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Turils Reise

Erstellt von Werner Karl am Mittwoch 10. März 2010

turils-reiseMichael Marcus Thurner
Turils Reise

München: Verlagsgruppe Random House 2009
Heyne Taschenbuch 52564
Science Fiction
Umfang: 416 Seiten
ISBN 9783453525641

www.randomhouse.de
www.heyne.de 

Turil gehört zu den Thanatologen, ist also eine Art intergalaktischer Bestattungsunternehmer. Er lebt im sogenannten Kahlsack, einer galaktischen Region, die von den umliegenden Galaxien völlig abgeschottet ist. Dort leben viele verschiedene Rassen, deren Geschichte mysteriöserweise zum genau gleichen Zeitpunkt begann. Gewaltige Siedlerschiffe brachten alle hierher, eine Flucht scheint unmöglich, und so haben sich die meisten Rassen weiter entwickelt und betreiben Raumfahrt und Handel auf beschränktem Raum. Auch Turil geht seinen Geschäften nach, die ihn unter anderem auf einen Planeten führen, in der Pflanzenwesen einen neuen Herrscher herbei sehnen, denn der alte ist dermaßen holzig und erzreaktionär geworden, dass die Bewohner des Planeten in ihrer Entwicklung massiv gebremst werden. Also ist es Turils Aufgabe, den alten Herrscher von Leben zum Tod zu befördern. Doch mitten im Ritual überfallen die Kitar den Planeten, eine aggressive Rasse, deren einziges Ziel die Zerstörung zu sein scheint, die alle Rassen des Kahlsacks bedrohen und die niemand aufhalten kann. Zwar kann sich Turil in Sicherheit bringen, bald jedoch begreift er, dass sein Schicksal mit dem der kriegerischen Kitar verknüpft ist und er der einzige zu sein scheint, der diese aufhalten kann…

Was verheißungsvoll als intergalaktischer Abenteuerroman beginnt, versinkt bald in technischen Details und allzu bedeutungsschwerem Geschreibsel. Warum müssen deutsche Heftromanautoren immer gleich ganze Welten retten? Können sie nicht einfach mal nur eine wunderbar exotische Geschichte erzählen? Aber offensichtlich gelingt Perry-Rhodan-Autor Thurner dies nicht, der im Klappentext dafür aber gleich zu “einer der bedeutendsten deutschen Science-Fiction-Autoren” hochstilisiert wird, obwohl er bisher nur Autor von Heftromanserien war und somit nichts wirklich Bedeutendes zur deutschsprachigen SF beigetragen hat. Bedauerlich ist dies vor allem deswegen, weil die Grundidee des Buchs und sein Auftakt recht verheißungsvoll sind. Doch bald verliert sich die wunderbar exotische Handlung in intergalaktischen Intrigen und am Ende bleibt der frustrierte Leser mit der Erkenntnis zurück, dass die wichtigsten Fragen offen bleiben, man nichts erfährt über die Besiedlung des Kahlsacks und von deren Initiatoren. Fortsetzung folgt!

Die Figuren bleiben insgesamt zu blass, dies gilt leider auch für Turil. Statt dessen führt der Autor immer neue Figuren ein, wer schon tot ist, ersteht als elektronisch abgespeicherter Erinnerungsinhalt wieder auf, intrigante Roboter und machtbesessene Androiden vervollständigen ein unmotiviertes Diorama oberflächlicher Charaktere. Darunter leidet der Lesefluss und vor allem der Spannungsgehalt der Geschichte erheblich. Irgendwann beginnt der Leser sich zu langweilen, wenn ihn nicht vorher die Klischees erschlagen haben. Schade, denn der Ansatz des vorliegenden Werks hätte wirklich eine phantasievolle und sehr unterhaltsame Geschichte transportieren können. Wer jedoch einen bunten Abenteuerroman a la Jack Vance oder ein Ideenfeuerwerk wie in Piers Anthonys herrlicher Geschichte um einen intergalaktischen Zahnarzt (dt. Der Retter von Dent-All) erwartet, wird einfach nur maßlos enttäuscht sein.

Aus einem raumfahrenden Bestattungsunternehmer und seinen Erlebnissen hätte man wirklich mehr machen können und müssen, zumal der Autor zwischenzeitlich mit einigen tollen Ideen glänzt. Aber leider muss der Protagonist schlußendlich ja wieder einmal ganze Welten und Sternensysteme retten und kann sich so nicht um grundlegende Dinge kümmern! Da ist jede Exotik verschenkt, jeder gute Ansatz wird in Heldentum ertränkt.

Kein wirklich grottenschlechter Roman und für einfach strukturierte Leser zweifellos goutabel, wer aber mehr erwartet als kindische Klischees und Superhelden, wird bitter enttäuscht sein. Und wer von Helden und wirklich interessanten intergalaktischen Verschwörungen lesen will, sollte zu Sergej Lukianenko greifen, dem einzigen zeitgenössischen SF-Autoren, der diesen Schwulst und Bombast heutzutage noch glaubhaft an seine Leser verkaufen kann!

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald

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Das Testament des Dr. Mabuse

Erstellt von Werner Karl am Mittwoch 10. März 2010

das-testament-des-dr-mabuseNorbert Jaques, Susa Gülzow
Das Testament des Dr. Mabuse
Dr. Mabuse-Filmhörspiele 4

Nach den Romanen von Norbert Jacques und den Filmen von Fritz Lang u. a.
Eichborn-LIDO, Nocturna Audio, Neu-Eichenberg, 08/2009
1 Audio-CD im Pappschuber mit Jewel-Case, Filmhörspiel, Thriller
ISBN 9783821853895
Laufzeit: ca. 66 Min./15 Tracks
Sprecher: Wolfgang Frass, Gerd Fröbe, Harald Juhnke, Senta Berger, Charles Regnier u. a.
Titelgestaltung von Karl-May-Archiv, Göttingen
Innenillustrationen (Fotos) von Karl-May-Archiv, Göttingen, Artur-Brauner-Archiv, Frankfurt am Main
1 Booklet à 12 Seiten

www.nocturna-audio.de
www.eichborn.com

Dr. Mabuse wurde festgenommen und sitzt in der Irrenanstalt des Dr. Pohland, wo er wie ein Besessener ohne Pause schreibt. Währenddessen geschehen eine Reihe unglaublicher Verbrechen, die unverkennbar die Handschrift von Dr. Mabuse tragen. Kommissar Lohmann vermutet, dass das wahnsinnige Genie einen Weg gefunden hat, aus der Anstalt heraus tätig zu werden. Doch die Organisation, die hinter den Verbrechen steht, arbeitet äußerst effizient und hochprofessionell. Ein Spitzel wird kaltblütig ermordet, und Kommissar Lohmann und sein Assistent Krüger hinken ihrem Gegner immer einen Schritt hinterher. Lohmann muss erkennen, dass Dr. Mabuse raffinierter und gefährlicher ist, als er angenommen hat …

Mit dem Filmhörspiel „Das Testament des Dr. Mabuse“ wird die erfolgreiche Reihe aus dem Eichborn-Verlag fortgesetzt. Das Hörspiel entstand nach dem Original-Kinofilm von 1962 und ist nicht zu verwechseln mit der Verfilmung von 1933, bei der Fritz Lang die Regie führte. Produziert wurde das Hörspiel abermals von Sven Schreivogel (Nocturna Entertainment), der sich bereits für die ersten drei Folgen verantwortlich zeigt. Die Erzählertexte schrieb einmal mehr Susa Gülzow, die auch Regie führte und die 90 Minuten Filmmaterial zu einem 66-minütigen Hörspiel umfunktionierte. Verwendet wurden die Original-Filmtonspulen, deren Alter man auch dem fertigen Produkt deutlich anhört. Gerade zu Beginn des Hörspiels scheppert und rauscht der Ton sehr stark, was natürlich auch einen eigenen Charme vermittelt, der den Filmen anhaftet.

Das Hauptaugenmerk der Handlung liegt auf den kriminalistischen Aspekten und den raffinierten Coups von Mabuse. Die Erzählertexte werden stimmungsvoll und mit dem nötigen Schuss trockenen Humors von Wolf Frass gelesen, der von Sven Schreivogel in seinem Vorwort nicht umsonst als der „ultimative Krimi-Erzähler“ bezeichnet wird. Und das Augenzwinkern ist angesichts so klangvoller Ganovennamen wie Kurzschluss-Henry und Lachgas-Frankie auch angebracht. Dafür wird der Hörer mit einer unbeschwerten, fantasievollen Kriminalgeschichte unterhalten, die dank der großartigen Schauspieler, die an dem Film mitgewirkt haben, zu einem nostalgischen Stück historischer Tondokumentation wird.

Neben dem genialen Gerd Fröbe ist der junge Harald Juhnke als Kriminalassistent Krüger zu hören und Senta Berger mimt die Freundin des Boxers Johnny Briggs, der von Mabuses Organisation als Ersatz für einen toten Spitzel angeworben wird. Die Hörspielfans erwartet aber noch ein besonderes Schmankerl, denn der Gentleman-Ganove Mortimer wird von Charles Regnier dargestellt, der als Dracula in dem gleichnamigen Hörspiel von Europa unvergessen bleibt. Deutlich gefälliger als noch bei den Vorgängern wurden dieses Mal die Tracks gesetzt, die lediglich in Ausnahmefällen länger als fünf Minuten sind.

Sehr viel Mühe wurde sich wieder mit dem Booklet gegeben, das ebenso viel Aufmerksamkeit verdient wie die Hörspiele selber. Zwar wurde bei den neuen Folgen auf den schmucken Pappschuber verzichtet, doch das 12-seitige Booklet beinhaltet nicht nur ein ausführliches Vorwort des Produzenten, Filminformationen sowie das Filmplakat, sondern auch eine Fülle an Fotografien aus dem Film und von den Dreharbeiten. Auch dieses „Dr. Mabuse“-Filmhörspiel glänzt durch flotte Erzählertexte, gelesen von Wolf Frass, und einem aufwändig gestalteten Booklet. Selbst nach über 40 Jahren haben die Filme nichts von ihrem Reiz verloren, und es ist, trotz altersbedingten Rauschens, ein Genuss Gerd Fröbe, Harald Juhnke, Charles Regnier und Senta Berger zu lauschen.

Copyright © 2010 by Florian Hilleberg (FH)

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die, die nicht bluten

Erstellt von Werner Karl am Mittwoch 10. März 2010

die-die-nicht-blutenVolker Sassenberg
Gabriel Burns 32: die, die nicht bluten
Gabriel Burns 33: Schmerz

Universal, München, 07 + 11/2009
je 1 CD im Jewel-Case, Hörspiel, Mystery, Horror
ISBN 9783829122757

ISBN 9783829122764
Laufzeit: je ca. 64 Min.
Sprecher: Jürgen Kluckert, Hans Paetsch, Andreas Ksienzyk,
Ernst Meinke, Björn Schalla, Bianca Krahl, Esther Münch u. a.
Titelbild von Ingo Masjoshusman
Musik von Matthias Günthert und Volker Sassenberg

www.karussell.de/
www.gabrielburns.de
www.experiment-stille.net

Schon seit einigen Folgen steht nicht mehr der übersinnliche begabte Schriftsteller „Gabriel Burns” im Mittelpunkt der Hörspielreihe, sondern seine Verbündeten und Freunde, vor allem Mr. Bakerman, Joyce Kramer und Larry Newman. Nach ihren Abenteuern in Vancouver, Seattle und auf einem Geisterschiff kommen nun weitere Herausforderungen auf sie zu. Zurück in Vancouver suchen Joyce und Larry weiter nach Hinweisen auf die „Zwei Horizonte“ (Folge 30), in denen Gabriel Burns verschwunden ist. In dieser Zeit werden sie von Gabriel Burns’ Verleger Sonny Heseltine angerufen, der sich gerade in einem Hotel am Lake Louise in Alberta befindet. Obwohl dessen Tochter im Koma liegt, fragt sie immer wieder nach dem Schriftsteller. Deshalb begeben sich die beiden Agenten auf schnellstem Wege zu ihr, nur um festzustellen, dass sich genau in diesem Hotel höchst seltsame Gäste aufhalten. Und was hat das alles mit Tamara Green und ihren Untersuchungen in Bezug auf Nahtod-Erfahrungen zu tun?

Nur einige Zeit später begeben sich Bakerman und die beiden Agenten in das kleine Städtchen Point Whitmark an der neuenglischen Atlantikküste. Während einer totalen Sonnenfinsternis, treiben dort seltsame Gestalten ihr Unwesen. Die Agenten lernen dabei auch drei Jugendliche kennen, die dort einen Radiosender betreiben. Jay, Tom und Derek begeben sich in große Gefahr, als sie „Die fiebrigen Tränen“ (siehe „Point Whitmark 25“) in Sicherheit zu bringen versuchen. Deshalb ist es an Bakerman, Kramer und Newman, das Schlimmste zu verhindern.

schmerzBeide Folgen bieten wieder einiges an Figuren, Musik und Soundeffekten auf, um fast filmisch zu wirken und die beängstigend-bedrohlichen Szenarien zum Leben zu erwecken. Besonders interessant ist diesmal die 33. Folge „Schmerz“, da sie ein Crossover zur 25. Folge von „Point Whitmark: Die fiebrigen Tränen“ darstellt und die Ereignisse um die Sonnenfinsternis nicht nur aus einem anderen Blickwinkel sondern auch wesentlich grusliger und brutaler darstellt. Auch wenn das, was zuvor geschah, grob zusammengefasst wird, bleibt ein Neueinstieg auch in diesen zwei Folgen schwierig, da man beim Hören deutlich merkt, wie viel bereits an Wissen über den Hintergrund voraus gesetzt wird. Dafür ist die Umsetzung einwandfrei, denn Soundeffekte und Musik sind gut aufeinander abgestimmt. Die beklemmende Atmosphäre wird noch um einiges vertieft. Die Macher setzen dabei bewusst auf Raumklang. Und auch die Sprecher wissen zu überzeugen, da sie die misstrauische Vorsicht und Angst der Figuren sehr genau einfangen und ihre Eigenarten hervor zu heben wissen.

So bleibt die ganze Serie weiterhin auch für erwachsene Zuhörer spannend und enthüllt diesmal ebenfalls wieder neue Aspekte der Mystery-Saga. Wie immer sind diese filmisch in Szene gesetzt und lassen Bilder im Kopf entstehen. Nur für Neueinsteiger ist der Hörgenuss weiterhin sehr durchwachsen.

Copyright © 2010 by Christel Scheja (CS)

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Gabriel Burns 33: Schmerz

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Scarface

Erstellt von Michael Drewniok am Dienstag 9. März 2010

trail-scarface-cover-2006Armitage Trail
Scarface

(sfbentry)
Originaltitel: Scarface (New York : Edward J. Clode 1930)
Übersetzung: Christian Jentzsch
Deutsche Erstveröffentlichung: 1999 (DuMont Verlag/Reihe „Noir“ Nr. 14)
229 S.
ISBN-13: 978-3-7701-5016-8
Neuauflage: Januar 2006 (Area Verlag/Reihe „Spannung pur“, Bd. 9)
237 S.
ISBN-13: 978-3-8999-6834-7

Das geschieht:

Anfang des 20. Jahrhunderts hat die aktuelle Einwanderungswelle aus Europa auch Chicago, die Stadt am Michigansee im US-Staat Michigan, erreicht. Wie Millionen anderer hoffnungsfroher Immigranten haben sich die Guarinos ins angeblich Gelobte Land jenseits des Atlantiks aufgemacht, um dort feststellen zu müssen, dass man sie dort keineswegs mit offenen Armen aufnimmt. Trotz harter und ehrlicher Arbeit vegetiert die Familie in Armut und Elend im gesellschaftlichen Abseits dahin. Sohn Tony, Amerikaner der ersten Generation, ist nicht gebildet aber intelligent und ehrgeizig. Er kommt zu dem Schluss, dass kein legaler Weg aus dem Ghetto oder gar zu Ruhm und Reichtum führen wird. So beginnt er sich zu nehmen, was ihm die Gesellschaft seiner Meinung nach vorenthält.

Wie ein entschlossener Mann ohne Skrupel zwar nicht zu Ansehen, aber zu Geld kommen kann, lernt Tony nicht in der Schule, sondern auf den Straßen seiner Heimatstadt. Schon vor dem I. Weltkrieg ist Chicago eine Stadt, in der mächtige Gangsterbanden das Sagen haben. Eine durch und durch korrupte Stadtverwaltung duldet im perfekten Zusammenspiel mit den bestechlichen Justizbehörden und der käuflichen Polizei das organisierte Verbrechen und kassiert dafür ordentlich ab. Das Bandenwesen ist noch wild und ungeordnet, doch eine neue Verbrechergeneration steht bereits in den Startlöchern. Tony ist der Gangster der Zukunft; er hat Köpfchen, scheut vor Gewalt nicht zurück, wendet sie aber planvoll an: Der Verbrecher agiert als moderner Geschäftsmann.

Den letzten Schliff erfährt Junggangster Tony auf den Schlachtfeldern des I. Weltkriegs, wo ihm eine seiner waghalsigen Unternehmungen eine entstellende Gesichtsnarbe und den Spitznamen „Scarface“ einträgt. Tony kehrt zurück nach Chicago, wo er als „Tony Camonte“ als geschickter Stratege rasch zum Anführer einer eigenen Bande aufsteigt. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Ein Bandenkrieg bricht aus, den Camonte mit allen Mitteln für sich zu entscheiden gedenkt …

Nicht alle Geschichten reifen wie Wein

„Scarface“, der Roman, gehört zu den oft zitierten (aber offensichtlich selten gelesenen) Klassikern der Kriminalliteratur. Zumindest in Deutschland war dies viele Jahre ohnehin schwer möglich: Stolze siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung in den USA brachte der DuMont Verlag „Scarface“ 1999 in seiner kurzlebigen „Noir“ Reihe heraus.

Die Lektüre macht rasch deutlich, dass dem Krimifreund kein Verlust entstand. „Scarface“ ist ein roher, ja primitiver Reißer, der seinen Ruhm ausschließlich der Tatsache verdankt, einer der ersten Romane zu sein, die im Milieu des organisierten Verbrechens spielen. Man muss bei der Lektüre berücksichtigen, dass Armitage Trail jene Szenen und Bilder, die heute reflexartig beim Stichwort „Gangster in Chicago“ vor dem kollektiven geistigen Auge auftauchen, quasi erfunden hat. Schon wenige Jahre später waren die schweren Jungs und ihre leichten Mädchen zum Klischee verkommen.

Da lebte Trail (alias Maurice Coons, 1902 1930) bereits nicht mehr. Er versäumte den Augenblick, der seinen grobschlächtigen Erstling in den Olymp der Unterhaltung eingehen ließ: Howard Hawks‘ filmisches Meisterwerk „Scarface“ übersetzte 1932 das, was Trail ohne Wissen um seine mythische Kraft zusammengetragen hatte, in suggestive Bilder und eine mitreißende Geschichte, die noch im 21. Jahrhundert durch ihre Intensität überrascht und sich 1983 von Brian De Palma in seinem „Scarface“-Remake wiederbeleben ließ: Tony Camontes Welt ist vor allem die Welt des Kinos.

Zwischen Realität und Mythos

Der Roman von 1930 ist dagegen ein historisches Kuriosum, das primär den Genre-Experten ansprechen dürfte. Außerdem ist „Scarface“ ein interessantes Zeitdokument. Trail schrieb seinen Roman auf dem Höhepunkt der ‚Gangstermania‘ in den USA. Die Presse liebte Männer wie Giacomo Colosimo, John Torrio oder Al Capone und ihre Mörder und Schläger, die romantisch verruchte Spitznamen wie „Machine Gun Kelly“, Frank „The Enforcer“ Nitti oder „Babyface Nelson“ trugen und dem braven Bürger in seiner sicheren heimischen Stube angenehme Gruselschauer bescherten.

Jenseits reißerischer Schlagzeilen gab es aber auch zu dieser Zeit bereits Bemühungen, hinter die Fassade zu blicken. „Scarface“ spricht viele Realitäten an, die man in einem solchen Machwerk nicht vermuten würde und die erst viel später in fünffingerdicken, hoch gelehrten Sachbüchern wieder auftauchten. Dabei schreckt Trail, der diese Fakten angeblich persönlich in der Unterwelt recherchierte, auch vor unangenehmen Wahrheiten nicht zurück, die vor allem Politik und Justiz bigott und scheinheilig zu vertuschen suchten.

Der Aufstieg des organisierten Verbrechens in den USA ist in erster Linie ein hausgemachtes Problem. Die Einführung der Prohibition, eines gut gemeinten, aber schlecht durchdachten und letztlich sinnlosen Gesetzes, das von der Mehrheit der Bürger nicht angenommen wurde, führte zwischen 1919 und 1932 zum Aufbau einer ‚schwarzen‘ Alkoholindustrie im Untergrund und quasi zur Entstehung illegaler Wirtschaftskonzerne; eine Entwicklung, die nicht mehr rückgängig zu machen war, was Trail recht schlüssig nachzeichnet.

Schwere Jungs ohne echte Chancen

Leider hat sich sein schriftstellerisches Geschick darin erschöpft. In den Faktenrahmen eingebettet wird eine einfache und an sich funktionstüchtige, jedoch hoffnungslos in Klischees und Moralismen erstickende und auf niedrigstem Erzählniveau dargebotene Geschichte, die bei allem Verständnis für einen Roman, der bereits 1930 entstand, die Geduld des Leser überstrapaziert.

So ist Tony Camonte eine kaum verhohlene ‚Hommage‘ an den berühmten Gangsterboss Al(phonse) Capone (1899 1947), gesehen allerdings durch die Augen eines „Pulp“ Vielschreibers. Allen hellsichtigen Momenten zum Trotz sind Trails Gangster hässlich, verschlagen, eben böse (aber zeittypisch stets weiß) und daher ideales Futter für die Kanonen der „moralischen Mehrheit“ ihrer Ära: Wer so offensichtlich wie ein wildes Tier lebt, um den ist es nicht schade, wenn ihn eine Kugel niederstreckt. Glücklicherweise bringen sich Verbrecher in der Regel selbst um, sodass der brave Bürger sich nicht die Hände schmutzig machen muss.

Die Eindimensionalität der Charakterisierung setzt sich im Formalen ungebrochen fort. Trail schreibt die Worte offenbar nieder, wie sie gerade einfielen. An eine Überarbeitung des hastig heruntergeraspelten Textes mag man kaum glauben. Unklar bleibt auch die Qualität der Eindeutschung. Hält sie sich eng ans Original gehalten haben sollte, wäre zumindest dem Übersetzer kein Vorwurf zu machen. Lesenswerter wird „Scarface“ durch die dabei gewonnene Authentizität aber nicht.

Dicker Mann gerinnt zum verkannten Genie

Maurice Coons war nach Auskunft von Martin Compart, der zur deutschen „Scarface“-Ausgabe ein Vor- und Nachwort schrieb, ein unkonventionelles, produktives Schriftstellergenie aus altem Südstaatenadel; schwergewichtig aber leichtlebig, in der Unterwelt ebenso zu Hause wie in der High Society gelitten und nach nur zwei Romanen und noch nicht dreißigjährig unter geheimnisvollen Umständen verstorben. Die zeitgenössischen Quellen ermöglichen allerdings auch eine andere, wesentlich nüchterner ausfallende Interpretation: Armitage Trail war ein 315 Pfund schwerer, alkoholsüchtiger Zeilenschinder, der im Alter von 28 Jahren keineswegs unerwartet zu Grunde ging.

Das klingt natürlich nicht so eindrucksvoll, wie Compart es wohl gern hätte, für den „Scarface“ nicht weniger als ein „Meisterwerk“ darstellt. Erstaunen weckt in diesem Zusammenhang auch die subjektive Abwertung jeder Kritik, denn „Scarface“ war und ist als Roman keineswegs unumstritten. W. R. Burnett (1899-1982), der mehr als einen echten Gangsterkrimi Klassiker („Little Caesar“, 1929; „High Sierra“, 1940; „The Asphalt Jungle“, 1950) verfasst hat, machte seinem Unmut Luft, als er „Scarface“, den Roman, für das Drehbuch zum gleichnamigen Film bearbeiten musste. Compart stellt ihn als gehässigen Neider hin, der einen toten Kollegen anschwärzte, der sich nicht mehr wehren konnte. Das ist so nicht nachvollziehbar. Profi, der er war, beschreibt Burnett nüchtern einen wahren Sachverhalt.

Faktisch würde sich heute niemand mehr an Armitage Trail erinnern, hätten die beiden „Scarface“-Filme von 1932 und 1983 seinen literaturhistorisch interessanten aber kaum lesbaren Roman nicht mit sich in Klassiker-Höhen gezogen. Diese Erkenntnis stellt sich nach wenigen Lektüreseiten ein.

Autor

Armitage Trail wurde 1902 als Maurice Coons und Sohn eines Impresarios in New Orleans geboren. Schon mit 16 Jahren verließ er die Schule und begann ab 1918 seinen Lebensunterhalt als Verfasser von Detektivgeschichten für die zeitgenössischen „Pulp“-Magazine zu verdienen. Da er einen aufwendigen Lebensstil pflegte, blieb ihm angesichts der notorisch niedrigen Honorare nur der Ausweg, möglichst viel zu schreiben. Damit dies nicht auffiel, legte sich Coons eine ganze Reihe von Pseudonymen zu.

Ende der 1920 Jahre ging Coons erst nach Chicago, wo er für seine beiden einzigen Romane auch im Gang-Milieu recherchierte, und später nach Hollywood, wo er als „Armitage Trail“ für die Filmindustrie arbeitete. Seinen Durchbruch als Autor von „Scarface“, der Vorlage für den Filmklassiker von 1932, erlebte Trail nicht mehr. Im Alter von 28 Jahren bereits mehr als 150 kg schwer und alkoholsüchtig, versagte sein Herz am 10. Oktober 1930 immerhin stilvoll, weil während eines Kinobesuches im Paramount Theatre in Los Angeles.

[md]

Titel bei Amazon.de (DuMont-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de (Area-Ausgabe)

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Sternengötter

Erstellt von Werner Karl am Dienstag 9. März 2010

sternengotterAlan Dean Foster
Sternengötter

Originaltitel: Running from the Deity (2005)
Ins Deutsche übertragen von Kerstin Fricke
Bergisch Gladbach: Bastei Verlag 2009
Bastei Lübbe Taschenbuch 24387
Science Fiction
Umfang: 333 Seiten
ISBN 9783404243877

www.bastei-luebbe.de

Flinx und sein Minidrache Pip sind weiterhin auf der Suche nach der gewaltigen Waffenplattform der ausgestorbenen Rasse der Tar-Aiym, als die “Teacher”, Flinx Raumschiff, meldet, dass es dringend eine Auszeit zu einer Selbstreparatur benötigt. Da dazu Rohstoffe notwendig sind, landet die “Teacher” auf dem Planeten Arrawd, einer Welt, auf der zwar intelligentes Leben existiert, die hier vorherrschende Rasse jedoch noch in einer Art Mittelalter lebt und keine Ahnung von anderem außerirdischen intelligenten Leben hat. Kontaktversuche mit den Einheimischen sind eigentlich verboten, doch Flinx denkt sich nicht viel dabei, als er, nachdem er sich den Knöchel verstaucht hat, die Gastfreundschaft eines netten einheimischen Pärchens annimmt, die sich auch bald mit dem fremden Alien abfinden können.

Als Flinx jedoch sein technisches Wissen und vor allem sein (vermittels mitgebrachter Geräte generiertes) erstaunliches medizinisches Können zur Verfügung stellt, beschließen Ebbanai und vor allem seine geschäftstüchtige Frau Storra, dies für ihre Zwecke zu nutzen. Bald erscheinen Dutzende von Kranken, die geheilt werden wollen. Flinx kommt in seiner Naivität diesem Wunsch nach, hilft wo er helfen kann, ohne zu berücksichtigen, dass seine Macht zum Selbstläufer wird und man ihn anschließend nicht mehr von Arrawd weglassen will. Statt dessen bricht seinetwegen sogar ein planetarer Krieg aus, und als ein Attentäter ihm sogar nach den Leben trachtet, muss der inzwischen völlig hilflose Flinx erkennen, dass die Vorgaben des Commonwealth, wonach man solch primitive Zivilisationen nicht kontaktieren dürfe, absolut berechtigt sind.

Fosters Plot ist nicht neu, jedoch gut erzählt und spannend. Ähnlich wie Dr. Alan Bulmer in F. Paul Wilsons Roman Die Gabe ergeht es auch Flinx, denn anstatt Dankbarkeit erfährt er Wut und Hass von allen, die er nicht mehr heilen kann, sollte er abreisen wollen (wobei Wilson zugestanden werden muss, hier sein Sujet deutlich drastischer und vor allem überzeugender zu entwickeln).

Die fremde Zivilisation auf Arrawd wird einigermaßen plastisch, es fällt jedoch auf, dass Sternengötter, wie viele von Fosters neueren Werken, nicht mehr ganz die Qualität seiner früheren Geschichten aus dem Homanx-Commonwealth erreicht. Der Klappentext behauptet zwar vermittels einer zitierten Pressestimme, dies sei der beste Pip-und-Flinx-Roman Fosters bisher, wer die anderen Geschichten um den jungen rothaarigen Mann und seinen Minidrachen kennt, dem ist aber klar, dass dies sicherlich nicht den Tatsachen entspricht. Sternengötter ist gute und abenteuerliche Unterhaltung mit glaubhaften Protagonisten und einer akzeptablen exotischen Atmosphäre, nicht mehr und nicht weniger. Lesenswert ja, aber keinesfalls sehr gut oder gar überragend.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald

Titel bei Buch24.de:
Sternengötter

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Angriff der Flukes

Erstellt von Werner Karl am Dienstag 9. März 2010

angriff-der-flukesAndré Linke
Angriff der Flukes
Crystal Yorkshire Alpha (1 von 5)

Machtwort-Verlag, Dessau, 2. Auflage: 07/2007
TB, Jugendbuch, SF-Komödie, Satire
ISBN 9783938371834
Titelgestaltung von Josho
Sonderhoff/josh@noizwyrm.com
Illustrationen von Jinxin Li und Lorenz Hideyoshi Ruwwe

www.machtwortverlag.de
www.andrelinke.de
www.desdemona.de.tc/
www.hideyoshi-ruwwe.net/
www.crystalyorkshire.de

Dennis Stevens’ Job als Taxiflieger macht ihn nicht eben glücklich. Da er ein Mensch ist und diese Spezies in den Weiten des Weltalls - und mittlerweile in allen anderen Galaxien - als dümmste lebende Form im Universum gilt, ist er auch allerlei Schikanen ausgesetzt. Weil der Teleporter aufgrund eines Streites über die Farbgebung auf Eis gelegt wurde, ist er es, der Planeten weit fliegen muss, um eine alte Oma von A nach B zu transportieren. Sein einziger Freund Fruckley ist ein Lurder und begleitet ihn auf all seinen Missionen. Doch eines Tages kracht ein anderes Raket in das von Dennis. Zwei bildhübsche Mädchen steigen aus. Da eine von ihnen zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigt, schlägt sie Dennis K.O.! Er erwacht mit Fruckley in einer seltsamen Umgebung. Man stellt ihn vor die Wahl: Geheimagent oder …!

So und ähnlich wird dem Leser eine der verrücktesten Geschichten geschildert, die im Moment wohl auf dem Büchermarkt zu erwerben sind. Dabei spart die Autorin nicht an Szenen, die Dank der Depressionen oder anderer Missachtungen ihrer bzw. anderer Personen auf einmal gar nicht existent sind. Da lamentiert sie Seitenlang über alternative Szenen, unsinnige Nebendialoge und angriffslustige Staubkörnchen. Aber gerade dieses scheinbare ‚Tohuwabohu’, macht den Reiz dieser Story aus.

Die wunderschönen Zeichnungen von Jinxin Li und Hildeyoshi Ruwwe im Manga-Stil erfreuen das Auge des Lesers und lockern die Erzählung positiv auf. Nebenbei bekommen die einzelnen Protagonisten eine Seele eingehaucht. Die Titelgestaltung von Josh Sonderhoff und Jinxin Li zeigen einen rauchenden, jugendlich wirkenden Mann, der lässig auf einem Balkon oder Dach zu sitzen scheint. Dabei blickt er träumerisch in die Nacht. Das Funkeln einzelner Sterne kann man erkennen. Der leuchtend grüne Pullover erweist sich dabei als wahrer Eyecatcher.

André Linke hat mit ihrem Debütroman der „Crystal Yorkshire“-Serie eine einzigartige Geschichte erschaffen. Sie bedient sich dabei einer Gesellschaftskritik der völlig anderen Art. Wer fantastische Geschichten im SF-Stil liebt und dazu noch einige gehörige Portion tiefschwarzen Humors vertragen kann, wird diese Serie verschlingen. Alle jugendlichen Erwachsenen, ob Mann oder Frau, ab 14 Jahren werden in dieser Geschichte etwas finden, das sie interessiert. Da es vor Romanzen, Kampfszenen und wilden Fahrten mit Raumschiffen in dieser Story nur so wimmelt, dürfte diese Serie bald reißenden Absatz finden.

Copyright © 2010 by Alexandra Balzer (alea)

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Angriff der Flukes

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Sturmbrecher

Erstellt von Werner Karl am Dienstag 9. März 2010

sturmbrecherCharlotte Engmann & Christel Scheja
Sturmbrecher

Dead Soft Verlag, Mettingen, 01/2007
TB, Gay-Fantasy, Boys Love/Slash
ISBN 9783934442375
Titelgestaltung von Chris Schlicht und Christopher Müller

www.deadsoft.de
www.mynetcologne.de/~nc-engmanch/
www.legendensaenger.privat.t-online.de/
www.dreamspiral.de

Ahrunan ist ein Magier, der seit über fünfhundert Jahren lebt, sich verbirgt, vor der Inquisition flieht. Zauberei wird mit dem Tod bestraft! Die Geschichte beginnt bereits mit einem drastischen Eindruck, zu welcher Grausamkeit die Priester des Auron fähig sind, um all jene, die Schlangenaugen und damit magische Kraft besitzen, zu beseitigen. Nur mit Mühe gelingen ihm ein weiteres Mal die Flucht wie auch die Rache an jenen Mann, der ihn verraten hat. Doch schon gerät er wieder in Gefahr: Gegen seinen Willen schleppt ihn Jandor, der Sohn des Markgrafen von Terredin, zu dessen heimatlicher Festung. Der alte Markgraf Baldor liegt im Sterben. Einst war er der Gefährte und Geliebte Ahrunans; er weiß von dessen wahrer Identität. Baldor fleht ihn an, die Sorge um seine Kinder zu übernehmen,:Jandor, dem nachfolgenden Markgrafen, und noch mehr Miria, seine Tochter, die ein zartes Geschöpf ist.

Ahrunan weiß, dass er nicht lange bleiben darf, denn Terredin droht die Vernichtung. Gemeinsam mit anderen Markgrafen haben sie sich vom König abgewandt, der sich immer mehr der Priesterschaft des Auron unterwirft und den Markgrafen verweigert, ihren Titel und Besitz an die eigenen Kinder vererben zu dürfen. Jandor zwingt Ahrunan mit Gewalt, in diesem aussichtslosen Kampf mitzuwirken, und damit nimmt das Schicksal seinen Lauf…

Es ist keine sanft erzählte Geschichte, keinen einzigen Moment lang wird irgendetwas beschönigt oder verherrlicht. Dabei liegt die Wirkung in den Bildern, die von den Autorinnen geweckt werden, nicht in bluttriefenden Szenerien. Mit wortgewaltiger Sprache schildern die Autorinnen Krieg, Belagerung, Verrat, Liebe und vor allem eben die Menschen, die für das kämpfen, was ihnen wichtig ist. Egal ob Ahrunan, der schon mehr Leid mit ansehen musste, als sich irgendein Sterblicher vorstellen kann, Jandor, der zwar von jugendlichem Leichtsinn, aber auch Entschlossenheit und Mut gezeichnet ist, Ranyth, der so eifrig in den Kampf für die vermeintlich gerechte Sache zieht und lernen muss, dass es viele Abstufungen von Schwarz und Weiß gibt: Alle Charaktere, bis hin zur unbedeutenden Nebenfigur, sind von bestechender, schonungsloser Realität.

Die homoerotischen Elemente geben der Geschichte eine ungewöhnliche Note, ohne jemals aufdringlich zu wirken. In niveauvoller Sprache wird diese Facette der Sexualität mit eingewoben, als etwas Natürliches, Selbstverständliches, das in dieser Welt dennoch die gleichen Probleme bergen kann wie in der unsrigen. Wer mit drastischen Schilderungen von Tod, Folter und Gewalt Schwierigkeiten hat, wird hier nicht glücklich werden, aber jedem, der außergewöhnliche Fantasy fern von abgenutzten Klischees und Standartmodellen sucht, sei dieser Roman wärmstens empfohlen.

Copyright © 2010 by Alexandra Balzer (alea)

Titel bei Buch24.de:
Sturmbrecher

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Der Tod auf dem Bankett

Erstellt von Michael Drewniok am Montag 8. März 2010

lorac-tod-bankett-coverE. C. R. Lorac
Der Tod auf dem Bankett

(sfbentry)
Originaltitel: Death Before Dinner (London : Collins 1948) bzw. A Screen for Murder (New York : Doubleday Crime Club 1948)
Übersetzung: Helene Mayer
Deutsche Erstausgabe: 1956 (Humanitas Verlag/Blau-Geld Kriminalromane 12)
212 S.
[keine ISBN]
Bisher letzte Ausgabe: 1964 (Signum Verlag/Signum TB 2135)
184 S.
[keine ISBN]

Das geschieht:

Acht Weltenbummler und Schriftsteller fühlen sich geschmeichelt, als sie in ihren Briefkästen eine Nachricht finden, die sie in das Feinschmecker-Lokal „Les Jardin des Olives“ in London einlädt. Der ebenso feine wie geheimnisvolle „Marco Polo Club“, dem nur berühmte Reisende, Wissenschaftler und Künstler angehören, hat sie einer Aufnahme für würdig befunden.

Vor Ort stellt sich allerdings heraus, dass sich jemand einen Scherz erlaubt hat. Nicht der „Marco Polo Club“, sondern offensichtlich der Sonderling Elias Trowne hat zu dem Treffen eingeladen. Empört verlässt Edmond Fitzpayne das „Les Jardin“, während die übrigen Gäste spontan die Gründung eines „Oktagon-Clubs“ beschließen, um auf diese Weise die peinliche Situation zu entschärfen.

Man hat viel Spaß an diesem Abend und muss von Henri Dubonnet, dem Eigentümer des Hauses, vor die Tür gesetzt werden. Als der müde Gastwirt seine letzte Runde dreht, findet er unter einem Tisch im Servierraum neben dem Speisesaal die Leiche von Elias Trowne. Ihm wurde der Schädel eingeschlagen, und das offenbar schon vor dem Bankett.

Chefinspektor MacDonald von Scotland Yard übernimmt den Fall. Schon früh kommt er zu dem Schluss, dass ein Mitglied des jungen „Oktagon-Clubs“ den Mord begangen hat. Im Rahmen seiner freundlichen aber intensiven Verhöre kann MacDonald jedoch keinen Verdächtigen finden. Dabei sind seine Gesprächs- und Verhörpartner außerordentlich kooperativ. Sie stellen sogar eigene Ermittlungen an, was den Mörder offensichtlich nervös macht, da bald einem zweiten Pechvogel der Schädel gespalten wird …

Rätsel-Krimi vor realem Hintergrund

Wieso kennt heute (zumindest in Deutschland) niemand mehr die Werke von E. C. R. Lorac? Gehört würde unter dieser Frage ein Tonfall liegen, der an Fassungslosigkeit grenzt. „Der Tod auf dem Bankett“ liefert jedenfalls im Überfluss, was der Freund des klassischen Rätselkrimis so liebt: den Mord im augenscheinlich fest verschlossenen Raum, eine Gruppe absolut unschuldiger Verdächtiger, in deren Mitte sich dennoch der Täter verbirgt, sowie einen Ermittler, der geduldig und geschickt den kriminellen Knoten nicht zerschlägt, sondern Fädchen für Fädchen aufdröselt.

Dabei hinaus wahrt die Autorin streng aber unterhaltsam ehrwürdige „Whodunit“-Traditionen. Der Plot ist komplex-verworren und realitätsfern, doch die geschilderten Ereignisse könnten sich so abspielen. Lorac spielt fair; sie lässt Chefinspektor MacDonald mit offenen Karten ermitteln. Wenn wir aufmerksam lesen, werden wir den entscheidenden Hinweis auf den Täter finden. Leicht macht Lorac uns dies aber nicht. Genretypisch werden wir mit korrekten, falschen und missverstandenen Hinweisen förmlich bombardiert. Den Stein der Weisheit müssen wir mühsam aus dem Schutt klauben, unter dem er begraben wird.

Wobei dieser Vergleich nicht ohne Grund gewählt wurde: „Der Tod auf dem Bankett“ gehört zu den nicht gerade zahlreichen „Whodunits“, die trotz ihrer Verschrobenheit in der Realität wurzeln. Der Roman entstand 1948, und die Handlung spielt sich in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit ab. Geschickt arbeitet Lorac die zeitgenössischen Umstände in die Geschichte ein. So ist der ominöse Bankett-Saal vor allem deshalb eine ideale Mordstätte, weil er kriegsbedingt unter die Erde verlegt, mit verstärkten Mauern versehen und mit bombenschallschluckendem Korkfußboden ausgelegt wurde.

Seltsame Vögel mit giftigen Federn

„Der Tod auf dem Bankett“ ist ein Roman, der kaum Handlung und keine exotische Handlungsorte zu bieten hat. Die Ereignisse spielen sich in einem überschaubaren Radius um den Ort des Verbrechens ab, und meist sitzen die Betroffenen beisammen und reden. Das mag langweilig klingen, ist es aber nicht, denn Lorac versteht sich darauf, ihre Geschichte im Verlauf dieser Unterhaltungen zu verdichten. Ein Sprichwort sagt, dass sich Leute um Kopf und Kragen reden können. Lorac beweist es uns. Nur eine unbedachte Bemerkung ist es schließlich, die den Mörder an den Galgen bringen wird. Bis es so weit ist, müssen viele Irrtümer und falsche Schlussfolgerungen überwunden werden. Der Leser nimmt es mit Vergnügen hin, denn er spürt, dass er an einem Haken hängt und von einer talentierten Autorin gedrillt wird.

Vom alten Spottbild des weltfremden Bücherwurms darf man sich dabei verabschieden. Lorac bricht eine Lanze für die Schwerarbeiter ihrer Zunft – jene Autoren, die nicht Kunst schaffen, sondern Handwerk produzieren, das dem Leser, der gleichzeitig zahlender Kunde ist, gefallen soll, um in möglichst großer Zahl gekauft zu werden. Der Alltag solcher Autoren im Jahre 1948 mag in der Rückschau pseudo-romantisch wie Carl Spitzwegs Bild vom „Armen Poeten“ wirken, doch Lorac zeigt nüchtern kreative und mit den Usancen ihres Geschäftes vertraute Männer und Frauen, die vor allem einem Job nachgehen.

Unter dem Glanz der Gelehrsamkeit

Das Verständnis dieser Realität ist wichtig, denn sie wird zum Schlüssel für die finale Auflösung. Die geistige Gewandtheit, die Chefinspektor MacDonald an seinen Verdächtigen bewundert, ist ein zweischneidiges Instrument. Voller Tatendrang, mit schnell erworbenem Fachwissen und vielen eigenen Ideen beteiligen sich die Angehörigen des „Oktagon-Clubs“ an der Jagd auf den Mörder. Freilich gehört der Mörder zu ihnen, und er (oder sie?) entwickelt ein ähnliches Geschick in dem Bemühen, falsche Spuren zu legen und von der eigenen Schuld abzulenken.

Dieses intellektuelle Rennen sorgt für eine Spannung, die sich zum Rätselspaß addiert. Welcher der freundlichen, hilfsbereiten, eifrigen Bücherwürmer ist tatsächlich ein kaltblütiger Mörder? Lorac hat kein Problem mit einem Verdächtigen-Feld, das acht Personen umfasst. Für jede ihrer Figuren entwirft die Verfasserin eine eigene Biografie und einen eigenen Charakter. Dieser ist jedoch oft Tarnung, denn den Mitgliedern des „Oktagon-Clubs“ ist der Schein wichtiger als das Sein. Das erschwert der Polizei die Arbeit, ist aber längst kein Hinweis auf Schuld – so einfach macht es uns Lorac nicht! Sie bringt Belege für die Unschuld ihrer Figuren bei, die im nächsten Kapitel negiert werden, bis dem Leser der Kopf schwirrt.

Was war das Motiv? Lorac spielt lange mit dem Element der Eitelkeit, denn auch (oder gerade) ‚Gebrauchs-Schriftsteller‘ sind empfindliche, leicht beleidigte Menschen. Das eigentliche Motiv ist im Gegensatz zum Täter nicht durch Miträtseln zu erkennen. In diesem Punkt wahrt Lorac ihren Wissensvorsprung, der ihr eine Lösung ermöglicht, die ebenso abenteuerlich wie logisch ist und auch jene Leser bei der Stange hält, die mit der Identifizierung des Mörders richtig lagen.

Der Detektiv im Hintergrund

Hercule Poirot, Gideon Fell, Gervase Fen, natürlich Sherlock Holmes: Der Ermittler ist im „Whodunit“ normalerweise eine herausragende und hervorstehende Gestalt. Die eine Eigenschaft kennzeichnet seinen Intellekt, die andere seinen Charakter. Kriminologische Genialität geht mit Extravaganz im Auftreten einher. Nur wenige Angewohnheiten oder Manierismen genügen, um eine Figur ins Leserhirn zu prägen. Dort bilden sie einen Vorrat, von dem der Verfasser zehren kann, denn schwache Handlungs-Passagen lassen sich mit amüsanten Verschrobenheiten und deduktiven Spielchen überwinden, die sogar das besondere Interesse der Leserschaft erregen.

Auf dieses Pfund verzichtet Lorac völlig. Robert MacDonald ist eine Figur ohne besondere Eigenschaften. Er bezieht uns nicht in sein Privatleben ein, während im modernen Krimi jeder Seelenkummer und jede Magenverstimmung des Ermittlers seitenlang ausgewalzt wird. MacDonald interessiert uns nach dem Willen seiner Verfasserin nur als Polizist. Man akzeptiert dies mit Freude und Erleichterung, denn es garantiert einen auf den Fall zentrierten Krimi und erspart uns die Seifenoper.

Das bedeutet übrigens keineswegs, dass MacDonald langweilig ist. Sein wahres Wesen entfaltet sich in der Ermittlung. Langsam aber zielgerichtet und ohne Angst vor Rückschlägen arbeitet er sich durch Indizien und Aussagen. Im Wettkampf mit den Mitgliedern des „Oktagon-Clubs“ vermag er mitzuhalten. Hinter scheinbarer Bewunderung und Bescheidenheit verbirgt sich ein scharfer Geist, der seinen Gesprächspartnern stets mehr Informationen entlockt, als diese herausgeben wollten.

Leider weicht Lorac im letzten Teil von ihrer Linie ab. Die Initiative geht auf eine andere Figur über, die eher dilettantisch den Täter identifiziert, ihn stellt und dabei in eine Falle gerät, aus der sie in letzter Sekunde gerettet werden muss: eine Wendung, die allzu offenkundig für ein dramatisches Finale sorgen soll. Dabei hat dieser Roman derartige Tricks nicht nötig. Glücklicherweise kehrt Lorac zur bewährten Form zurück, wenn in einem langen Epilog zum Finale die offenen Fragen geklärt werden. Die Autorin ist dabei souverän genug, auf logische Lücken selbst hinzuweisen, für die sie keine geniale, aber eine funktionierende Erklärung findet. Wenn die Akte Trowne zusammen mit unserem Buch geschlossen wird, ist der Leser zufrieden. Er wurde ordentlich an der Nase herumgeführt aber nicht für dumm verkauft. Lässt sich ein erfolgreicher „Whodunit“ treffender definieren?

Autorin

E. C. R. Lorac (1894-1958), geboren (bzw. verheiratet) als Edith Caroline Rivett- Carnac, muss man wohl zumindest hierzulande zu den vergessenen Autoren zählen. Dabei gehörte sie einst zwar nicht zu den immer wieder aufgelegten Königinnen (wie Agatha Christie oder Ngaio Marsh), aber doch zu den beliebten und gern gelesenen Prinzessinnen des Kriminalromans.

Spezialisiert hatte sich Lorac auf das damals wie heute beliebte Genre des (britischen) Landhaus-Thrillers, der Mord & Totschlag mit der traulichen Idylle einer versunkenen, scheinbar heilen Welt paart und daraus durchaus Funken schlägt, wenn Talent – nicht Ideen, denn beruhigende Eintönigkeit ist unabdingbar für einen gelungenen „Cozy“, wie diese Wattebausch-Krimis auch genannt werden – sich mit einem Sinn für verschrobene Charaktere paart.

[md]

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Die Niemandstraße / Eine kleine Mordmusik

Erstellt von Michael Drewniok am Montag 8. März 2010

nichols-mordmusik-coverBeverley Nichols
Die Niemandstraße / Eine kleine Mordmusik

(sfbentry)
Originaltitel: No Man’s Street (London : Hutchinson 1954)
Übersetzung: George Martin
Deutsche Erstausgabe (geb. u.
unter dem Titel „Die Niemandstraße“): 1956 (Alfred Scherz Verlag)
200 S.
[keine ISBN]
Diese Taschenbuch-Ausgabe (
unter dem Titel „Die Niemandstraße“): 1964 (Alfred Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 216)
186 S.
[keine ISBN]
Bisher letzte Ausgabe (unter dem Titel „Eine kleine Mordmusik“): 1984 (Alfred Scherz Verlag/Scherz-Krimi 976)
158 S.
ISBN-13: 978-3-502-50976-9

Das geschieht:

Im Arbeitszimmer seines abgelegen in London gelegenen Hauses liegt mit einem Dolch im Rücken Sir Edward Carstairs, ein berühmter, für seine Sachkenntnis bewunderter, aber ob seiner Unerbittlichkeit auch gefürchteter, ja verhasster Musikkritiker. ‚Kommissar‘ [im Original wohl korrekter: Inspektor] George Waller von Scotland Yard übernimmt den Fall, doch parallel dazu bittet die ehemalige Primadonna Sonja Rubinstein, die mit Edward eng befreundet war, den Privatdetektiv Horatio Green um Mitarbeit, gegen die Waller nichts einzuwenden hat.

Die Zahl der Verdächtigen ist klein. An der Spitze der Liste steht Barbara, Edwards Schwester, die offen zugibt, den Bruder verabscheut zu haben. Peter, Edwards Neffe, hat dagegen ein Alibi. Ohnehin gibt es keinerlei Geldvermögen, sondern nur den Titel zu erben. Peter kann allerdings einen weiteren Feind seines Onkels namhaft machen. Kurz vor dem Mord wurde er Zeuge eines heftigen Streites zwischen Edward und dem Dirigenten Ernst Kalkbrenner. Außerdem bemerkte Peter, dass sein Onkel eine wertvolle Schallplatte an sich nahm, welche die einzige Aufnahme der Symphonie des Komponisten-Genies Max Brunner darstellt und seit dem Verbrechen verschwunden ist.

Green muss feststellen, dass der Kreis der Tatverdächtigen weiter als ursprünglich gedacht zu ziehen ist. Als eine weitere Verdächtige den Mord gesteht, ist für Waller der Fall abgeschlossen. Für Green beginnt sich jedoch ein unerhört geschickt eingefädeltes Komplott abzuzeichnen, das so bizarr ist, dass dem Detektiv eine mindestens ebenso absurde Methode zu seiner Aufdeckung einfallen muss …

Dauerbrenner „Mord im verschlossenen Raum“

Türen und Fenster sind fest von innen verschlossen, doch trotzdem liegt im solchermaßen gesicherten Raum eine Leiche. Ein natürlicher Tod ist auszuschließen. Wer ist der Mörder, und wie hat er (oder sie) es gemacht? Generationen einfallsreicher Krimi-Autoren haben auf dem Fundament dieser Ausgangssituation literarische Feuerwerke gezündet, wobei nur die denkschwachen Vertreter ihrer Zunft Zuflucht zu faulen Tricks wie geheimen Gänge oder Zauberei nahmen.

Die ‚reine‘ Form des „Whodunits“ fand ihren Höhepunkt vor dem II. Weltkrieg. Ausgestorben ist der Rätsel-Krimi aber nie; er wurde zu einem Seitenarm des Stroms, der die Geschichte des Kriminalromans darstellt. Die Freunde dieses Subgenres mussten nicht verzagen, denn es gab stets  genug Autoren, die sich um literarische Moden nicht kümmerten.

Die heitere Seite des Mordes

„Eine kleine Mordmusik“ ist zum einen ein später Nachzügler der klassischen „Whodunits“ und zum anderen bereits das ironische Spiel mit dessen Regeln. Die kriminologische Ermittlungsarbeit wird mit der dem Leser wichtigen Detailfreude dargestellt; es gibt sogar eine Skizze vom zentralen Indiz, damit keinerlei Unklarheiten aufkommen. Alle Verhöre werden wortgetreu wiedergegeben, der Miträtsel-Faktor bleibt gewährleistet.

Allerdings ist die schließlich enthüllte Auflösung ein deutlicher Hinweis darauf, dass man „Die Niemandstraße“ als Krimi nicht gar zu ernst nehmen sollte. Groteske Verrenkungen der Logik haben zahlreiche Autoren unternehmen müssen, die sich gar zu einfallsreich ein Mordgespinst einfallen ließen, dem sie selbst nur noch mit Mühe und Not entkamen. Nichols setzt einem ohnehin humorreichen Geschehen höchstens die Krone auf. Dennoch ist die Tat möglich und die Auflösung deshalb logisch.

Für einen Hauch von Realität sorgt die Einbeziehung der damals realen Weltteilung in West und Ost, die indes zu den weniger gelungenen Einfällen des Verfassers zählt. Wesentlich besser gelungen ist ihm dagegen das Personal des „Whodunit“, dessen Gemeinsamkeit sich am besten unter das Adjektiv „übertrieben“ fassen lässt: Vor allem charakterliche Eigentümlichkeiten werden überzogen, ohne übertrieben i. S. von lächerlich zu wirken: eine Kunst, die vor allem im englischen Krimi angenehme Verbreitung fand.

Ein guter Mord gehört dazu

Zu den Eigentümlichkeiten des „Whodunit“ gehört es, dass die Behaglichkeit, die Ort und Figurenpersonal verströmen, durch eine Gewalttat nicht zerstört, sondern erst vollendet werden. Die Unbarmherzigkeit der realen Kriminalität wird durch das Genre gefiltert und gemildert. In „Die Niemandstraße“ geht es nicht nur um Mord, sondern auch um mehrfachen und gemeinen Verrat. Daran werden sich freilich nach der Lektüre nur wenige Leser erinnern. Ihnen bleibt die wie schon erwähnt spektakuläre ‚Auflösung‘ des zentralen Verbrechens im Gedächtnis, und sehr wahrscheinlich haben sie recht damit.

Wobei der deutsche Krimi-Freund vor zwei (bekannten) Dilemmas steht: Niemand kennt hierzulande die Romane von Beverley Nichols (die wirklich eine Neuentdeckung verdienen), und folgerichtig sind sie nicht nur schon vor sehr vielen Jahren (aber vollständig!) erschienen, sondern auch längst vergriffen und nur noch antiquarisch aufzutreiben. Dem ersten Umstand konnte durch diese Rezension hoffentlich einigermaßen abgeholfen werden, sodass der die Neugier des Fans geweckt ist, der sich die Mühe einer Suche – die ja auch Freude sein kann und in diesem Fall ist – anschließend gern macht.

Autor

John Beverley Nichols wurde am 9. September 1898 in Bower Ashton bei Bristol in England geboren. Schon in jungen Jahren entwickelte er sich zu einem vielseitigen Publizisten. Bereits 1920 erschien „Prelude“, Nichols‘ Romandebüt und Start in eine Schriftsteller-Laufbahn, die mehr als sechs Jahrzehnte währte. Nichols schrieb mehr als 60 Romane und Sachbücher, Essays, Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke, er arbeitete als Journalist, verfasste Reden und komponierte Musik. Er zeigte sich in vielen Genre-Sätteln sitzfest und hatte keine Probleme damit, als Ghostwriter zu schreiben, wie er überhaupt seine literarischen Ansprüche sehr gut mit einem Dasein als Lohnautor vereinbaren konnte.

Obwohl sein thematisches Spektrum beachtlich war, basiert Nichols‘ Ruhm in England vor allem auf seinen Reiseführern durch große Gärten in England. Sie werden seit Jahrzehnten immer wieder aufgelegt und mischen Fachwissen mit literarischen Hochqualitäten. Auf die aus seinen Gartenbüchern resultierende Reputation nahm Nichols keine Rücksicht. In „Father Figure” rechnete er 1972 mit seinem Vater ab, einem Alkoholiker, von dem er missbraucht worden war und den er versucht hatte umzubringen. Dieses Buch erregte großes Aufsehen und den Missfallen gesetzestreuer Bürger, die Nichols als gefährlichen Gesetzesbrecher anzuzeigen versuchten.

Mit seinem Lebenspartner Cyril Butcher lebte Nichols in London. Dort ist er am 15. September 1983 an den Folgen eines Sturzes gestorben.

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Silberlinge

Erstellt von Werner Karl am Montag 8. März 2010

silberlingeJim Butcher
Silberlinge
Die dunklen Fälle des Harry Dresden

Originaltitel: Death Masks (2003)
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
München: Droemersche Verlagsanstalt 2009
Knaur Taschenbuch 50175
Umfang: 431 Seiten
ISBN 9783426501757

www.droemer-knaur.de

Noch immer tobt eine Art “Kalter Krieg” zwischen den Vampiren des “Roten Hofs” und der Vereinigung der Magier, zu der auch der Chicagoer Magier und Privatermittler Harry Dresden gehört. Dieser steht auch als scheinbarer Auslöser des Konflikts im Mittelpunkt des Interesses der Vampire, die immer wieder versuchen, Harry zu töten. Ein mächtiger Vampir bietet ihm deshalb eine Art persönliches Duell an mit der Option, sollte Harry gewinnen, die Fehde ein für alle mal zu beenden. Doch kann man den Mitgliedern des “Roten Hofs” überhaupt trauen?

Als dann auch noch das berühmte Grabtuch Jesu aus Italien gestohlen wird und ausgerechnet in Chicago wieder auftaucht und sich zudem ein Mafiaboss persönlich einschaltet, der Harry ebenfalls nach dem Leben zu trachten scheint, hat der Magier alle Hände voll zu tun, sich seiner Haut zu wehren. Doch seinen gefährlichsten Gegner kennt Harry noch gar nicht, denn er und seine Helfer werden in den Kampf gegen eine uralte Sekte verwickelt, welche die Silberlinge verwalten, jene 30 Silbermünzen, die dereinst Judas für seinen Verrat an Christus erhalten haben soll. Jede dieser Münzen verspricht ihrem Besitzer unglaubliche Macht und Unsterblichkeit, jedoch auch  höllische Seelenqualen und die bedingungslose Abhängigkeit von diesem Machtinstrument. Der Anführer der sogenannten Denarier plant jedoch viel mehr. Mit dem Grabtuch Jesu könnte er mannigfaltige Seuchen unvorstellbaren Ausmaßes über die Menschheit bringen und nur Harry und seine Helfer können dies vielleicht noch verhindern…

Silberlinge ist der fünfte Band der Serie um Harry Dresden und gehört sicherlich zum Besten, was die Reihe bisher zu bieten hatte. Vor allem der durchgängige Spannungsgehalt des Romans ist ein entscheidendes Argument für das Lesevergnügen des vorliegenden Buchs. Dabei wirkt die Action nicht so überzogen wie in Wolfsjagd, kleine Pausen ermöglichen dem Leser Atem zu schöpfen und die verschiedenen Krisenherde und Gegner halten nicht nur den Protagonisten auf Trab, sondern auch den Rezipienten. Zwar labern die Schurken mal wieder zu viel und können es nicht lassen, wenn sie den Gegner schon “unter dem Messer” haben, ihn noch so lange voll zu quasseln, bis endlich Rettung naht, jedoch kann man dem Autor diese Schwäche durchaus nachsehen, gelingt ihm doch erneut ein packendes, atmosphärisch dichtes Abenteuer mit glaubhaften Charakteren und einem nicht zu überbietenden Spannungsgehalt. Über weitere Bände dieser wunderbaren Serie wird man sich freuen dürfen, der nächste soll laut Ankündigung des Verlags bereits im September 2009 erscheinen.

Copyright © 2009 by Gunther Barnewald

Titel bei Buch24.de:
Silberlinge - Die dunklen Fälle des Harry Dresden

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