecraft (1890-1937). Derleth ist es zu verdanken, dass dieser schon lange jenen verdienten Ruhm erntet, der ihm zeitlebens verwehrt blieb. Doch Derleth war selbst ein fleißiger Autor. Seine Horrorgeschichten bilden einen vergleichsweise geringen Anteil an einem eindrucksvollen Gesamtwerk.

Weil Derleth sich hier jedoch stark an Lovecraft anlehnte und dessen Cthulhu-Zyklus durch eigene Beiträge vermehrte, wurde er primär durch seine Pastichés bekannt. Falsch aber folgerichtig erscheint die hier vorgestellte Sammlung unheimlicher Geschichten unter Erstnennung von Lovecrafts Namen. Sie entstammen jedoch allein der Feder Derleths, dessen Namen allerdings die Kundschaft längst nicht so lockt  wie das Zauberwort “Lovecraft”.

Doch die in “Die dunkle Brüderschaft” gesammelten Storys stellen mustergültig heraus, was die Phantastik Lovecraft verdankt, weil Derleth es zwar sehr gut kopieren aber nur ausnahmsweise nachschöpfen konnte. Vor allem Leser, die Lovecrafts Werk nicht kennen, sondern einfach für handfesten Grusel schwärmen, werden diese Einschränkung getrost ignorieren und ignorieren dürfen, denn eines sind Derleths Geschichten (bis auf eine Ausnahme: s. u.) garantiert: unterhaltsam!

Neugier bringt nicht nur die Katze um

Man sollte sie nach und nach lesen, denn auf diese Weise wird weniger offenbar, dass diese Storys recht einfallsarm einem bestimmten Muster folgen: Ein durchschnittlicher Zeitgenosse gerät durch Erbschaft, beruflich oder Zufall ahnungslos dorthin, wo düstere Mächte - oft in Gestalt zauberisch aktiver Vorfahren - kraftvoll ihr Unwesen trieben. Er (nie sie!) findet Spuren, die sein Interesse wecken und entsprechende Nachforschungen in Gang setzen. Das Resultat ist stets fatal: Längst vergangene Schrecken erweisen sich als höchst lebendig. Der unglückliche Forscher gerät in ihren Bann. Hat er Glück, kostet ihn die Erkenntnis, dass diese Welt keineswegs so funktioniert, wie es die ‘offizielle’ Wissenschaft behauptet. ‘nur’ seine geistige Gesundheit. Meist kommt es übler, wobei der Tod nicht einmal das schlimmste Schicksal darstellt.

Lovecraft postulierte eine von Derleth übernommene und ausgebaute (Universal-) Geschichte, die von der Existenz intelligenten Lebens weit vor der Entstehung des Menschen ausging. Kosmische Entitäten treiben ein Spiel, das der beschränkte menschliche Geist nur in Ansätzen begreifen kann: “Der Mensch ist schließlich nur eine kurzlebige Erscheinung auf dem Antlitz eines einzigen Planeten in einer der ungeheuren Welten, die das ganze All ausfüllen” (aus: “Die dunkle Brüderschaft”, S. 108). Dieses rudimentäre Wissen wird immer wieder zur Quelle eines Entsetzens, das nicht nur auf offensive Attacken aus dem Jenseits, sondern auch auf ein Zuviel an Wissen zurückgeht, das der einzelne Mensch, der sich plötzlich buchstäblich mit einem ganzen Universum fremder und feindseliger Kreaturen konfrontiert sieht, nicht meistern kann.

Mit Jenseits ist hier übrigens nicht die Heimat der Toten gemeint. Derleth übernimmt Lovecrafts Prämisse eines Kosmos’, dessen Raum und Zeit nicht stabil gefügt, sondern im Fluss sind. Die dem Menschen vertraute Realität bildet nur eine von unzähligen möglichen Welten, die zu allem Überfluss durch Dimensionsportale miteinander verbunden sein können. Obwohl diese Geschichten von Angst und Entsetzen erzählen, gründen sie nicht nur im Horror, sondern auch oder vor allem in der Science Fiction. Der Schrecken entsteht durch die absolute Fremdheit der kosmischen Wesen, deren Handeln womöglich nicht einmal böse im menschlichen Sinne, sondern primär unverständlich ist.

Schrecken aus zweiter Hand?

“Die dunkle Brüderschaft” sammelt Geschichten, in denen August Derleth den Cthulhu-Mythos kommentierte und ergänzte. Er beschwört den Geist des Vorbilds und lässt ihn sogar mehrfach selbst auftreten (so als “Ward Phillips” in “Die Lampe des Alhazred” und als “Arthur Phillips” in “Die dunkle Brüderschaft”). Derleth geht dabei Lovecrafts Imaginationskraft meist ab; er kopiert seinen Meister, den er freilich gut kennt. Der erfahrene Leser kann die Schnittstellen, d. h. die imitierten Vorlagen, leicht namhaft machen. “Der Schatten aus dem All” ist beispielsweise eine Variation des Lovecraft-Kurzromans “Berge des Wahnsinns”.

Die älteren Geschichten lesen sich notabene besser als die Storys des ’späten’, schon nicht mehr gesunden und ausgelaugten Derleth. So ist die Titelstory “Die dunkle Brüderschaft” ein missglücktes Werk, das zunächst stimmungsvoll an Lovecrafts Liebe zu den historischen Stätten Neuenglands erinnert, un plötzlich in eine Überfall-aus-dem-All-Plotte abzurutschen; Derleth kreiert dabei Invasoren, die es an Planungsdämlichkeit problemlos mit dem Bug-Eyed-Monster-Pärchen Kang & Kodos aus der TV-Serie “Die  Simpsons” aufnehmen. Auch was der finstere Onkel Uriah in “Der Schatten in der Dachkammer” eigentlich plante, bleibt unklar; das abrupte Ende der Story legt nahe, dass der Verfasser es selbst nicht wusste.

Wagt es Derleth, sich wenigstens teilweise vom übermächtigen Lovecraft zu emanzipieren, gelingt ihm eigenständig Spannendes und Unheimliches. Mit “Das vernagelte Zimmer” stellt er eine richtig gute Gruselgeschichte vor - ideenreich, effektvoll, sorgfältig getimt. Diesen August Derleth liest man gern; er weckt die Neugier auf Storys, die nicht dem Cthulhu-Mythos angehören. Diese fanden ihren Weg leider nur ausnahmsweise nach Deutschland, wo sie zudem über unzählige, längst vergessene Sammelbände verstreut und in der Regel nicht annähernd so nah am Original und so lesenswert übersetzt wurden wie die die Geschichten in “Die dunkle Brüderschaft”.

Autor

August William Derleth wurde am 24. Februar 1909 in Sauk City (US-Staat Wisconsin) geboren. Schon als Schüler begann er Genre-Geschichten zu verfassen; ein erster Verkauf gelang bereits 1925. Die zeitgenössischen “Pulp”-Magazine zahlten zwar schlecht, aber sie waren regelmäßige Abnehmer. 1926 nahm Derleth ein Studium der Englischen Literatur an der “University of Wisconsin” auf. Nach dem Abschluss (1930) arbeitete in den nächsten Jahren u. a. im Schuldienst und als Lektor. 1941 wurde er Herausgeber einer Zeitung in Madison, Wisconsin. Diese Stelle hatte Derleth 19 Jahre inne, bevor er 1960 als Herausgeber ein poetisch ausgerichtetes (und wenig einträgliches) Journal übernahm.

Obwohl August Derleth ein ungemein fleißiger Autor war, basiert sein eigentlicher Nachruhm auf der Gründung von “Arkham House” (1939), des ersten US-Verlags, der speziell phantastische Literatur in Buchform veröffentlichte. Der junge Derleth war in den 1930er Jahren ein enger Freund des Schriftstellers H. P. Lovecraft (1890-1937). Dass dieser heute als Großmeister des Genres gilt, verdankt er auch bzw. vor allem Derleth, der (zusammen mit Donald Wandrei, 1908-1987) das Werk des zu seinen Lebzeiten fast unbekannten Lovecraft sammelte und druckte.

Lovecraft hinterließ eine Reihe unvollständiger Manuskripte und Fragmente. Derleth nahm sich ihrer an, komplettierte sie in “postumer Zusammenarbeit” und baute den “Cthulhu”-Kosmos der “alten Götter” eigenständig aus. Die Literaturkritik steht diesem Kollaborationen heute skeptisch gegenüber. Als Autor konnte Derleth seinem Vorbild Lovecraft ohnehin nie das Wasser reichen. Er schrieb für Geld und erlegte sich ein gewaltiges Arbeitspensum auf, unter dem die Qualität zwangsläufig litt.

Solo war Derleth mit einer langen Serie mehr oder weniger geistvoller Kriminalgeschichten um den Privatdetektiv Solar Pons erfolgreich, der deutlich als Sherlock-Holmes-Parodie angelegt war. Insgesamt veröffentlichte Derleth etwa 100 Romane und Sachbücher sowie unzählige Kurzgeschichten, Essays, Kolumnen u. a. Texte; hinzu kommen über 3000 Gedichte.

Nach längerer Krankheit erlag August Derleth am 4. Juli 1971 im Alter von 62 Jahren einem Herzanfall. Zum zweiten Mal verheiratet, lebte er inzwischen wieder in Sauk City, wo er auf dem St. Aloysius-Friedhof bestattet wurde.

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Maler Schalken und andere Geistergeschichten

Erstellt von Michael Drewniok am 16. Dezember 2009

le-fanu-maler-schalken-cover-1983Joseph Sheridan Le Fanu
Maler Schalken und andere Geistergeschichten

Originalzusammenstellung
Übersetzung: Friedrich Polakovics
Deutsche Erstausgabe (Als “Ein Bild des Malers Schalken”): 1973 (Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
195 S.
ISBN-13: 978-3-458-05820-5
Diese TB-Ausgabe: 1983 (Suhrkamp Verlag Nr. 923 = Phantastische Bibliothek Bd. 102)
225 S.
ISBN-13: 978-3-518-37423-8
(sfbentry)

Das geschieht:

Sechs Storys führen zurück in die “Frühzeit” der modernen Geistergeschichte, die zwar stilistisch altmodisch wirken aber inhaltlich erstaunlich zeitlos, d. h. spannend und schauerlich geblieben sind. Das Grauen trifft Schuldige wie Unschuldige und ist erschreckend unberechenbar, was der Verfasser mit manchmal dokumentarisch anmutender Präzision darzustellen weiß.

- Ein Bild des Maler Schalken (Schalken the Painter, 1839), S. 7-36: Der alte Künstler erinnert sich an die unglückliche Liebe seines Lebens, die einst vor seinen Augen mit einem reichen aber seltsam leblos wirkenden Mann verheiratet wurde …

- Die Gespensterhand (Ghost Stories of the Tiled House/An Authentic Narrative of the Ghost of a Hand, 1861), S. 37-55: Niemand weiß, wem sie gehört, doch sie verschafft sich Einlass in das ehrenwerte Tiled House und terrorisiert des Nachts seine bestürzten Bewohner …

- Der Häscher (The Watcher, 1851), S. 56-109: Der Kapitän a. D. gilt als ehrenwerter Bürger und “gute Partie”, doch es gibt in seiner Vergangenheit eine dunkle Stelle, die sich nun in Gestalt eines unerbittlichen Verfolgers manifestiert …

- Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street (An Account of Some Strange Disturbances in Aungier Street, 1853), S. 110-142: Zwei Studenten können sich ihres kostengünstigen Mietshauses nur kurz erfreuen, denn dort geht es in der Nacht mächtig um …

- Grüner Thee (Green Tea, 1869), S. 143-198: Zuviel des anregenden Getränks hat der gelehrte Kirchenmann offenbar genossen, denn ihm erschien ein Dämon in Affengestalt, der ihn zunehmend gewaltreicher piesackt …

- Der Traum des Trunkenbolds (The Drunkard’s Dream, 1838), S. 199-217: Ihm wurde eine Chance zur Besserung gewährt, doch als der Säufer abermals schwach wird, trifft gnadenlos ein, was ihm angekündigt wurde …

- Nachwort von Rein A. Zondergeld: Der unsichtbare Prinz, S. 218-223

- Originaltitel und Quellenvermerke, S. 225

“Wie lange willst du nicht von mir weichen?”

Was ist der Tod, und kommt etwas danach? Haben die Taten, die man im Leben beging, Auswirkungen auf diese mögliche Existenz in einem jenseitigen Reich? Seit der Mensch über sich reflektiert, stehen diese und ähnliche Fragen weit oben auf der Liste existenzieller Rätsel, um deren Lüftung er sich bemüht. Die Lösung ersehnt er allerdings ebenso wie er sie fürchtet, denn die Antwort könnte womöglich nicht wie erwünscht ausfallen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die genannten Fragen zwar nicht zum ersten Mal gestellt, doch sie erklangen nun lauter - und mutiger, was in einem Klima des geistigen und naturwissenschaftlichen Aufbruchs endlich möglich wurde, nachdem vor allem die weltlich-repressive Macht der Kirche gebrochen war und sich auch ihre Vertreter - notgedrungen - den Herausforderungen der neuen Zeit stellen mussten.

Joseph Sheridan Le Fanu (1814-1873) steht gewissermaßen mit je einem Bein in der Vergangenheit und Gegenwart. Als Kind wurden ihm die Märchen und Legenden der an Geistern traditionell reichen irischen Insel mit einem deutlichen Unterton ehrlicher Überzeugung erzählt: Das “kleine Volk” der Elfen und rächende Geister waren für den jungen Joseph durchaus noch ‘real’. In der Einleitung zu “Die Gespensterhand” beschreibt er, was auch er wohl fürchtete und genoss: “So machte denn die alte Sally, deren Glaube in diesen Dingen fast schon so etwas wie Religion war, sich daran, in gemächlichem Erzähl-Trott … das ihr wohlvertraute Gelände zu durchstreifen - langsamer werdend, sobald man zu einer besonders grausigen Stelle kam, ja gänzlich zum Stillstand kommend … und unter geheimnisvollem Nicken auf die junge Herrin in ihrem Himmelbett blickend, oder aber die Stimme zu einem gehauchten Raunen senkend, sobald der Höhepunkt solcher Geschichte herannahte.” (S. 38/39)

Die dünne Haut zwischen Wirklichkeit und Wahn

Als gelehrter Mann relativierte Le Fanu später seine kindlichen Ängste und Fantasien, doch er vergaß sie niemals. In seinen Werken thematisierte er sie immer wieder aufs Neue und siedelte sie in einem diffusen Reich an, das an drei Eckpfeilern verankert war, die “Realität”, “Zweifel” und “Wahn” hießen.

‘Real’ könnten die Ereignisse sein, über die Le Fanu seinen “Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street” vorlegt. Überaus dokumentarisch wirkt diese ‘Schilderung’, die sich an weit verbreiteten ‘wahren Geschichten’ über viktorianische Spukhäuser orientiert. “Grüner Thee” ist angeblich die Zusammenfassung eines ärztlichen Protokolls. “In aller Korrektheit” hält ein katholischer Pfarrer den “Traum des Trunkenbolds” fest.

Bericht, Protokoll, Aufzeichnung: Diese Bezeichnungen suggerieren dem Leser eine Glaubhaftigkeit, die es dem Schriftsteller ermöglicht, sein Publikum erst recht in Unsicherheit zu wiegen. Kann oder muss man ihm womöglich trauen? Andererseits lässt Le Fanu immer wieder durchblicken, dass “Magie nur die Wissenschaft ist, die wir noch nicht verstehen”, um einen aus viel späterer Zeit stammenden aber auch hier treffenden Ausspruch zu zitieren. Geschickt vermeidet er sich festzulegen. Wird Reverend Jennings wirklich von einem Dämon verfolgt, den nur er sehen kann, oder spielt sich dies in seinem kranken Hirn ab?

Niemand darf sich sicher fühlen

Le Fanu ist als Erzähler ein Profi. Er wusste sehr gut, was seine Zeitgenossen lesen wollten, und wenn er auch um seine Phobien kreiste, lieferte es ihnen. Seine Romane würde man heute “Bestseller” nennen, und als solche waren sie konzipiert. Das gilt auch für Le Fanus Erzählungen. “Ein Bild des Maler Schalken” ist Unterhaltung pur - eine Gespenstergeschichte, deren teuflisch untote Hauptfigur als verkörperter Horror ohr angenehm schauriges Unwesen treibt. Freilich gibt es auch hier eine bittere Pille zu schlucken: Das Böse trifft eine völlig unschuldige junge Frau. Ihr grausiges Ende ist keine ‘Strafe’ für gesellschaftliches oder moralisches Fehlverhalten. Sie war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Ähnlich ergeht es dem Kleriker in “Grüner Thee”. Er trifft seine spukhafte Nemesis, weil er durch einen Zufall - den übermäßigen Genuss besagten Tees - ein Loch in die Membran der Wirklichkeit gestoßen und auf der ‘anderen Seite’ eine feindselige Kreatur dies bemerkt und genutzt hat. (Le Fanu blieb von seiner Geschichte übrigens unbeeindruckt und genoss beim Schreiben weiterhin - und von Nachtmahren ungestört - seinen geliebten starken Tee.)

“Die Gespensterhand” gehört einem Geist, dessen Identität niemals geklärt wird. Die unter ihm leiden, sind für sein Erscheinen nicht verantwortlich. Sehr zielgerichtet verschafft die Hand sich eigenmächtig Einlass. Die beiden Studenten sehen sich im verwünschten Haus in der Aungier Street ebenso ratlos den Attacken eines Geistes ausgesetzt, der - hier verstößt Le Fanu abermals gegen das Klischee - nicht für die bösen Taten seines Lebens büßen muss, sondern diese im Tod unvermindert fortsetzt. Nicht einmal der Trunkenbold erhält, was er verdient. Für einen einmaligen Rückfall scheint sein bizarres Ende reichlich übertrieben; sogar der fromme Priester ist dieser Meinung. Möglicherweise steckt eine Macht hinter dem stark allegorischen ‘Traum’, deren eigentliches Motiv durch den Menschen nicht geklärt werden kann. Klar ist nur, dass die beschriebenen Spukerscheinungen in einer zwar vergessenen aber weiterhin relevanten Vergangenheit ausgelöst wurden. Fallen die Dominosteine erst einmal, können sie auch die nichtsahnenden Nachfahren unter sich begraben.

Nur der Kapitän in “Der Häscher” wird das Opfer einer Rache aus dem Jenseits. Aber auch diese Geschichte besitzt eine zweite Verständnisebene, die den allmählichen Verständnisprozess des Seemanns verdeutlicht. Nie gesteht er seine Untat, die Le Fanu immer nur andeutet, deren Realität er jedoch immer deutlicher durchscheinen lässt. Als er ganz zum Schluss für Aufklärung sorgt, ist das höchstens eine Hilfe für allzu begriffsstutzige Leser.

Klassische Geschichten - künstlich eingestaubt

“Maler Schalken” ist eine Auswahl Le Fanuscher Geistergeschichten. Sie entstanden zwischen 1838  und 1869 und gehören damit vor allem stilistisch in eine längst vergangene Epoche. Dass sie hier auch inhaltlich ungemein altertümlich wirken, obwohl ihre Themen denkbar zeitlos sind, ‘verdanken’ sie einer überaus kunstvollen aber eher kontraproduktiven Übersetzung, die den Sprachduktus der Entstehungszeit nicht nur aufzugreifen versucht, sondern ihn zusätzlich verstärkt.

Soll heißen: Auch 1973 - in diesem Jahr erschien die “Maler Schalken”-Sammlung erstmalig in deutscher Sprache - mussten Sätze nicht mehr so klingen: “Nun bin ich zwar ein gewissenhafter, wenngleich - ich weiß es wohl! - durchaus kein eleganter Uebersetzer. Indeß, obschon ich da und dort einzelne Passagen weggelassen, andere gekürzt, sowie sämmtliche Namen nach Gebühr verändert habe, ist von mir doch nichts Wesensfremdes hinzugethan worden.” (S. 145) Dieses Zitat ist auch als Urteil für die Arbeit des deutschen Übersetzers wunderbar tauglich …

Der historisch interessierte Linguist wird die wundersam und oft wunderschön geschraubten Sätze lieben, doch dürften Sprachwissenschaftler nicht das eigentliche Publikum dieser Geschichten sein. Le Fanu konnte sein Publikum gut einschätzen: “Diese meine Geschichte ist kaum erzählens-, geschweige denn aufschreibenswert. Indes, wann immer ich sie vor einem Kreis verständnisvoller und gespannter Zuhörer zum besten gegeben, etwa an einem Winternachmittag nach dem Essen und im Flackerschein eines prasselnden Kaminfeuers, … ist sie - warum sollt’ ich es verschweigen? - recht gut aufgenommen worden” (”Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street”, S. 110) Wen wundert’s? Im 21. Jahrhundert mögen Kaminfeuer selten geworden sein, doch Ort, Zeit und Stimmung für eine gute Gruselstory wird der moderne Leser problemlos erkennen und Le Fanus weniger alten als zeitlosen Geschichten zu schätzen wissen!

Autor

Joseph Thomas Sheridan Le Fanu wurde am 18. August 1814 in der irischen Stadt Dublin geboren. Ab 1833 studierte er Jura am Trinity College zu Dublin; er graduierte 1837. Im folgenden Jahr erschien im “Dublin University Magazin” Le Fanus erste Kurzgeschichte. 1845 veröffentlichte der Autor mit “The Cock and Anchor” einen ersten (Historien-) Roman, der deutlich unter dem Einfluss des Schriftstellers Walter Scott (1771-1832) entstand, den Le Fanu sehr verehrte.

Als Jurist ist Le Fanu nie tätig geworden. Stattdessen wurde er Journalist. Ab 1837 war er Eigentümer oder Miteigentümer mehrerer Zeitschriften. Die damit verbundenen Pflichten schränkten seine schriftstellerische Tätigkeit stark ein. Erst nachdem er 1861 Besitzer und Eigentümer des “Dublin University Magazine” geworden war, schrieb Le Fanu wieder selbst.

1843 oder 1844 - der genaue Zeitpunkt ist unklar - heiratete Le Fanu Susanna Bennett. Als sie 1858 starb, fiel Witwer Joseph in eine tiefe Depression, die er nie überwand. Er zog sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück und vergrub sich in seinem Haus am Merrion Square. In Dublin nannte man ihn den “unsichtbaren Prinzen”. Seine Produktivität wurde von diesem Lebensstil nicht beeinflusst. In den Jahren nach 1858 veröffentlichte Le Fanu ein bis zwei Romane pro Jahr sowie diverse Kurzgeschichten und Novellen. Er schrieb Historienromane, Krimis und immer wieder Geistergeschichten.

Der “unsichtbare Prinz” starb am 7. Februar 1873 in seiner Heimatstadt Dublin. Er wurde auf dem Friedhof von Mount Jerome bestattet. Sein Werk fiel zunächst der Vergessenheit anheim, doch seine schriftstellerischen Qualitäten blieben auch den Nachgeborenen nicht verborgen. 1872 hatte Le Fanu mit “Carmilla” nicht nur eine der ersten Geschichten um einen Vampir verfasst. Carmilla alias Mircalla Karnstein war zudem lesbisch, was Le Fanu zwar zeitgenössisch zurückhaltend aber doch eindeutig thematisierte. Knapp ein Vierteljahrhundert später veröffentlichte Bram Stoker (1847-1912), der Le Fanu sehr schätzte, “Dracula”. Der Vampir wechselte das Geschlecht, doch seine ‘verbotene’ erotische Ausstrahlung übernahm und steigerte Stoker.

1923 läutete ein weiterer Verehrer die Renaissance des Le Fanuschen Werkes ein: Montague Rhodes James, seines Zeichens Historiker, Literaturwissenschaftler und selbst einer der größten Verfasser von Geistergeschichten, ließ Le Fanus verstörende Spukgeschöpfe in der Sammlung “Madame Crowl’s Ghost and Other Tales of Mystery” wieder aufleben. Heute genießt Le Fanu den literarischen Ruhm, der ihm zusteht.

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Das Haus an der Grenze

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Dezember 2009

hodgson-haus-grenze-cover-festaWilliam Hope Hodgson
Das Haus an der Grenze

Originaltitel: The House on the Borderland (London : Chapman & Hall 1908)
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1973 (Insel-Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
Übersetzung: Traude Dienel
254 S.
ISBN 978-3-458-05818-2
Als Taschenbuch: 1985 (Suhrkamp Verlag Nr. 1089/Phantastische Bibliothek Bd. 140)
287 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-37589-1
Diese Neuausgabe: April 2004 (Festa-Verlag/Die bizarre Bibliothek Nr. 1306)
Übersetzer: Michael Siefener
174 S.
ISBN-13: 978-3-935822-42-8
www.festa-verlag.de
(sfbentry)

Das geschieht:

In einer abgelegenen Gegend Westirlands steht ein verrufenes Haus, das der Teufel selbst errichtet haben soll. Für diese Theorie der Einheimischen gibt es Gründe, denn der Eigentümer, ein verschrobener Einzelgänger, sieht sich von bösartigen, gänzlich unirdischen Schweinewesen belagert. Als er diese knapp zurückgeschlagen hat, verwandelt sich das Haus selbst in ein Portal, durch das sein Bewohner auf eine fantastische Reise durch Zeit und Raum gerissen wird.

Er erlebt eine sich über Jahrmillionen erstreckende Vision vom allmählichen Ende der Erde und des Sonnensystems, bereist als Geistwesen fremde Dimensionen, trifft seine verstorbene Geliebte wieder und entdeckt dabei immer neue Hinweise darauf, dass am Anfang und Ende allen Seins offenbar das verfluchte Haus steht. Nach seiner Rückkehr in die Gegenwart bieten die rätselhaften Mächte der Finsternis einen weiteren furchtbaren Gegner gegen ihn auf, dem er sich zum aussichtslosen Kampf stellen muss …

Keine einfache Gruselgeschichte

Nur wenige Romane, Novellen und vor allem Kurzgeschichten hat William Hope Hodgson während seiner allzu kurzen Schriftstellerkarriere verfasst. Sie gehören zu den großen Werken der angelsächsischen Phantastik. “Das Haus an der Grenze” ist eine außergewöhnliche Mischung aus Horror, Abenteuer, Fantasy und Science Fiction, wobei die meisten Genres zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht einmal so bezeichnet wurden.

Man ist erstaunt, wie viele Elemente der Handlung in späteren Romanen und Erzählungen wiederkehren. Ähnlich wie der ungleich bekanntere H. G. Wells gehört auch Hodgson zu den vielen Vätern der SF. Er hat die astronomische Fachliteratur seiner Zeit offensichtlich genau studiert. Die Reise durch das gegenwärtige und zukünftige Sonnensystem weist aus wissenschaftlicher Sicht freilich gewisse Alterserscheinungen auf, um es vorsichtig auszudrücken, aber das wird mehr als wettgemacht durch die Wortgewalt, mit der sie der Verfasser in Szene setzt.

Seine ‘Außerirdischen’ lässt Hodgson im Ambiente der viktorianischen Gruselliteratur auftreten. Zwanzig Jahre später hätte er sie möglicherweise schon viel vertrauter im Stil der “Pulp”-Magazine gestaltet, denn er war ein Schriftsteller, dem der Publikumserfolg am Herzen (und an der Geldbörse) lag.

Keine simple, weil komplexe, intensive und buchstäblich mitreißende Lektüre bietet “Das Haus an der Grenze” auch heute noch. Mit dokumentarischer Präzision und poetischer Eindringlichkeit gleichzeitig entführt Hodgson in Raum und Zeit. Er zeigt sich dabei als Visionär, dessen Bilder kraftvoll und einprägsam sind. Dabei verlangt er viel Aufmerksamkeit vom Leser. Als die Welt in fernster Zukunft buchstäblich untergeht, sich alle bekannten Strukturen auflösen und verändern, gilt es Wort für Wort zu studieren.

hodgson-haus-coverReizvoll unfertige Albtraum-Vision

Seine besondere Anziehungskraft zieht “Das Haus an der Grenze” aus seiner eigentümlichen Struktur. Die Geschichte des stets namenlos bleibenden Einsiedlers wird uns als Tagebuchaufzeichnung verkauft, die zwei Reisende viele Jahre nach dem Geschehen in den Ruinen des Teufelshauses finden und später an W. H. Hodgson weitergeben, der sie herausgibt (und dabei mit einigen Kommentaren versieht). Sie bleibt Fragment; die Witterung hat Teile der Chronik zerstört. Vor allem aber berichtet der Erzähler nur. Er interpretiert selten, weil er selbst die Zusammenhänge niemals begreift. Wieso gibt es auf einem fremden Planeten ein exaktes Duplikat des Hauses? Wer hat es aus welchen Gründen gebaut? Woher kommen die Schweinewesen wirklich? Frage reiht sich an Frage, aber meist bleibt die Antwort aus.

Erstaunlicherweise stört das ebenso wenig wie die fast völlige Abwesenheit von Action. ‘Logische’ Erklärungen sind der Tod mancher phantastischen Erzählung. Lässt man dem Leser den Raum für eigene Lösungsversuche, bezieht man ihn ein und steigert die Faszination, zumal man sich nie gänzlich sicher sein kann, ob man richtig liegt. Auf der anderen Seite kann und soll nicht geleugnet werden, dass “Das Haus an der Grenze” und die längeren Arbeiten Hodgsons generell sämtlich recht episodisch wirken; der Mann wollte oder konnte offensichtlich keine roten Fäden legen. Die Entscheidung obliegt letztlich wieder dem Leser.

W. H. Hodgson wird in seiner englischen Heimat als großer Erzähler in Ehren gehalten. Seine Werke wurden inzwischen fast vollständig ins Netz gestellt und lassen sich auf diese Weise leicht im Originalton lesen. “Das Haus an der Grenze” ist z. B. hier finden. Die Lektüre verrät die Herausforderung, vor welche der deutsche Übersetzer gestellt wurde. Er hat seine Arbeit gut gemacht und balanciert behutsam zwischen dem eigentümlich altmodischen Tonfall, den Hodgson seinem ältlichen, im Stil des späten 18. Jahrhunderts schreibenden Protagonisten unterlegt, und dem Duktus der Gegenwart, der vor allem den jüngeren Lesern dieses nicht einfache aber fesselnde Werk näher bringen kann.

Autor

William Hope Hodgson wurde am 15. November 1877 in Blackmore End, Essex, England, als eines von zwölf Kindern geboren. Sein Elternhaus verließ er früh, um zur Handelsmarine zu gehen. Zwischen 1891 und 1904 fuhr er zur See, konnte sich aber nie an die Brutalitäten und Ungerechtigkeiten an Bord, den Schmutz oder die Gefahren gewöhnen. So musterte er ab und eröffnete in Blackburn nahe Liverpool ein Studio für Bodybuilder. Das Geschäft lief schlecht, aber Hodgson schrieb viele Artikel über seine Arbeit und begann über eine Karriere als Schriftsteller nachzudenken. Seine Jahre auf den Weltmeeren lieferten ihm genug Stoff für phantastische Seespukgeschichten. Mit “A Tropical Horror” debütierte Hodgson 1905 in “The Grand Magazine”.

1907 folgte der Episoden-Roman “The Boats of the ,Glen Carrig’” (dt. in “Stimme in der Nacht”, Suhrkamp Taschenbuch Nr. 749/64, neu aufgelegt als Nr. 2709/340), ein erstes längeres Werk. 1908 erschien “The House on the Borderland”, mit dem Hodgson bewies, dass er auch auf dem trockenen Land Angst & Schrecken zu verbreiten wusste. “Carnacki the Ghost Finder” betrat die literarische Bühne 1910. Zwei Jahre später erschien Hodgsons episches Hauptwerk: “The Night Land”, eine Geschichte aus fernster Zukunft, die viele brillante Stimmungsbilder aus “The House on the Borderland” aufgreift und vertieft (sowie leider auch breittritt).

Hodgson heiratete 1913 und zog mit seiner Gattin nach Südfrankreich. Er schrieb nur noch wenig. Bei Kriegsausbruch 1914 ging er nach England zurück und wurde als Offizier der Royal Field Artillery zugeteilt. Eine schwere Kopfverletzung auf dem Schlachtfeld überlebte er knapp und kehrte an die Front zurück. Hier traf ihn am 17. April 1918 ein deutsches Artilleriegeschoss. Er war sofort tot.

Der recht kritische H. P. Lovecraft (1890-1937) rühmte Hodgsons Idee des “kosmischen Schreckens” und ließ sich für die eigene Cthulhu-Saga inspirieren. Wäre Hodgson ein längeres Leben vergönnt gewesen, hätte er vielleicht wie Lovecraft Bezüge zwischen seinen literarischen Welten hergestellt und einen Kosmos mit eigenen Regeln geschaffen. Ansätze dazu finden wir z. B. in den mysteriösen Schweinewesen, die auch dem “Geisterfinder” Carnacki, den Hodgson in einer ganzen Serie von Kurzgeschichten auftreten ließ, zu schaffen machen.

[md]

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