Buchrezicenter.de

neuauflage

  • Rezi-Tipp

  • Verlage

  • Archiv




Sternengötter

Erstellt von Werner Karl am 9. März 2010

sternengotterAlan Dean Foster
Sternengötter

Originaltitel: Running from the Deity (2005)
Ins Deutsche übertragen von Kerstin Fricke
Bergisch Gladbach: Bastei Verlag 2009
Bastei Lübbe Taschenbuch 24387
Science Fiction
Umfang: 333 Seiten
ISBN 9783404243877

www.bastei-luebbe.de

Flinx und sein Minidrache Pip sind weiterhin auf der Suche nach der gewaltigen Waffenplattform der ausgestorbenen Rasse der Tar-Aiym, als die “Teacher”, Flinx Raumschiff, meldet, dass es dringend eine Auszeit zu einer Selbstreparatur benötigt. Da dazu Rohstoffe notwendig sind, landet die “Teacher” auf dem Planeten Arrawd, einer Welt, auf der zwar intelligentes Leben existiert, die hier vorherrschende Rasse jedoch noch in einer Art Mittelalter lebt und keine Ahnung von anderem außerirdischen intelligenten Leben hat. Kontaktversuche mit den Einheimischen sind eigentlich verboten, doch Flinx denkt sich nicht viel dabei, als er, nachdem er sich den Knöchel verstaucht hat, die Gastfreundschaft eines netten einheimischen Pärchens annimmt, die sich auch bald mit dem fremden Alien abfinden können.

Als Flinx jedoch sein technisches Wissen und vor allem sein (vermittels mitgebrachter Geräte generiertes) erstaunliches medizinisches Können zur Verfügung stellt, beschließen Ebbanai und vor allem seine geschäftstüchtige Frau Storra, dies für ihre Zwecke zu nutzen. Bald erscheinen Dutzende von Kranken, die geheilt werden wollen. Flinx kommt in seiner Naivität diesem Wunsch nach, hilft wo er helfen kann, ohne zu berücksichtigen, dass seine Macht zum Selbstläufer wird und man ihn anschließend nicht mehr von Arrawd weglassen will. Statt dessen bricht seinetwegen sogar ein planetarer Krieg aus, und als ein Attentäter ihm sogar nach den Leben trachtet, muss der inzwischen völlig hilflose Flinx erkennen, dass die Vorgaben des Commonwealth, wonach man solch primitive Zivilisationen nicht kontaktieren dürfe, absolut berechtigt sind.

Fosters Plot ist nicht neu, jedoch gut erzählt und spannend. Ähnlich wie Dr. Alan Bulmer in F. Paul Wilsons Roman Die Gabe ergeht es auch Flinx, denn anstatt Dankbarkeit erfährt er Wut und Hass von allen, die er nicht mehr heilen kann, sollte er abreisen wollen (wobei Wilson zugestanden werden muss, hier sein Sujet deutlich drastischer und vor allem überzeugender zu entwickeln).

Die fremde Zivilisation auf Arrawd wird einigermaßen plastisch, es fällt jedoch auf, dass Sternengötter, wie viele von Fosters neueren Werken, nicht mehr ganz die Qualität seiner früheren Geschichten aus dem Homanx-Commonwealth erreicht. Der Klappentext behauptet zwar vermittels einer zitierten Pressestimme, dies sei der beste Pip-und-Flinx-Roman Fosters bisher, wer die anderen Geschichten um den jungen rothaarigen Mann und seinen Minidrachen kennt, dem ist aber klar, dass dies sicherlich nicht den Tatsachen entspricht. Sternengötter ist gute und abenteuerliche Unterhaltung mit glaubhaften Protagonisten und einer akzeptablen exotischen Atmosphäre, nicht mehr und nicht weniger. Lesenswert ja, aber keinesfalls sehr gut oder gar überragend.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald

Titel bei Buch24.de:
Sternengötter

Abgelegt unter Science Fiction | Keine Kommentare »

Wilson Cole: Die Piraten

Erstellt von Werner Karl am 6. März 2010

wilson-cole-die-piratenMike Resnick
Wilson Cole: Die Piraten

Originaltitel: Starship: Pirate (2006)
Aus dem Amerikanischen von Thomas Schichtel
Bergisch Gladbach: Bastei Verlag 2009
Bastei Lübbe Taschenbuch 23329
Science Fiction
Umfang 383 Seiten
ISBN 9783404233298

www.bastei-luebbe.de

Der vorliegende Roman ist der zweite Band des Zyklus´ um Wilson Cole und das Raumschiff “Teddy R(oosevelt)”. Nachdem man Wilson Cole, obwohl er viele intelligente Lebewesen vor dem Tod bewahrt hat, als Befehlsverweigerer hatte anklagen und verurteilen wollen, er jedoch von seiner treuen Besatzung befreit worden und mit dieser in seinem früheren Kriegsschiff geflohen war, sind alle zu Gejagten und Rechtlosen geworden. Um den Unterhalt der Crew und des Schiffs zu finanzieren, entschließt sich Cole, mit seiner Besatzung zu Piraten zu werden. Da ihn jedoch sein Gewissen drückt und er kein wirklicher Verbrecher ist, entscheidet er sich dafür, nur andere Piraten zu überfallen, und diesen deren zu Unrecht erworbene Beute abzujagen.

Der erste Bösewicht ist schnell angelockt und ausgenommen, wobei dieser und seine Besatzung auf der Strecke bleiben. Cole merkt jedoch schnell, dass seine Probleme damit keinesfalls gelöst sind, sondern erst richtig beginnen. Denn wer nimmt die gestohlene Ware? Welcher Hehler zahlt einen fairen Preis? Und vor allem: Wem kann man trauen? Cole begreift schnell, dass er mit seiner neuen Tätigkeit in ein Rattennest sticht, und so verfällt er auf die glorreiche Idee, eine erfahrene Piratin anzuheuern, die ihm die Grundregeln der neuen Tätigkeit vermitteln soll. Diese ist jedoch Mittelpunkt einer blutigen Auseinandersetzung zweier anderer Raumbeuter, die in erbitterter Feindschaft gegeneinander kämpfen. Ehe Cole und seine Besatzung sich versehen, sind sie mitten in einem gewalttätigen Konflikt und ihr eigenes Leben steht auf dem Spiel…

Der zweite Band der Serie um Wilson Cole ist weniger unterhaltsam als der Auftakt der Serie. Zwar gelingt es dem Autor dank seines hervorragenden Stils, die Geschichte souverän und spannend zu erzählen, das große Lesevergnügen entwickelt sich hier anhand der recht überschaubaren, überraschungsfreien und klischeehaften Erzählung leider nicht. Die humorvollen Dialoge und glaubhaften Charaktere sind weiterhin interessant und man kann sich als Leser dem nicht ganz entziehen, es täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Inhalt des Romans vorwiegend aus heißer Luft besteht. Diese ist zwar nett aufbereitet, sättigt den Lesehungrigen aber nicht wirklich. Kein schlechtes Buch, aber leider auch kein gutes. Es bleibt zu hoffen, dass Mike Resnick noch einige Ideen hat für die Folgebände, denn sonst wird es arg langweilig und trivial.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald
 
Titel bei Buch24.de:
Wilson Cole: Die Piraten

Abgelegt unter Science Fiction | Keine Kommentare »

Die Flotte der Puppenspieler

Erstellt von Werner Karl am 28. Februar 2010

die-flotte-der-puppenspielerLarry Niven und Edward M. Lerner
Die Flotte der Puppenspieler
Ringwelt-Roman

(sfbentry)
Bastei Lübbe (2008)
ISBN 9783404243730
Originaltitel: „Fleet of Worlds” (2007)
Umfang: 428 Seiten
Taschenbuch, Science Fiction
Übersetzer: Ulf Ritgen
Titelbild: Les Edwards

www.luebbe.de

Vorwort

Wenn man Science Fiction nicht nur ab und zu, sondern regelmäßig liest, kennt man zumindest die ersten beiden Romane aus dem Ringwelt-Universum: „Ringwelt“ und „Die Ringwelt-Ingenieure“. Beide zählen zum Besten, was das Genre zu bieten hat und sind auch im Schaffen Larry Nivens absolute Highlights. Das – Jahre danach – etliche Fortsetzungen und Prequels diesen Erfolgen nachgeschoben wurden, ist buisiness-as-usual.

Zum Buch

„Die Flotte der Puppenspieler“ handelt weit vor den Ereignissen der beiden o.g. Romane und hat – naturgemäß - noch nichts direkt mit dem Artefakt Ringwelt zu tun.

Man schreibt das Jahr 2650 und die Menschheit besiedelt einen winzigen Teil der Milchstraße. Sie hat Kontakt zu einigen außerirdischen Völkern, darunter den weit fortgeschrittenen Puppenspielern, die von Menschen ihren Namen aufgrund ihres Körpers verliehen bekamen. Die Puppenspieler sind Herdenwesen mit zwei unabhängigen Köpfen auf langen Hälsen, einem kugeligen Korpus und drei gleichmäßig verteilten Beinen mit Hufen. Arme oder Hände haben sie nicht. Manuelle Tätigkeiten führen sie mit Hilfe ihrer Münder und Zungen aus. Und Puppenspieler sind Sicherheitsfanatiker und pflegen einen ihrer Urinstinkte – den Fluchttrieb – bis zu extremen Auswirkungen.

Innerhalb weniger Jahre verschwinden plötzlich die Puppenspieler von allen Welten der Menschen  spurlos. Damit hat die Menschheit auch keinen Zugang mehr zur fantastischen Raumschiffstechnologie der Puppenspieler. Suchkommandos der Vereinten Nationen nehmen die Suche nach dem unbekannten Heimatplaneten der Puppenspieler erneut auf. Schon immer hatten die Puppenspieler ein Geheimnis aus der Position ihrer Heimatwelt gemacht.

Was die Menschheit nicht ahnt, wird dem Leser offenbart: Das galaktische Zentrum der Milchstraße ist explodiert. Warum oder auf welche Weise erfährt man nicht. Man kann vermuten, dass aufgrund einer Supernova die sehr dicht stehenden Sterne in einer Kettenreaktion vernichtet wurden. Ob die Explosionswelle noch anhält oder sich in weniger dicht stehenden Bereichen des Alls leer gelaufen hat, wird ebenfalls nicht verraten. Doch was der Leser erfährt, ist dies: Die dabei erzeugte Strahlungswelle ist absolut tödlich und jegliches Leben in der Galaxie ist von der vollständigen Auslöschung bedroht. Und dies ist der Grund für das Verschwinden der Puppenspieler.

Mit ihrer Hochtechnologie bildeten die Puppenspieler ihre Heimatplaneten zu einer Weltenflotte um und fliehen aus der Galaxis. Dass sie dafür Jahrhunderte benötigen ist für sie nur zweitrangig. Wichtig ist nur, dass sie sich schneller bewegen als die Strahlungswelle aus dem Zentrum. Und mindestens genauso wichtig ist, dass kein anderes Volk von der Katastrophe und der Flucht der Weltenflotte informiert wird. Zu sehr fürchten die Puppenspieler um ihre Ressourcen und rechnen mit in Panik angreifenden anderen raumfahrenden Völkern. Allen voran fürchten sie sich vor den Menschen. Besonders aus dem Grund, das, wenn diese erfahren, dass die Puppenspieler seit über 450 Jahren die Nachkommen irdischer Expeditionen als Diener und Sklaven auf ihren Naturschutzwelten halten…

Fazit

Dieses Prequel kann leider nicht an die Qualität der beiden „Urromane“ anknüpfen. Ob dies nun an Larry Niven selbst oder seinem Co-Autor Edward M. Lerner liegt, wage ich nicht zu beurteilen. Trotzdem ist es faszinierend, die Weitsicht der Puppenspieler zu erleben, mit aller schrecklichen Konsequenz, mit der sie andere Völker, insbesondere die Menschen, manipulieren. Selbst von Zuchtexperimenten, Gefangenschaft, Sklaverei und Massenmord schrecken sie nicht zurück. Für Ringwelt-Fans sicher eine Facette, die zu lesen sich lohnt.

Copyright © 2010 by Werner Karl
 
Titel erhältlich bei:
Buch24.de

Abgelegt unter Science Fiction | 1 Kommentar »

Elfenhügel

Erstellt von Michael Drewniok am 3. Februar 2010

feist_elfenhugel_cover-2003Raymond Feist
Elfenhügel

Originaltitel: Faerie Tale (New York : Doubleday 1988)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Märchenhügel“): Dezember 1991 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 13356)
Übersetzung: Indira Wirths-Kosub
478 S.
ISBN-13: 978-3-404-13356-7
Weitere Ausgabe: November 2000 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bibliothek der Phantastischen Literatur Nr. 28325)
Übersetzung: Indira Wirths-Kosub
573 S.
ISBN-13: 978-3-404-28325-5
Derzeit letzte Ausgabe: 2003 (Bastei-Lübbe-Verlag/Fantasy-TB Nr. 20461)
Übersetzung: Ulf Ritgen
701 S.
ISBN-13: 978-3-404-20461-8
(sfbentry)

Das geschieht:

Pittsville, wir kommen! - die Familie Hastings nämlich: Vater Phil, geachteter Schriftsteller, aber außerdem Drehbuch-Autor für rabaukige Hollywood-Blockbuster; Mutter Gloria, einst Schauspielerin ebendort, aber längst Hausfrau & Mutter und glücklich am heimischen Herd, wo ihre Familie sie am liebsten sieht; Sean & Patrick, die achtjährigen Zwillinge, laut aber lieb, sowie Gabrielle, rollig erblühte Teenager-Tochter Phils aus einer ersten Ehe (gescheitert, weil die verworfene Ex ihre Karriere mehr liebte als die Familie, weshalb sie von ihrem Kind auch verstoßen wurde - recht so!).

Haben wir noch jemanden vergessen? Richtig! Bad Luck, der nicht besonders kluge, aber ulkige & tapfere Labrador-Familienhund, und Ernie, der Kater, komplettieren das Fleisch gewordene Quintett uramerikanischer Tugenden, das gerade dorthin gezogen ist, wo es noch ländlich und ehrlich zugeht. Phil ist des lockeren Hollywood-Daseins überdrüssig geworden. Nachdem er ordentlich abkassiert hat, besinnt sich auf seine schriftstellerischen Wurzeln und sucht sich ein ruhig gelegenes Haus, um dort endlich wieder ein Buch zu schreiben.

Doch es spukt tüchtig in und um Old Kessler Place, unter der alten Trollbrücke und auf dem Erlkönig-Hügel. Der alte Barney Doyle hat’s zuerst gesehen, und da er in Irland geboren (und deshalb einem guten Schluck nicht abgeneigt) ist, weiß er sofort, was vorgeht: Die Weiße Königin der Feen hat sich mit ihrem übernatürlichen Hofstaat heuer in Pittsville niedergelassen! Jeweils in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November schlägt dieser irgendwo auf der Welt sein Lager auf, um dort seinen übernatürlichen Geschäften nachzugehen. Weil dabei schon mal ein Fenster zum Diesseits offen steht, stolpert immer wieder überraschtes Menschenvolk in die Feenrunde, was ihm meist nicht gut bekommt.

Dieses Mal ist es sogar schlimmer als sonst, denn der finster gesonnene „Leuchtende Mann“ hat das auf die Nacht beschränkte Spukdasein satt. Menschen und Elfen lebten einst in wenig friedlicher Nachbarschaft auf dieser Welt, bis nach einem schrecklichen Krieg erstere letztere ins Exil (bzw. in die Märchenbücher) zwangen. Besiegelt wurde der Vertrag durch ein Pfand in Gestalt eines gewaltigen Goldschatzes, der mit dem Hofstaat reist und folglich in diesem Jahr auf dem Erlkönig-Hügel verborgen wurde. Der Leuchtende Mann lenkt listig die Aufmerksamkeit der Hastings auf diesen Hort, die ihn tatsächlich aus dem Erdreich buddeln. Dadurch gilt der Vertrag als gebrochen, was dem Leuchtenden Mann das Recht gibt, seine Herrschaft auf das Diesseits auszudehnen.

Unterstützt von seinem gruseligen Helfershelfer, dem Bösen Ding, will der böse König die Hastings aus dem Weg räumen. Ganz souveräner Fürst der Finsternis, raschelt er zunächst Unheil verkündend im Unterholz, killt dann die Katze und entführt schließlich, als trotzdem niemand recht von ihm Notiz nehmen mag, einen der Zwillinge, um ihn gegen einen Wechselbalg auszutauschen. Dass man so keineswegs mit echten Amerikanern umspringen kann, muss der Erlkönig auf die harte Tour lernen, als Zwilling Zwei und der erboste Vater im Geisterreich auftauchen, um ihn und seine Spießgesellen Mores zu lehren …

Holzhammer-Fantasy der plumpen Art

… und wenn sie nicht gestorben sind, dann wird es langsam Zeit, wie einst ein bekannter deutscher Komiker kalauerte, der inzwischen ebenso scheintot wie der Erlkönig ist. Mythen sind empfindliche Pflänzchen, die nur auf Humus, aber nicht auf Mist gedeihen. Da Raymond E. Feist den Unterschied nicht zu kennen scheint, wuchert seine „Elfenhügel“-Mär schnell zu einem entarteten Bastard aus Brachial-Fantastik, Rotkäppchen-Grusel und Seifenoper heran, der den Leser in Verdruss und Langeweile zu ersticken droht.

Dabei ist die Ausgangsidee zwar simpel aber bewährt: Man wandle auf den Spuren William Shakespeares und inszeniere dessen „Mittsommernachtstraum“ in modernen Kulissen. Feen, Elfen, Kobolde und andere Märchenwesen mit der realen Welt zu konfrontieren, funktioniert immer noch – wenn man mit einem Mindestmaß Talent und Inspiration gesegnet ist. Beides geht Feist offensichtlich ab. Sollte das wundern bei einem Mann, dessen Ruhm und Ruf sich auf ein ebenso endloses wie mittelmäßiges Tolkien-Abklatsch-Fantasy-Epos namens „Midkemia“ gründet?

Dabei sind die fantastischen Elemente dem Verfasser noch am besten gelungen. Als das Hastings-Rollkommando das Elfenreich erreicht, merkt man Feist die Erleichterung an, wieder vertrautes literarisches Terrain erreicht zu haben. Die hier spielenden Szenen sprühen zwar ebenfalls nicht vor Originalität, aber sie überzeugen wenigstens und verraten vor allem endlich, wieso Feist ein so beliebter Autor von Unterhaltungsromanen war.

Aber bis es soweit ist, muss der Leser ein weites, bitteres Ödland durchqueren. Der „Elfenhügel“ erhebt sich nicht in der völlig dem Hier & Jetzt enthobenen Fantasy-Welt Midkemias, sondern in der Welt der Gegenwart (bzw. des Jahres 1988). Damit begibt sich Feist freiwillig aufs Glatteis, denn er muss hier, wo sich seine Leser mindestens genauso gut auskennen wie er, der Realität deutlich stärker Tribut zollen als dem Wunschdenken.

Fiese Elfen gegen unsympathische Flachgeister

Die Kritik entzündet sich vor allem an der Personenzeichnung entzünden. Feist ist US-Amerikaner; ein Punkt, den es sehr wohl zu berücksichtigen gilt, weil er erklärt, was primär den lesenden Europäer irritiert. Gut lässt sich das z. B. am ‚deutschen‘ Handlungsstrang der Geschichte erläutern. Den Elfenspuk und die Einhaltung des Friedens überwacht nämlich ein uralter Geheimbund freimaurerischer Tempelritter-Illuminaten. Der ist zuletzt in ‚Süddeutschland‘ aktiv geworden, und das muss man in Anführungsstrichen schreiben, denn Feists Vision von Deutschland im Jahre 1905 ist die eines grotesk-pseudomittelalterlichen Märchenlandes, bevölkert von furchtsamen, abergläubischen Bauern, die von der in diesem Landstrich zwei Jahre nach dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright immer noch aktiven Inquisition brutal verfolgt werden, als sie damit beginnen, den Alten Göttern Menschenopfer zu bringen … Kommentar wohl überflüssig.

Während die Menschen zum Millionen über den Großen Teich reisten, blieben die Elfen lieber in Europa. Sie wussten schon, wieso sie dies taten. „Heim ist, wo das Herz ist“, heißt ein Sprichwort, aber nicht nur Al Bundy selig hat es in „…, wo der Horror ist“ abgewandelt. Feist versagt spektakulär, wo Steven Spielberg und Stephen King trotz allen Kitsches regelmäßig an unser Herz rühren: in der Beschreibung jenes seltsamen, ebenso fragilen wie unverwüstlichen, schrecklichen, wunderbaren, unersetzlichen Phänomens, das wir „Familie“ nennen.

Schlimmer? Aber immer!

Die Hastings sind keine Familie. Sie passen gut in die Reagan-Ära der 1980er Jahre, verkörpern sie doch jenes grässliche Zerrbild (mitsamt treudoofem Hund), wie es bevorzugt konservative Politiker, reaktionäre Kirchenfürsten oder psychisch derangierte Tugendbolde propagieren. Man fiebert und bangt nicht mit den Hastings, sondern wünscht ihnen schon sehr bald einige kräftige Trolle mit scharfen Schwertern auf den Hals. Unter der Schlangenhaut aus Affenliebe und Leutseligkeit treten eine oberflächliche, engstirnige Gesinnung und die unbarmherzige Diktatur des manisch Tüchtigen zu Tage. Wenn das Elfengold geborgen wird, bewundert man nicht seine Schönheit, sondern taxiert Münze für Münze nach Dollar und Cent. Phil Hastings hält gern weitschweifige Predigten gegen Hollywood-Babylon, das er zum Frommen seiner Familie und um der hehren Kunst willen verlassen hat, um im Finale fürstlich bezahlt für einen weiteren IQ-Null-Blockbuster dorthin zurückzueilen. Der zum schäumenden Wechselbalg zitierte Wunderarzt erläutert den gebrochenen aber zahlungskräftigen Eltern sachlich, wie sie den scheinbar wahnsinnig und damit wertlos gewordenen Sohn in einem weit entfernten Pflegeheim entsorgen können.

Solche Passagen lassen sich oft finden in diesem an Ärgernissen reichem Werk, aber den einsamen Gipfel der Lächerlichkeit erklimmt Feist mit der Schilderung eines Tête-à-têtes zwischen Gabrielle, der überreifen Hastings-Tochter, und Puck, dem fröhlich-geilen Luft- und Lustgeist. Zweifellos als Höhepunkt knisternder Erotik gedacht, produziert der Verfasser einen schier endlosen Schwall schwülstig-verklemmter Schweinigeleien, der peinlich gekrönt wird durch den abrupten Abbruch des Liebesspiels, als es endlich ernst wird: Im Mutterland der frömmlerischen Doppelmoral muss sich auch ein Puck mit Petting begnügen, wenn ihm ein anständiges Mädchen gegenüberliegt. Spätestens diese Szene rundet den unerfreulichen Eindruck ab, gar zu viel kostbare Lebenszeit dem Versuch geopfert zu haben, eine ziemlich taube Lektüre-Nuss zum Keimen zu bringen.

[md]

Titel bei Amazon.de (als “Der Märchenhügel”)
Titel bei Amazon.de (Ausgabe 2000)
Titel bei Amazon.de (Ausgabe 2003)

Abgelegt unter Fantasy, Horror, Mystery, Phantastik | Keine Kommentare »

So finster die Nacht

Erstellt von Michael Drewniok am 1. Februar 2010

lindqvist-finster-cover1John Ajvide Lindqvist
So finster die Nacht

Originaltitel: Låt den rätte komma in (Stockholm : Ordfront förlag 2004)
Übersetzung: Paul Berf
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2007 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15755)
639 S.
ISBN-13: 978-3-404-15755-6
Neuausgabe zum Filmstart (mit Farbfotos): November 2008 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 16339)
639 S.
ISBN-13: 978-3-404-16339-7

Als Hörbuch: Oktober 2007 (Lübbe Audio)
5 CDs, gelesen von Sascha Rotermund
344 min.
ISBN 978-3-7857-3277-9
(sfbentry)

Das geschieht

Blackeberg, ein geschichts- und gesichtsloser Vorort von Stockholm im Jahre 1981: Der zwölfjährige Oskar verbringt hier ein freudloses Leben als Außenseiter. In der Schule wird er gemobbt, die Mutter arbeitet und kehrt erst abends heim, der Vater ist schon lange ausgezogen. Mit Ladendiebstählen und Rachefantasien, die sich gegen seine Peiniger richten, verbringt Oskar seine Tage.

Aktuell gibt es freilich etwas Interessantes für ihn, der eifrig Zeitungsartikel über Serienmorde und andere Untaten sammelt: Ein Schlächter geht in der Vorstadt um. Er hat es auf Kinder abgesehen, denen er auflauert und sie betäubt, um ihnen dann das Blut abzuzapfen. Oskar ist fasziniert; nur zu gern sähe er seine Feinde dem Mörder zum Opfer fallen. Deshalb hält er die Augen offen und versucht sich als Ermittler.

In diesen aufregenden Tagen lernt Oskar eine neue Nachbarin kennen. Eli behauptet im selben Alter wie er zu sein, doch obwohl sie körperlich in der Tat jung wirkt, hat Oskar Zweifel. In der Wohnung, wo sie mit ihrem ‚Vater‘ lebt, sind alle Fenster stets verhüllt. Nur in den Abendstunden verlässt Eli das Haus. In Oskar, der auch für Horrorgeschichten schwärmt, steigt ein bestimmter Verdacht auf …

lindqvist-finster-cover-2009Untot im hohen Norden

Vampire in Schweden: Das hatten wir zumindest hierzulande noch nicht. Wir verdanken sie wohl vor allem der Popularität, die der skandinavische Kriminalroman aktuell genießt. Kaum verwunderlich, dass deutsche Verlage versuchen diese auf weitere Genres zu übertragen. Dem Leser kann’s recht sein, denn auch das Grauen fremder Länder kann erschreckend faszinierend sein.

Dem skandinavischen Krimi sagt man einen ausgeprägten Hang zur politischen und gesellschaftlichen Sozialkritik nach, die (mehr oder weniger gelungen) in die Handlung integriert wird und diese auf ein Niveau hebt, das auch das Feuilleton aufmerken lässt. „So finster die Nacht“ stößt ebenfalls in dieses Horn. Erfreulicherweise wird dies nicht zur Pflichtaufgabe, der sich der Autor eher aufdringlich entledigt, sondern ist Teil eines Geschehens, das ohne diesen Faktor nicht denkbar ist.

Vampire in der Gegenwart: Macht man sich Gedanken über die Realität ihrer Existenz, taucht unweigerlich die Frage auf, wie sich diese Wesen in einer Hightech-Welt behaupten könnten. Zwar spielt „So finster die Nacht“ im Jahre 1981, doch war auch dies eine denkbar ungünstige weil kriminalpolizeilich durchsetzte Gegenwart für Kreaturen, die regelmäßig töten müssen, wenn sie überleben wollen.

Die Vorteile der Unpersönlichkeit

John Lindqvist findet eine simple und gleichzeitig überzeugende Lösung für das Problem, einen ‚modernen‘ Vampir wirken und wüten zu lassen: Er versetzt ihn in eine Trabantenstadt, die hauptsächlich von den abgestumpften Verlierern der modernen Leistungsgesellschaft bewohnt wird. Blackeberg ist quasi ein Synonym für anonymes Leben in einem gesellschaftlichen Vakuum. Es gibt in dieser Vorstadt keine Kommunikation zwischen den Bürgern, die in ihren Wohnsilos vegetieren.

Oskar ist das perfekte Produkt seiner Umgebung – ein Scheidungskind, das von einer überarbeiteten und meist abwesenden Mutter ‚erzogen‘ und in der Schule von ebenso perspektivenlosen jugendlichen Gewalttätern gepiesackt wird. Sowohl das Quälen als auch das Leiden sind in der Ödnis von Blackeberg absolut sinnlos und wirken dadurch umso bedrückender. Dieser isolierte und trübe Kosmos benötigt keine Vampire; seine Bewohner verstehen es selbst sich das Leben zur Hölle zu machen.

Den Erwachsenen geht es in dieser den Geist tötenden Umgebung nicht besser. Parallel zu Oskars Geschichte erzählt Lindqvist von der traurigen Realität einer Gruppe schon mittelalter Freunde, die im Grunde Oskar in späteren Jahren widerspiegeln: Ausgebrannt, resigniert, im Leben bereits tot repräsentieren sie die ideale Beute nicht nur für Vampire.

Der Vampir – nordisch nüchtern

Ein Vampir, der sich nicht unbedingt an die Regeln hält, die Bram Stoker 1897 in „Dracula“ zusammenfasste, sondern auch quasi geschlechtslos ist: Das kann der Leser nur begrüßen, denn längst zerrt die Allgegenwart glutvoll-brünstiger Vampir-Hengste an den Nerven. Primär für pubertierende Jungmädchen entstehen gegenwärtig geistlos genormte Blutsauger-Schmonzetten in schwindelerregender Zahl. Ein Vampir-Roman ‚für Erwachsene‘, wie ihn Lindqvist vorlegt, gehört fast schon zur Ausnahme.

Eli ist ganz sicher keine charismatische Gestalt, sondern ein Überlebenskünstler. Er ist nicht freiwillig zum Untoten geworden, hat sich aber im Laufe von Jahrhunderten mit seiner Existenz arrangiert. Sehr geschickt charakterisiert Lindqvist ein Wesen, das seine Menschlichkeit nicht vergessen hat und dessen Einsamkeit anrührt. Gleichzeitig ist Eli mörderisch und manipulativ.

Was Eli durchmachen musste, demonstriert Lindqvist am Beispiel der Figur Virginia. Sie wird ebenfalls zum Vampir; eine Frau, die im gesellschaftlichen Abseits steht und intellektuell verkümmert ist, was ihr unmöglich macht sich Hilfe von ‚außen‘ zu suchen. Wie einst Eli versucht Virginia sich über ihr neues ‚Leben‘ mit seinen gründlich veränderten Regeln klar zu werden. Lindqvist bietet dies die Möglichkeit, den Vampirismus ‚wissenschaftlich‘ zu beleuchten. Er hinterfragt das alte Wissen über die Blutsauger, findet Erklärungen für ihr körperliches Funktionieren, ihre Furcht vor der Sonne, vor Silber, vor dem Kreuz, ohne dadurch den Mythos unnötig zu zerstören: Vampire sind auch nur Menschen, so lautet die nüchterne Zusammenfassung. Es gibt sie und die erste große Herausforderung ihres ‚Lebens‘ ist es, sich den Bedürfnissen ihres mutierten Körpers zu stellen. Eli ist es mit allen Konsequenzen gelungen, Virginia scheitert.

Die hässliche Alternative verkörpert Håkan Bengtsson. Er ist die Figur, die „So finster die Nacht“ zu einem echten Horroroman werden lässt. Seine Wiederauferstehung erinnert an das Erscheinen eines Zombies, seine Untaten verstärken diesen Eindruck. Wenn Bengtsson auf der Szene erscheint, wird es blutig und hässlich. In der ansonsten meist gemächlichen Handlung wirkt er grell. Andererseits dürfte seine Existenz den Hardcore-Gruselfan zufriedenstellen, der Eli trotz gelegentlicher Brutal-Exzesse zu zahm findet.

Eine spannende Geschichte?

„Dieser Thriller ist eine Offenbarung der schwedischen Literatur“, dröhnt die Werbung und fordert die nachdrückliche Überprüfung dieser Behauptung förmlich heraus. Es dürfte kaum überraschen, dass die Fakten ein anderes Bild ergeben. „So finster die Nacht“ ist ein spannender Thriller mit vielen eindrucksvollen Szenen, die sich zu keinem überragenden Gesamtbild fügen wollen. Die Geschichte weist Längen auf, schwankt unentschlossen zwischen ‚richtigem‘ Horror und einer düsteren Coming-of-Age-Story mit phantastischen Elementen. Übrigens ist es nie Lindqvist, der literarische Ansprüche erhebt; er spinnt sein Garn, in das er wohl auch autobiografische Elemente einfließen lässt, wurde der Autor doch 1968 in Blackeberg geboren und war folglich 1981 so alt wie seine Figur – sein Alter Ego? – Oskar.

Warum die Geschichte unbedingt 1981 spielen muss, bleibt Lundqvists Geheimnis. Er schließt seinem Roman zwar ein Nachwort an, spart diese Frage aber aus. Die deutsche Übersetzung ist ein weiteres Rätsel. Zwar gut gelungen, wird sie von einem merkwürdigen Titel gekrönt. „So finster die Nacht“ hat rein gar nichts mit dem Original zu tun, das sehr viel anschaulicher „Lass den Richtigen ein“ lautet, denn genau gegen dieses Gebot verstoßen die (menschlichen) Figuren immer wieder und geben dem Grauen dadurch die Möglichkeit sich zu verbreiten. Offensichtlich soll die bibelähnliche Eindeutschung die Assoziation an die geschwätzigen, pseudo-wichtigen Krimi-Bestseller wecken, die sich auf den Nimm’s mit!-Tischen deutscher Kettenbuchläden türmen. Wer darauf hereinfällt, wird sein blutrotes Wunder erleben! „So finster die Nacht“ ist – wenn man unbedingt eine Schublade sucht – die solide aber sicherlich nie geniale skandinavische Variation einer Geschichte, wie sie z. B. Stephen King in „Brennen muss Salem“ („Salem’s Lot“) 1975 ersann. In diesem Umfeld vermag sich Lindqvist wacker zu schlagen. Mehr ist da nicht – doch muss da unbedingt mehr sein?

Autor

John Ajvide Lindqvist wurde 1968 in Blackeberg, einem Vorort der schwedischen Hauptstadt Stockholm, geboren. Nachdem er schon in jungen Jahren als Straßenmagier für Touristen auftrat, arbeitete er zwölf Jahre als professioneller Zauberer und Comedian.

Sein Debütroman „Låt den rätte komma” (dt. “So finster die Nacht”), eine moderne Vampirgeschichte, erschien 2004. Bereits 2005 folgte “Hanteringen av odöda” (dt. „So ruhet in Frieden“), ein Roman um Zombies, die Stockholm zwar heimsuchen aber nicht terrorisieren. „Pappersväggar” (dt. „Im Verborgenen“) ist eine Sammlung einschlägiger Gruselgeschichten.

Lindqvist schreibt auch Drehbücher für das schwedische Fernsehen. Das prädestinierte ihn, das Script für die gelungene Verfilmung seines Romanerstlings zu verfassen, die 2008 unter der Regie von Tomas Alfredson entstand.

[md]

Titel bei Amazon.de (Taschenbuch)
Titel bei Amazon.de (Taschenbuch-Neuausgabe zum Film)
Titel bei Amazon.de (Audio-Book)

Abgelegt unter Horror, Kinder & Jugend, Mystery, Phantastik | Keine Kommentare »

Flucht ins Chaos

Erstellt von Werner Karl am 30. Januar 2010

flucht-ins-chaosAlan Dean Foster
Flucht ins Chaos

Originaltitel: Sliding Scales (2004)
Aus dem Amerikanischen von Michael Kubiak und Kerstin Fricke
Bergisch Gladbach: Verlagsgruppe Lübbe 2009
Bastei Lübbe Taschenbuch 24384
Umfang: 316 Seiten
ISBN 9783404243846

www.luebbe.de

Flinx ist nach seinem letzten Abenteuer (siehe: Die Echsenwelt) extrem niedergeschlagen, da er seine Freundin Clarity verletzt zurück lassen musste. Zwar ist sie in besten Händen, jedoch Flinx macht sich Vorwürfe und fühlt sich von der mächtigen Aufgabe belastet, die in der Zukunft seiner harren wird, gegen jene mächtige dunkle Entität anzukämpfen, welche die galaktische Zivilisation dereinst bedrohen wird. Um nicht depressiv zu werden, lässt sich der junge Mann auf Ratschlag seines Schiffscomputers ein, auf dem interessanten Planeten Jast Urlaub zu machen.

Die intelligenten Bewohner von Jast sind mit den AAnn assoziiert, werden möglicherweise deren Imperium beitreten, gelten jedoch als eher phlegmatisch und wenig überzeugt von den AAnn. Da sie jedoch den technisch führenden Rassen wie den AAnn, den Menschen oder den Thranx leicht unterlegen sind und sich bisher niemand außer den AAnn für sie und ihren Planeten interessiert hat, haben sie sich mehr schlecht als recht letzteren angeschlossen. Als sich Flinx in Begleitung eines AAnn die interessante Fauna des Planeten in einer einsamen Schlucht anschauen will, verleitet ein Impuls des Ekels den Begleiter abrupt dazu, den jungen Mann über die Klippe zu stürzen.

Weder Flinx noch sein Minidrache Pip können schnell genug reagieren, und so bleibt der junge Mann bewußtlos und mit Schädelverletzung auf einem Felsvorsprung zurück, während sein vermeintlicher Mörder, der glaubt ihn getötet zu haben, seine Tat geschickt vertuscht. Als Flinx erwacht, hat er aufgrund des Sturzes sein Gedächtnis verloren und weis nicht mehr, wer er ist. Bald muss er sich der fremdartigen Fauna erwehren, wird ausgerechnet von AAnn gerettet und wird erneut bedroht, denn sein Wiederauftauchen macht seinem vermeintlichen Mörder klar, dass er enttarnt werden könnte, sollte das Gedächtnis des jungen Mannes zurück kehren, weshalb er seine Mordtat unbedingt möglichst schnell doch noch erfolgreich beenden muss. Davon ahnt Flinx dank seiner Amnesie jedoch genau so wenig, wie von den perfiden Anschlägen, die auf die AAnn auf Jast verübt werden und diese langsam immer nervöser werden lässt…

Flucht ins Chaos ist ein zwar unterhaltsamer, aber eher mäßig spannender Roman aus dem Homanx-Commonwealth. Außer der exotischen Fauna von Jast, die sich per körpereigenem Gasballon vorwärts bewegt, ist Foster diesmal leider gar nichts Interessantes eingefallen. Auch die Handlung fesselt den Leser nur mäßig, eigentlich ist alles an dem Buch eher mäßig. So mäßig sogar, dass der Rezensent nicht weis, was er dazu noch sagen soll. Kein schlechtes Buch, aber leider auch kein wirklich gutes. Lesbar eben, sozusagen nahrhaft wie wässerige, zerkochte Salzkartoffeln, und leider ebenso “wohlschmeckend”.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald
 
Titel bei Amazon.de:
Flucht ins Chaos

Abgelegt unter Science Fiction | Keine Kommentare »

September Society - Der Club der tödlichen Gentlemen

Erstellt von Michael Drewniok am 26. Januar 2010

finch-september-society-coverCharles Finch
September Society - Der Club der tödlichen Gentlemen

Originaltitel: The September Society (New York : St. Martin’s Minotaur 2008)
Übersetzung: Isabell Lorenz
Deutsche Erstausgabe: Januar 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 16378)
348 S.
ISBN-13: 978-3-404-16378-6

Das geschieht:

Im Spätsommer des Jahres 1866 wird Privatermittler Charles Lenox aus London mit einem neuen Fall konfrontiert. Lady Annabelle Payson, Witwe eines in den Kolonien gefallenen Soldaten, vermisst George, ihren Sohn, der am Lincoln-College in Oxford studiert. Während ihres letzten Besuches hat er seine Mutter unter einem Vorwand verlassen und ist offenbar untergetaucht. In seinem Schlafzimmer fand die erschrockene Lady Annabelle Georges Katze: erdolcht mit einem Brieföffner des verstorbenen Vaters, der gleichzeitig ein Blatt Papier mit einer codierten Nachricht am Boden festnagelt.

Die Polizei möchte die Lady nicht alarmieren. Lenox, selbst Spross einer alten und ehrenwerten Familie, ist als erfolgreicher und vor allem diskreter Detektiv bekannt und damit eine Alternative. Umgehend macht er sich nach Oxford auf, um dort Georges Studentenwohnung als möglichen Tatort buchstäblich unter die Lupe zu nehmen. Dabei entdeckt er eine Karte, die auf die “September Society” hinweist. Oxford ist reich an elitären Clubs und Verbindungen, aber Lenox, der noch vor fünf Jahren selbst hier studierte, ist diese Gesellschaft unbekannt.

Kurz darauf wird die Leiche von George Payson entdeckt; man hat ihn erdrosselt. Bei ihm findet sich eine weitere Karte der “September Society”. In London nimmt Lenox die Spur dieser Vereinigung auf, zu der sich vor zwei Jahrzehnten einige Soldaten zusammengetan haben, die im ostindischen Pandschab am Krieg gegen die Sikhs teilnahmen. Major Lysander, der Verwaltungsdirektor, weist jegliches Wissen um Paysons Ende zurück, aber Lenox ahnt, dass man ihn belügt. Allmählich deckt er die Umtriebe einer Gesellschaft auf, die aus guten Gründen die Öffentlichkeit scheut und einen Detektiv, der ihren dunklen Geheimnissen auf die Spur kommt, nicht ungeschoren lassen wird …

Wir basteln uns einen Historienkrimi

Seit einigen Jahren ist der ‘historische’ Kriminalroman in den Buchhandlungen zum Selbstläufer geworden. Die Vergangenheit wird zum Pendant exotischer Fremdländer, deren seltsame Sitten und die Abwesenheit moderner Selbstverständlichkeiten reizvoll das übliche Einerlei der Jagd auf Lumpen und Mörder würzen. Für die Verfasser (oder Produzenten) solcher Romane springt ein angenehmer Bonus heraus: Ihr Publikum akzeptiert nicht nur, dass “der Fall”, der sonst im Zentrum eines Krimis steht, an den Rand des Geschehens gedrängt wird, sondern erwartet sogar eine Handlung, die immer wieder stoppt, um stattdessen in historischen ‘Fakten’ zu schwelgen.

Autor Finch hat einige Jahre in Oxford verbracht, die ihn deutlich geprägt haben. Die Geschichte der alten Universitätsstadt kennt er gut, und er teilt sein Wissen gern mit den Lesern, die sich dagegen höchstens wehren können, indem sie die entsprechenden Passagen überspringen. Oft bleibt keine andere Möglichkeit, da sonst die Gefahr besteht, den ohnehin dünnen roten Faden endgültig aus den Augen zu verlieren; Finches Anekdoten und Reminiszenzen mutieren gern zu wortreichen Abschweifungen, die mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun haben.

Weitere Denkarbeit kann sich ein Autor sparen, indem er den Helden in eine aufregende bzw. aufreibende Liebesgeschichte verwickelt. Die daraus resultierenden Balz-Aktivitäten gehorchen relativ fixen Regeln, die sich quasi automatisch umsetzen und abspulen lassen. Den Beweis liefert Charles Finch mit dem sich stetig im Kreis drehenden und der Handlung aufgepfropften Drama um Lenox und seine künstlich komplizierte Liebe zur selbstverständlich schönen, aber zum Gefallen des modernen Publikums vor der Zeit emanzipierten Lady Jane.

Papierfiguren bluten nicht

Über die Polizeiarbeit des 19. Jahrhunderts gibt es wissenschaftliche Untersuchungen. Finch ignoriert sie weitgehend & wohlweislich, denn ein ausschließlich mit den Mitteln seiner Zeit im kriminellen Trüben fischender Detektiv böte nur den in der Geschichte bewanderten Spezialisten Unterhaltung. Die lesende Mehrheit zieht Ermittler vor, die zwar in der Vergangenheit leben aber zumindest gefühlsmäßig wie Menschen der Gegenwart denken und handeln. Folgerichtig sind Lenox und erst recht Lady Jane glänzende Vorreiter einer Sozialgesellschaft, die 1866 realiter noch ein Jahrhundert auf sich warten ließ. Sie retten Waisen und trösten Witwen und liefern auch sonst manches Feigenblatt für historische Gegen- und Widerwärtigkeiten.

Selbstverständlich ist Lenox kein Chauvinist, sondern schätzt Lady Jane ob ihres Freidenkertums. Auf diese Weise erfreut Autor Finch vor allem jenen Teil der weiblichen Leserschaft, die eine Suche nach Mr. Right mindestens ebenso spannend findet wie die Schurkenjagd. Dabei hascht der Verfasser indes so auffällig nach dieser Zielgruppe, dass es den weniger romantisch gestimmten Leser arg ergrimmt. In die Handlung wird Lady Jane von Finch nie wirklich eingebunden. Lenox, der bis weit in die zweite Romanhälfte so offensichtlich ohne sie auskommt, könnte faktisch gänzlich auf ihre reifrockrauschende Anwesenheit verzichten.

Es will sich nicht zum spannenden Ganzen fügen

Ein geschickter oder wenigstens routinierter Autor würde die Eindimensionalität seiner Figuren möglicherweise besser verbergen als Finch. Noch sehr jung an Jahren, versucht er sich an der Darstellung von Charakteren, die ihn durchschnittlich um ein Jahrzehnt an Alter und Lebenserfahrung übertreffen. Da gerät manches schematisch, wirken die ausgiebig geschilderten persönlichen Konflikte flach und unglaubwürdig oder - nennen wir es beim Namen - angelesen.

Nein, auch im zweiten Band der seiner Serie strickt Charles Finch die Maschen der von ihm gestrickten Geschichte allzu locker. Der Plot ist schrecklich kompliziert und bedarf zahlreicher Zufälle. Trotzdem sorgt mancher Einfall für Kopfschütteln: Wie fand George Payson in Vorbereitung seiner hastigen Flucht die Zeit für die aufwendige Inszenierung getürkter Indizien, die nicht raffiniert, sondern nur lächerlich wirkt? Die Story wird umständlich und mit gewaltigen Längen umgesetzt. Keine Erlösung bietet die Auflösung, was verziehen werden könnte, wäre der Weg dorthin unterhaltsamer. Stattdessen quält sich zumindest der puristische Krimifreund zunehmend unlustiger durch einen zähen Roman, der umfangreicher wirkt als er eigentlich ist.

Autor

1980 in New York City geboren, studierte Charles Finch an der Universität Yale Englisch und Geschichte. Zudem hält er einen akademischen Titel in Geschichte der englischen Renaissance-Literatur, den ihm die Universität Oxford verlieh.

2007 veröffentlichte Finch seinen ersten Roman. “A Beautiful Blue Death” (dt. “Bella Indigo”) wurde gleichzeitig Start einer kontinuierlich fortgesetzten Reihe um den Gentleman-Ermittler Charles Lenox, der im England der Queen Viktoria und unterstützt von seiner Freundin Lady Jane Grey Kriminalfälle löst. Sein Debütwerk wurde für diverse Literaturpreise nominiert; das “Library Journal” zeichnete es als eines der besten Bücher des Jahres 2007 aus.

Charles Finch lebt und arbeitet in New York City.

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Historisch, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »

Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra

Erstellt von Michael Drewniok am 20. Januar 2010

boyer-holmes-riesenratte-cover-2006Rick Boyer
Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra

Originaltitel: The Giant Rat of Sumatra (New York : Warner Books 1976)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Die Riesenratte von Sumatra“): 1979 (Deutsche Verlags-Anstalt)
Übersetzung: Ingo Golembiewski
271 S.
ISBN-10: 3-421-01892-8
Diese Taschenbuchausgabe: Dezember 2006 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15601)
Übersetzung: Stefan Bauer
269 S.
ISBN-13: 978-3-404-15601-6
(sfbentry)

Das geschieht:

Im Spätsommer des Jahres 1894 brütet Meisterdetektiv Sherlock Holmes über dem Fall einer im fernen Indien entführten Adelstochter, als ausgerechnet in der Baker Street die Leiche eines Seemanns entdeckt wird. Der unglückliche Raymond Jenard wurde auf dem Dach eines Lagerhauses mit einem malaiischen Dolch erstochen und anschließend auf die Straße geworfen.

Natürlich nimmt sich Holmes auch dieses Falles an, doch die Ermittlungen sind schwierig. In der Wohnung des Opfers wurde Feuer gelegt, sämtliche Hinweise sind vernichtet. Die Befragung der Segelkameraden bringt eine seltsame Geschichte zutage: Vor der Küste der Insel Borneo hat das Frachtschiff „Matilda Briggs“ vier seltsame Passagiere an Bord genommen: den zwielichtigen ‚Missionar‘ Ripley, seinen Freund Jones, den unheimlichen Diener Wangi - und eine Ratte, groß wie ein Kalb!

Das stößt in London verständlicherweise auf Unglauben. Doch als Holmes und Watson sich unter Deck der „Matilda Briggs“ begeben, finden sie dort die Leiche von Kapitän James MacGuinness: Er wurde von riesigen Nagezähnen grausam zerfleischt! Die Kreatur ist wie Ripley, Jones und Wangi spurlos verschwunden. Holmes versucht Ripley aus der Reserve zu locken, nachdem er bemerkt hat, dass dieser sich offenbar mit ihm, dem berühmten Detektiv, messen will.

Neue Entwicklungen im Fall der entführten Tochter (s. o.) führen dazu, dass Holmes und Watson getrennte Wege gehen. Ersterer ist weiterhin in London aktiv, während Letzterer mit Lord und Lady Allistair, den besorgten Eltern, in ihr einsam gelegenes Landhaus reist, wo ein Lösegeld hinterlegt werden soll. Watson merkt, dass dieses Anwesen beobachtet wird. Dann beginnen die Anwohner auch noch von einem Ungeheuer zu raunen, das in den Wäldern umgeht und eine dreizehige Klauenspur hinterlässt …

Sherlock Holmes macht immer weiter

Mathilda Briggs war nicht der Name einer jungen Frau, Watson“, sagte Holmes mit erinnerungsschwerer Stimme. „Sie war ein Schiff, das im Zusammenhang mit der Riesenratte von Sumatra eine Rolle spielte - eine Geschichte, für die diese Welt noch nicht bereit ist.“

Also sprach Sherlock Holmes in der klassischen Story „Der Vampir von Sussex“ (veröffentlicht 1924), doch sein geistiger Vater Arthur Conan Doyle ließ ihn nie mehr auf besagte Ereignis zurückkommen. Weil Holmes & Watson nicht einfach nur nostalgisch angestaubte Gestalten aus der Frühgeschichte der Kriminalliteratur, sondern ebenso prägende wie weiterhin präsente Kultfiguren sind, haben sich ihre zahllosen Leser oft gefragt, welches Geheimnis sich hinter Holmes‘ bedeutungsschwangeren Worten verbirgt. (Eine geradezu wissenschaftliche Deutung liefert z. B. Alan Saunders unter dem Titel „The Sumatran Devil“.

Glücklicherweise wurde die Laufbahn unseres kriminalistischen Duos auch durch Doyles Tod im Jahre 1930 keinesfalls in Mitleidenschaft gezogen. Noch während Doyle lebte, entstanden die ersten Holmes-Pastiches: weitere Abenteuer, verfasst von anderen Autoren, die sich entweder bemühten, den Originalton so genau wie möglich zu treffen, oder die Holmes und Watson in völlig neue Richtungen lenkten.

Rick Boyer gehört zu den Traditionalisten. In seinem ersten Roman überhaupt bemühte er sich 1976, dem Regelwerk des „Kanons“ zu entsprechen. Der Kanon - das sind die vier Romane und 56 Originalstorys aus Doyles Feder, in denen dieser zwischen 1887 und 1927 seinen Meisterdetektiv auftreten ließ.

Obwohl Doyle mit Zahlen und Fakten unbekümmerter umging, als es dem strengen Holmes & Watson-Chronisten lieb ist, lassen sich diverse biografische ‚Fakten‘, aber auch Manierismen und Verhaltensmuster aus seinen Werken destillieren, die jeder Fan des Duos kennt und in einer Holmes-Story erwartet. Dazu gehört natürlich Bespiele für Holmes‘ unerhörte Fähigkeit, aus kleinsten Hinweisen wie durch Zauber Ereignisse zu rekonstruieren, während meist Watson, aber auch Inspektor Lestrade oder andere Vertreter des Lesers mit offenem Mund zuhören und staunen.

Originelle Kopie oder nur kopiertes Original?

Boyer bemüht sich wie gesagt um Authentizität. Originalität ist ihm dagegen weniger wichtig; „Die Riesenratte von Sumatra“ weist inhaltlich enge Parallelen zum „Hund der Baskervilles“ auf, was der Verfasser nicht verschweigt, sondern Holmes sogar selbst erwähnen lässt. Aber auch Anklänge an die „Studie in Scharlachrot“ lassen sich finden, wenn der Detektiv durch die Straßenschluchten von London streift. Im Finale stellt sich natürlich heraus, dass der Fall der Riesenratte von Sumatra weit über die Klärung einiger bizarrer Morde hinausgeht und geradezu internationales Format besitzt: ein Format freilich, das logisch nur im Kontext jener Disneyland-Version des britischen Empires erscheint, die vor allem der späte Doyle präsentierte. Selbst im 19. Jahrhundert war die Welt schon ein bisschen komplizierter, als dass ein Sherlock Holmes allein sie für Königin & Vaterland hätte retten können.

Der Ton macht die Musik, und der stimmt in diesem Fall. Holmes benimmt sich wie Holmes und spricht wie Holmes, auch Watson fügt sich in seine Rolle. Als Hintergrundchor treten ebenfalls bekannte Figuren oder besser Chargen auf - klobige Seebären, treuherzige Arbeiter, vornehm schwachnervige Ladys, noble Lords mit energischem Kinn, theatralische Schurken, finstere ‚Wilde‘; die Liste lässt sich fortsetzen.

Für die Lösung des rattigen Rätsels musste Boyer sich auf einen Kompromiss einlassen. Conan Doyle lehnte übernatürliche Phänomene in seinen Holmes-Storys strikt ab. Der Detektiv war Rationalist und behielt Recht damit. Boyer lehnte sich daran an und konnte folglich kein fantastisches Fabeltier literarische Realität werden lassen. Die Wörter „Riesenratte“ und „Sumatra“ boten ihm indes einen Ausweg, der zwar ein wenig holprig wirkt aber seinen Zweck erfüllt. (Die Lösung wird hier selbstverständlich nicht verraten; wer sich ein wenig in der Fauna unseres Planeten auskennt, wird sicher selbst darauf kommen, was da nach England geschmuggelt wurde.)

Was die Bösewichte in diesem Spiel angeht, so treffen wir einen schlechten alten Bekannten wieder. Dies ist ein (meist überflüssiges) Merkmal vieler Holmes-Pastiches, auf das sich Doyle nur sehr selten gestützt hat. Er dachte sich lieber ‚frische‘ Schurken aus. (Der wenig ehrenwerte Prof. Moriarty ist selbstredend die große Ausnahme.)

Widerwärtige Eingeborene aus den wilden Ecken des Empire sind heute politisch nicht mehr wohlgelitten; dieses Klischee wurde zu Doyles Zeiten ohne schlechtes Gewissen eingesetzt. Wiederum passt sich Boyer dem an und greift die zeitgenössische Auffassung auf, der gesellschaftliche Stand und/oder das Wesen eines Menschen spiegle sich in seiner Gestalt, seinen Gesichtszügen oder sogar in seiner Kleidung wider.

Unter den Holmes-Pastiches zählt Boyers „Riesenratte von Sumatra“ zu den gelungenen Werken. (Nicht verwechselt werden darf es übrigens mit dem identisch betitelten Holmes-Roman von Alan Vanneman aus dem Jahre 2002, der auch ins Deutsche übersetzt wurde. Zwei Jahre später legte Lauren Steinhauer ihre Version vor.) Dem ist zuzustimmen, wenn man die einzelnen Elemente höher schätzt als die Gesamtgeschichte. Freilich ist dieses Phänomen nicht neu: Vor allem der originale Holmes-Roman „Das Tal der Furcht“ ist ganz und gar kein Lesespaß. Das lässt sich über die „Riesenratte von Sumatra“ jedenfalls nicht sagen, und so hat wenigstens einmal der Lehrling (Boyer) den Meister (Doyle) übertroffen.

Autor

Richard L. Boyer wurde 1943 in Evanston, US-Staat Illinois, geboren. Er studierte Englisch an der Denison University sowie Kreatives Schreiben an der University of Iowa. Anschließend lehrte er an einer Highschool und arbeitete für den Verlag Little, Brown & Co. Seit 1988 ist Boyer als Dozent für Englisch an der Western Carolina University tätig.

Als Schriftsteller hat Boyer seit 1976 mehr als zwanzig Romane und Sachbücher veröffentlicht. Für seine Serie über den detektivisch tätigen Zahnarzt Doc Adams wurde er mit dem „Edgar Allan Poe Award“ ausgezeichnet.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVA)
Titel bei Amazon.de (Bastei-Lübbe-Verlag)

Abgelegt unter Historisch, Krimi & Thriller, Mystery | Keine Kommentare »

Das Blut des Skorpions

Erstellt von Michael Drewniok am 13. Januar 2010

marcotullio-blut-cover-tb-2010Massimo Marcotullio
Das Blut des Skorpions

Originaltitel: Il sangue dello scorpione (Casale Monferrato : Edizioni Piemme Spa 2006)
Übersetzung: Karin Diemerling
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2008 (Lübbe Verlag)
540 S.
ISBN-13: 978-3-7857-2331-9
Als Taschenbuch: Januar 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 16387)
540 S.
ISBN-13: 978-3-404-16387-8

Das geschieht:

Rom im Mai des Jahres 1666: Der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher entdeckt bei seinen astronomischen Beobachtungen die Wiederkehr einer Konstellation der Gestirne, die in alten Schriften als „Zeitalter des Skorpions“ beschrieben wird. Sie gilt als Vorbote großen Unglücks, worin sich Kircher nachdrücklich bestätigt fühlt, als sein alter Freund Pater Bartolomeo Stoltz, erster Bibliothekar der päpstlichen Bibliothek, enthauptet aufgefunden wird. Diese Art des Mordens ist Kircher nicht unbekannt. Als junger Seminarist hat er vor vielen Jahren im Jesuitenkolleg zu Paderborn ähnliche Bluttaten erlebt; sie konnten nie aufgeklärt werden.

Neugierig schaut sich der wenig erfolgreiche Maler Giovanni Battista Sacchi, genannt „Fulminacci“, am Schauplatz des Verbrechens um. Dabei findet er einen in Gold gefassten Bernstein, in den ein winziger Skorpion eingeschlossen ist. Als der finanziell stets klamme Fulminacci es verkaufen will, erregt er die Aufmerksamkeit des Eigentümers, der das Schmuckstück unbedingt zurückholen will.

Mehrere Mordanschläge später dämmert es Fulminacci, dass ihm ein erbarmungsloser Mörder auf den Fersen ist: Der „Skorpion“ agiert seit Jahrzehnten als höchst erfolgreicher Attentäter. Er ist Teil eines Komplotts, das mit der politischen und religiösen Neuordnung Europas enden soll und dessen Fäden in Rom zusammenlaufen. Zu allem Überfluss bekommt der fanatische Inquisitor Bernardo Muti Wind von den Morden, die er als Anlass missbraucht, einen Feldzug gegen „Hexen“ und „Zauberer“ zu inszenieren.

Fulminacci zeigt sich erstaunlich überlebenstüchtig. Er kann sich bei seinem Kampf mit dem „Skorpion“ auf die Unterstützung der Wahrsagerin und Agentin Beatrice und des slawischen Kraftmenschen Zane verlassen. Aber der „Skorpion“ wird von finsteren Mächten unterstützt und setzt sein mörderisches Treiben unerbittlich fort …

Die (angeblichen) Geheimnisse des Vatikans

Im Dunkeln ist gut munkeln, lautet ein altes Sprichwort. Der Vatikan erfüllt diese Voraussetzung vortrefflich, gehört doch das Handeln „im Namen des Herrn“ seit Jahrhunderten zur Maxime einer der ältesten religiösen und politischen Mächte dieser Erde, wobei die Gesetze und Regeln der schnöden Welt gern mit Nichtachtung gestraft werden.

Viele Eskapaden oder moralische Ungeheuerlichkeiten des Vatikans sind historische Realität und als solche aufgedeckt worden. Da Geheimniskrämerei zum Alltag der Kirche gehört und die Tiefe der vatikanischen Archivgewölbe legendär ist, gilt es als ‚sicher‘, dass mehr düstere Geheimnisse verborgen blieben als entdeckt wurden. Unabhängig von der Wahrheit dieser Theorie hat sich deshalb der Mythos eines Vatikans entwickelt, der an allen möglichen und unmöglichen Ränkespielen beteiligt war und ist. Spätestens Dan Brown hat dies so nachhaltig ‚bewiesen‘, dass längst ein eigenes Subgenre – der historisierende Kirchen-Thriller – entstand, der eine große Schar von Epigonen ernährt.

Munkeleien in der Light-Version

Massimo Marcotullio gesellt sich gerade erst zu ihnen, „Das Blut des Skorpions“ ist sein Romanerstling. Als solcher vermag er zu erfreuen aber noch mehr zu ärgern. Nüchtern betrachtet ist dieses Buch ein reichlich weitmaschig gestricktes Garn. Zwar geschieht ständig etwas, doch die Handlung ist überaus simpel und eindimensional. Das mag der Leser als angenehme Abwechslung betrachten, nachdem er allzu oft durch allzu ausgeklügelte Verschwörungen eher geprügelt als spannend geführt wurde. Allerdings macht es sich Marcotullio ein wenig zu einfach. Statt das Geheimnis des Komplotts, dem der „Skorpion“ zum Durchbruch verhelfen soll, sorgfältig zu konstruieren und dann nach und nach zu aufzudecken, denkt sich der Verfasser eine wenig überzeugende und weit hergeholte Hintergrundgeschichte aus.

Tatsächlich interessiert ihn dieser Aspekt des Geschehens sichtlich wenig. Marcotullio fokussiert die Handlung auf seine Hauptfiguren – den Maler Fulminacci und seine farbenfroh gezeichneten Gefährten, den „Skorpion“, den Inquisitor Muti und diverse Mitglieder des notorisch intriganten römischen Hochadels. Sie stürzt er in eine Reihe mechanisch hintereinander geschalteter Abenteuer-Episoden, die in ihrer Gesamtheit einen Historienthriller ergeben sollen.

Um den überzeugend zu kreieren bedarf es freilich mehr Raffinesse. Marcotullios offensichtliche Unbekümmertheit im Umgang mit dem im Genre Historienroman oft viel zu sakrosankten Faktor Realität mag erfrischend wirken. Leider wird sie nicht wirklich genutzt. Stattdessen übertreibt es Marcotullio mit den Anachronismen. Seine Figuren wären in einem Drehbuch besser aufgehoben. Ständig ‚spielen‘ sie – manchmal ziemlich aufdringlich – mit den Alltäglichkeiten ihrer Zeit. Das könnte witzig sein, wenn der Verfasser über entsprechendes Talent verfügte. Dem ist nicht so, weshalb entsprechende Passagen platt wirken. Da hilft auch nicht der ‚sensationelle‘ Gastauftritt eines der berühmten vier Musketiere …

Schmalspurhelden und flaue Bösewichte

Die Flachgründigkeit spiegelt sich schmerzhaft deutlich in den Figuren wider. Fulminacci ist zwar Künstler aber auch ein Feuerkopf, Weiberheld und Raufbold. Das soll ihn zu einem unkonventionellen Sympathieträger adeln. Stattdessen wirkt er wie ein infantiler Trottel, der irgendwann die Kontrolle über sein Handeln mehr oder weniger aufgibt und sich der Leitung einer starken Frau ergibt, „für die man schwerlich ein historisches Vorbild finden dürfte, da die Rolle der Frau zu jener Zeit eine eher untergeordnete war. Weil ich dem Maler eine unabhängige, besonnene und couragierte Frauenfigur zur Seite stellen wollte, habe ich mir erlaubt, die Grenzen der Historizität etwas zu dehnen …“ (Autor Marcotullio auf S. 536).

Während man sich damit noch abfinden könnte, erzürnt das Ergebnis, das Beatrice zu einem streitsüchtigen Frauenzimmer mutieren lässt, was verdrehte Verliebtheit suggerieren soll: Die angeblich erwachsenen Protagonisten führen sich wie pubertierende Jugendliche auf; ein Verhalten, dass Marcotullio unerhört komisch zu finden scheint, da er viele Seiten auf entsprechende Schilderungen verwendet.

Die Schwere der historischen Realität soll durch weitere unkonventionelle Figuren gebrochen werden. Baldassarre Melchiorri, der „Großmeister“, gibt den schlauen Bruder Leichtfuß, der sich als Magier und Ratgeber das Vertrauen dümmlicher Hochadliger erschleicht. Valocchi, der flämische Maler, steigt mit jeder Frau ins Bett und sorgt für ‚komische‘ Zwischenspiele, wenn er mit der aktuellen Dame seines Herzens in flagranti ertappt wird.

Einen Bösewicht wie aus dem Märchenbuch mimt Bernardo Muti. Diese Figur ist völlig misslungen, weil sie ein reales historisches Phänomen auf Hollywood-Niveau herunter bricht: Die Inquisition gehört zu den unangenehmen Aspekten einer an Unmenschlichkeiten ohnehin reichen Geschichte. Sie als Instrument fanatischer, machtgieriger, sexuell gestörter Zeitgenossen darzustellen ist jedoch billig, Bernardo Muti eine Witzfigur, dessen Denken und Handeln wie auf Schienen erfolgt.

Eine Investition in die Zukunft

„Das Blut des Skorpions“ ist letztlich die gedruckte Hoffnung seines Verfassers, der die  dem Zeitgeschehen gewidmete Recherchearbeit in möglichst viele Fortsetzungen zu investieren gedenkt. Sehr deutlich und sogar aufdringlich stellt Marcotullio die Weichen für weitere Abenteuer von Fulminacci & Beatrice. Melchiorri und Valocchi werden bei Erfolg, der sich in der Auflagenstärke messen lässt, wieder auftreten, und nicht einmal die Rückkehr des kaltgestellten Muti darf ausgeschlossen werden. Die Weichen sind gestellt, nun dürfen die Leser entscheiden. Der verführerische leichte Ton und das erzählerische Mittelmaß werden die Zustimmung der Mehrheit finden, dessen darf man gewiss sein, während die Mechanismen der Handlung und der Figurenzeichnung nur einer – zu kritisch eingestellten? – Minderheit aufstoßen dürfte.

Autor

Massimo Marcotullio wurde 1955 im norditalienischen Pavia geboren, wo er auch heute lebt und als freier Schriftsteller arbeitet. Das Multitalent Marcotullio hat darüber hinaus Comics gezeichnet, in einer Band gespielt sowie ein Opernhaus geleitet.

[md]

Titel bei Amazon.de (gebunden)
Titel bei Amazon.de (Taschenbuch)

Abgelegt unter Abenteuer, Historisch, Krimi & Thriller, Mystery | Keine Kommentare »

Furchtlos

Erstellt von Werner Karl am 8. Januar 2010

furchtlosJack Campbell
Furchtlos
Die verschollene Flotte 1

Bastei Lübbe (2010)
ISBN 9783404233410
Originaltitel: „The Lost Fleet – Dauntless“ (2006)
Umfang: 380 Seiten
Taschenbuch, Science Fiction
Übersetzer: Ralph Sander
Titelbild: Arndt Drechsler

www.luebbe.de

Vorwort

Nun wird ja überall mal etwas verloren, auf der Erde und erst recht im Universum. Bei William Forstchen war es noch ein Regiment („Das verlorene Regiment“), bei Chris Bunch schon eine Legion („Die verlorene Legion“) und nun hat jemand eine ganze Raumflotte im All verloren: Jack Campbell mit seiner Reihe „Die verlorene Flotte“. „Furchtlos“ ist von der voraussichtlich mindestens 6 Bände umfassenden Reihe der erste Band. Alle genannten Reihen zählen natürlich zum Genre Military-SF. Allen verloren gegangenen Einheiten gemeinsam sind die Suche und der beschwerliche Weg nach Hause. Im Gegensatz zu den anderen Reihen ist aber die Ausgangssituation der verlorenen Flotte doch um einiges interessanter:

Zum Inhalt

Durch ein Massaker an dem zu Kapitulationsverhandlungen eilenden Offizierskorps der Allianzflotte wird Captain John Geary überraschend zum neuen Oberbefehlshaber der besiegten Flotte ernannt. Doch im Prinzip galt John Geary seit seinem letzten Gefecht gegen die Raumschiffe der Syndikatswelten als tot. Und das seit fast 100 Jahren. Im Kältetiefschlaf hatte er in einer Rettungskapsel seinen mittlerweile zur Heldentat hochstilisierten Kampf doch noch überlebt. Vor einer gigantischen Schlacht im Heimatsystem der Syndiks wird er entdeckt und wieder belebt. Allen Raumbesatzungen gilt er als Vorbild: Posthum zum Captain befördert, diente „Black Jack“ Geary als Held, als Legende, als Lichtgestalt in einem immer dunkler werdenden Universum.

Denn der Krieg gegen die Menschen der Syndikatwelten – den Syndiks – hat sich nach 100jährigem Kampf totgelaufen. Beide Seiten erleiden unglaubliche Verluste. Keine Partei kann entscheidende Siege erringen, welche dem Krieg endlich ein Ende bereiten würde. Und so ist man auf jeden kleinen Vorteil bedacht, der die viel zu jungen und vor allem unerfahrenen Besatzungen motivieren könnte. Die letzte Tat von Allianz-Admiral Bloch vor seiner Ermordung war die Ernennung von Captain John Geary – von der Legende „Black Jack“ Geary – zum neuen Flottenchef.

Doch wer nun glaubt, dass die ganze Flotte geschlossen hinter der Legende steht, irrt gewaltig. Die meisten halten ihn schlichtweg für ein Fossil, ein völlig veraltetes Modell und denkbar ungeeignet eine moderne Flotte zu führen. Oder gar die unmittelbare Vernichtung oder Verschleppung in die Sklaverei auf den Syndikwelten zu verhindern. Doch genau das schafft Captain Geary: Er blufft die siegreiche Heimatflotte der Snydiks und entkommt mit den geschlagenen Raumschiffen der Allianz.

Anstatt ihm dies jedoch als Leistung anzurechnen, werfen ihn große Teile der Offiziere Feigheit vor dem Feind vor und sehen seine Flucht als Bestätigung für seine Unfähigkeit. Andere Flottenteile erkennen nur nach und nach, dass jede seiner Handlungen Sinn ergibt und sich messbare Erfolge einstellen. Schritt für Schritt räumt John Geary mit den Zuständen auf, verfolgt von rachsüchtigen Syndikraumern, welche die sicher geglaubte Vernichtung der Allianzflotte nachholen wollen…

Fazit

Zugegeben, Captain John Geary kann nicht mithalten mit einer Honor Harrington (gleichnamige Serie von David Weber), noch nicht mal mit einem „alten“ Helden wie z.B. Dominic Flandry (von Poul Anderson) oder dem Dorsai-Zyklus (von Gordon R. Dickson). Doch der Grundplot von Jack Campbell hat seinen eigenen Reiz: Verlorenes Wissen um Strategie, Bluff, Disziplin und Ehre im Kampf und besonders gegenüber besiegten Feinden den eigenen arroganten, stolzen, ach so modernen Raumsoldaten wiederzugeben, ist einfach klasse. Keine Superkräfte, keine Wunderwaffen, keine Aliens…upps, pssst…, sondern Nachdenken, Kenntnisse der eigenen Vor- und Nachteile, und den Willen, den Feind mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Das! ist Captain Geary - „Black Jack Geary! Ich glaube, dass zumindest der Autor Jack Campbell „Sun Tzu- Die Kunst der Krieges“ gelesen – und verstanden hat. Mehr!

Copyright © 2010 by Werner Karl
 
Titel bei Amazon.de:
Furchtlos - Die verschollene Flotte 1

Abgelegt unter Science Fiction | Keine Kommentare »